Unternehmensnachfolge

Die übernächste Generation

Alleingesellschafter Peter Müller übergab die Geschäftsführung des Medizintechnikherstellers MedTec & Science an zwei Mitarbeiter. Warum sich der Unternehmer bei der Nachfolge für die beiden jungen Ingenieure entschied. EVA-ELISABETH ERNST

MedTec & Science GmbH, Peter Müller, Michael Ecker, Christian Zirngibl
© Wolf Heider-Sawall Gründer Peter Müller (r.) mit den Geschäftsführern Christian Zirngibl (l.) und Michael Ecker

Vielleicht liegt es ja an der vielen Bewegung an frischer Luft, dass Peter Müller deutlich jünger wirkt als 70 Jahre. Rund 15 Kilometer beträgt die Entfernung zwischen Wohnsitz und Büro, die der Gründer und mittlerweile alleinige Gesellschafter der MedTec & Science GmbH (M&S) selbst bei Wind und Wetter ausschließlich mit dem Fahrrad zurücklegt. Seit einem guten Jahr radelt er die Strecke allerdings immer seltener: Denn seit Anfang 2018 führen Michael Ecker (37) und Christian Zirngibl (36) die Geschäfte des Medizintechnikherstellers.

Die beiden Diplomingenieure absolvierten bereits als Studenten Praktika bei M&S und schätzten die Innovationskraft, das gute Betriebsklima und die »eher lockeren Strukturen«, wie Michael Ecker sagt. Er startete daher gleich nach Abschluss seines Studiums im Jahr 2008 in der Entwicklungsabteilung. Dort traf er auf Christian Zirngibl, der einige Monate vorher zu M&S gewechselt war. »Das Unternehmen war im Aufbruch. Wir hatten von Anfang an das Gefühl, dass wir hier etwas erreichen können«, erinnert sich Zirngibl.

Das lag nicht zuletzt daran, dass sich Oscar Sebastiani, mit dem Peter Müller das Unternehmen im Jahr 1980 als Müller & Sebastiani Elektronik GmbH gegründet hatte, kurz zuvor in den Ruhestand verabschiedet hatte. Mit Unterstützung der BayBG Bayerische Beteiligungsgesellschaft mbH übernahm Müller dessen Gesellschaftsanteile und gab nochmals kräftig Gas. M&S entwickelt und produziert Diagnosegeräte und medizinische Software für Ärzte und Kliniken. Die Produkte werden von der 1981 gegründeten Tochtergesellschaft custo med GmbH vertrieben.

Innovationsschmiede

Immer mehr namhafte deutsche und internationale Medizintechnikunternehmen beauftragen den Mittelständler aus Ottobrunn zudem mit der Entwicklung neuer Geräte. In der Branche gilt M&S längst als Innovationsschmiede. Dieses Image kommt nicht von ungefähr: Schließlich sind mehr als die Hälfte der derzeit 40 Mitarbeiter in Forschung und Entwicklung tätig. Für Unternehmer Müller sind Motivation und Know-how seines Teams sehr wichtig. »Ich habe immer großen Wert darauf gelegt, nicht nur den Entwicklern, sondern allen Mitarbeitern Freiräume zu geben, sich individuell zu entfalten«, betont Müller. Das können Ecker und Zirngibl nur bestätigen. »In den gut zehn Jahren, die zwischen unserem Einstieg und der Ernennung zum Geschäftsführer vergingen, hatten wir immer das Gefühl, dass wir uns persönlich und innerhalb des Unternehmens weiterentwickeln«, sagt Ecker, der ab 2011 noch ein betriebswirtschaftliches Fernstudium absolvierte und kaufmännischer Geschäftsführer ist.

Die Chemie stimmt

Für die Technik ist nun Zirngibl verantwortlich, der laut Müller nicht nur über ein hervorragendes Gespür für technologische Weiterentwicklungen und deren Integration in Medizintechnik verfügt, sondern zudem besonders gut mit Ärzten diskutieren kann. Dass sich Ecker und Zirngibl von Anfang an fachlich wie persönlich bestens ergänzten, bezeichnet Peter Müller als Glücksfall. Er übertrug dem Duo rasch die Leitung der Entwicklungsabteilung, anschließend stiegen sie in den Führungszirkel auf, der bei M&S »Beirat« heißt. »Ich habe immer geschaut, ob den beiden ihr schneller Aufstieg in irgendeiner Form zu Kopf steigt – aber das war nicht der Fall«, sagt Müller.

Dennoch fiel ihm die Entscheidung, Ecker und Zirngibl zu Geschäftsführern zu befördern, nicht leicht. »Schließlich habe ich damit die Führungskräftegeneration dazwischen übergangen.« Dass nach wie vor das gesamte Team an Bord ist, freut ihn daher sehr. Weihnachten 2016 machte sich Müller erstmals Gedanken über seinen Rückzug aus der Unternehmensführung. Im Februar 2017 sprach er mit Ecker, Zirngibl und den anderen Führungskräften.

Anfang 2018 zog sich Müller als Geschäftsführer zurück. »Trotzdem will ich natürlich alles wissen. Ich weiß auch zu allem etwas und vor allem alles besser«, sagt er lachend, während Ecker und Zirngibl glaubhaft beteuern, dass sie froh sind, auf Müllers Erfahrungsschatz zurückgreifen zu können, und dass sie ihn als Fels in der Brandung sehen. »Selbst bei Themen, die Peter Müller anders angehen würde, akzeptiert er unsere Entscheidungen«, betont Zirngibl.

Firmenanteile abgeben

Da Müller sämtliche Unternehmensanteile hält, besteht keine Gefahr, dass MedTec & Science von Investoren oder einem der internationalen Branchenriesen aufgekauft wird. »Damit ist M&S so eine Art kleines gallisches Dorf unter den Medizintechnikanbietern«, sagt Müller. Er denkt derzeit darüber nach, wie sich der Verkauf der Firmenanteile an M&S-Mitarbeiter am besten regeln lässt. Er ist der Meinung, dass ein Unternehmen von seinen Eigentümern geführt werden sollte. »Wichtig ist natürlich, dass meine Familie abgesichert ist. Andererseits müssen die Nachfolger den Kaufpreis für das Unternehmen auch finanzieren können«, so Müller. Er kann sich durchaus vorstellen, die BayBG wieder mit ins Boot zu holen. »Die Zusammenarbeit funktioniert gut und dass die BayBG bei uns engagiert ist, wird von Außenstehenden durchaus als Qualitätsmerkmal gesehen.« In den nächsten Jahren wollen Ecker und Zirngibl internationale Märkte mit neuen Vertriebsstrukturen erschließen und das OEM-Geschäft ausweiten. Damit erwirtschaftet M&S derzeit zwanzig Prozent des Umsatzes, Tendenz stark steigend.

Den strategischen Fokus werden sie weiterhin auf Innovationen richten. »Das ist schließlich unser Alleinstellungsmerkmal«, so Zirngibl. Ein Ergebnis der intensiven Entwicklungsarbeit präsentiert M&S noch in diesem Jahr: ein manschettenloses Blutdruckmessgerät. »Damit geht mein ganz persönlicher unternehmerischer Wunsch-traum, den ich seit 20 Jahren verfolge, in Erfüllung«, freut sich Müller. Dass er die Führung seiner Firma in kompetente Hände gelegt hat, demonstrieren auch die Zahlen: 2018 war das erfolgreichste Jahr der Firmengeschichte.