Studentische Consultants

Konzepte von Digital Natives‎

Studentische Unternehmensberatungen bringen innovative Ideen in die Betriebe – zu moderaten Preisen. Außerdem können die jungen Consultants die dringend benötigten Fachkräfte von morgen sein. SABINE HÖLPER

Als Marco Herrmann, Chef der Fi­duka Depotverwaltung, in einer Konferenz über die fortschreiten­de Digitalisierung in der Finanzbranche saß, fiel plötzlich dieser Satz: „Wir wissen, Ihre Kunden sind älter, die surfen nicht im Netz“, sagte der Dozent und fügte provo­zierend hinzu: „Dann können Sie ja mit ih­ren Kunden aussterben.“ Herrmann hörte diese Worte – und fühlte sich ertappt.

Die Kunden seiner Vermögensverwaltung sind in der Tat 60 plus, das Internet ist für sie nicht so wichtig wie für 30-Jährige. So dachten Herrmann und seine Geschäfts­führer-Kollegen noch vor einem Jahr. Des­halb hatten die Münchner bis dahin auch nur eine mittelprächtige Webseite. Bei ei­ner Google-Suche fand man Fiduka erst auf Seite sieben der Ergebnisliste.

Seit Juni dieses Jahres ist das Vergan­genheit. Da wurde die neue, verbesserte Webseite freigeschaltet. „Jetzt sind wir im Google-Ranking ganz weit vorne“, freut sich der 48-Jährige. „Und wir haben mehr Anfragen.“ Umgesetzt wurde das neue Onlinemarketing-Konzept, mit dem auch die digitale Generation angesprochen wird, von der studentischen Unterneh­mensberatung Academy Consult.

Für Fiduka war es die erste Zusammen­arbeit mit einer studentischen Bera­tungsfirma. Andere Unternehmen setzen längst und immer wieder auf die jun­gen Consultants. Diese sind mit durch­schnittlichen Tagessätzen von rund 400 Euro nicht nur viel günstiger als die Be­ratungsfirmen mit den großen Namen. Die Studierenden sind auch besonders innovativ, wenn es um die Digitalisierung geht. Schließlich handelt es sich bei ih­nen um Digital Natives, die mit den mo­dernen Technologien bestens vertraut sind.

Hinzu kommt, dass sich die jungen Leu­te mit ihrer Arbeit empfehlen wollen und daher besonders motiviert zur Sache gehen. Denn jeder Auftraggeber könnte später ein potenzieller Arbeitgeber sein. Für die Unternehmen wiederum sind die studentischen Berater die Fachkräfte von morgen – mit guter Ausbildung und Praxiserfahrung.

"Wir sind ein ausgewählter Pool von High Potentials“, meint Academy-Consult-Beraterin Julia Aulbach (21) selbstbe­wusst. Die Beauftragung einer studenti­schen Unternehmensberatung ist folglich auch eine Chance, sich Fachkräfte zu si­chern. „Viele der studentischen Berater gehen später zu einem ihrer Kunden“, sagt Aulbach. Oder sie steigen bei einem der 14 Spon­soren der Beratung ein. Unter den Un­terstützern finden sich große Namen wie etwa The Boston Consulting Group, Rocket Internet oder Siemens. Thomas Buse, Senior Teamleiter bei Global Expert Services der Siemens AG bestätigt: „Die Zusammenarbeit mit Academy Consult ist eine gute Möglichkeit, Talente zu rekru­tieren.“

Seit zweieinhalb Jahren fungiert der Konzern als sogenannter Kurator der studentischen Unternehmensberatung. Bereits zwei junge Leute wollte man für ei­nen Eintritt ins Unternehmen gewinnen. Darüber hinaus hat die Beratersparte von Siemens bislang 13 junge Leute als Werk­studenten oder Praktikanten beschäftigt. „Wir haben einen kurzen Draht zu den qualifizierten jungen Leuten“, nennt Buse (45) als Vorteil der Kooperation. „Sie brin­gen frischen Wind in unser Unternehmen und der Austausch mit ihnen ist berei­chernd für unsere Arbeit.“ Im Gegenzug unterstützt der Konzern die Berater finan­ziell. Hin und wieder hält Buse auch einen Vortrag vor den Studierenden.

Praxiserfahrung sammeln

Studentische Unternehmensberatungen gibt es an vielen Hochschulen, in Oberbay­ern etwa Consult.IN an der Technischen Hochschule Ingolstadt und Academy Con­sult an der Technischen Universität Mün­chen (TUM), die 1999 gegründet wurde und seither etwa 350 Projekte umsetzte. Häufig setzen sie sich aus Studierenden der wirtschaftswissenschaftlich gepräg­ten Studiengänge zusammen. Immer öfter arbeiten die Beratungen aber auch interdisziplinär, nehmen also Studieren­de anderer Fachrichtungen auf. Für die angehenden Akademiker ist die Mitarbeit eine gute Möglichkeit, Praxiserfahrung zu sammeln und unternehmerisches Den­ken und Handeln zu lernen. „Im Studium selbst bekommt man ja nur wenig Ein­blick in die Berufspraxis“, sagt Aulbach, die an der TUM im fünften Semester Chemieingenieurwesen studiert. Deshalb ging sie vor anderthalb Jahren zu Acade­my Consult. „Hier kann ich professionell arbeiten“, meint sie.

Auch beim Beraterauftrag für Fiduka wirk­te die Studentin mit. Gemeinsam mit zwei Kommilitonen war sie im Unternehmen, um die Präsenz im Internet zu verbessern und die Webseite moderner zu gestalten. 30 Tage lang recherchierte und diskutier­te das Team, probierte, verwarf und dach­te neu. Das Ergebnis: eine dynamische und interaktive Webseite, auf der wichtige Themen hervorgehoben werden.

Außerdem ist die Seite jetzt leichter zu­gänglich, unter anderem dank der neu in­tegrierten Karte mit Routenplaner sowie einem Kontaktformular. Kunden erhalten jetzt regelmäßig einen Newsletter. Damit das Unternehmen im Google-Ranking weit oben landet, wurde die Firma im Netz von „Depotverwaltung“ in „Vermögensverwal­tung“ umbenannt. Überdies schrieben die Mitarbeiter von Academy Consult einen Leitfaden zur effizienten Nutzung von Google-Adwords. „Die Abschlusspräsen­tation war insgesamt sehr umfangreich und gut“, lobt Fiduka-Geschäftsführer Herrmann. „Die jungen Leute haben da sehr viel Energie hineingesteckt.“ 10.000 Euro bezahlte der Mittelständler für die Arbeit der Studierenden. Professionelle Berater hätten mindestens das Fünffache gekostet, schätzt Herrmann. „Das Preis-Leistungsverhältnis ist un­schlagbar“, bekräftigt Aulbach.

Dass professionelle Consultants auch deshalb mehr kosten, weil sie mehr Erfahrung haben, lässt die junge Frau nicht gelten: „Natürlich haben wir nicht von allem Ex­pertise“, sagt sie. „Und wir können nicht alles perfekt.“ Aber jedes Projekt werde kontrolliert, häufig von einem Alumni mit weitreichenden Erfahrungen. Außerdem seit etwas anderes noch wichtiger: „Wir sind die treibende Kraft, die Problemlö­sungen vorantreibt.“