Stadtverkehr

Mit Roboterbus und App

Stau auf den Straßen, Gedränge in Bussen und Bahnen. München droht der Verkehrsinfarkt – so wie vielen Metropolen. Wie planen europäische Großstädte die Mobilität der Zukunft? Eignen sich ihre Konzepte für Bayerns Landeshauptstadt? Eine Serie – Teil eins: Helsinki. ULI DÖNCH

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© ©ladysuzi - stock.adobe.com Roboter-Buslinie in Helsinki

München hat ein Problem, das die Stadt mit Metropolen der Welt teilt: Der Verkehr stockt, die Straßen sind dicht, die Parkplätze rar. „Der Bedarf der Menschen an urbaner Mobilität und der Unternehmen an urbaner Logistik wächst, gleichzeitig sind die Ressourcen und Kapazitäten in der Stadt knapp“, analysiert Korbinian Leitner, Referatsleiter Verkehrsinfrastruktur und Mobilität der IHK für München und Oberbayern. „Vor allem die Hauptverkehrsstraßen lassen sich nicht beliebig erweitern.“

Trotz dieser angespannten Situation gilt weiterhin das Leitbild: Alle Verkehrsteilnehmer sollen ihre Ziele in der Stadt berechenbar, zuverlässig und komfortabel erreichen können. Ganz gleich, ob gewerblicher Gütertransport, privater Individualverkehr oder öffentliche Verkehrsmittel.

Aber wie kann das gelingen? Die naheliegende Lösung: Das vorhandene Straßennetz muss sinnvoller genutzt werden, gerade weil es sich um ein solch knappes Gut handelt. Das lässt sich erreichen, indem sich die Menschen für effizientere Verkehrsmittel entscheiden – sich also so fortbewegen, dass sie die vorhandene Fläche optimal nutzen.

Flächeneffiziente Verkehrsmittel nutzen

Dabei ist klar: Individualverkehr – Auto, Motorrad, ja sogar das Fahrrad – benötigt mehr Platz auf der Straße als öffentliche Verkehrsmittel wie etwa Bus und Bahn. Zu diesem Schluss kommen alle wissenschaftlichen Studien. Sie errechnen die Anzahl der Personen pro Quadratmeter, die sich auf dieser Fläche fortbewegen beziehungsweise transportiert werden. IHK-Verkehrsexperte Korbinian Leitner: „Wir alle sollten also häufiger Fahrzeuge nutzen, die flächeneffizient sind. Das bedeutet, umzusteigen von den individuellen, viel Platz beanspruchenden Verkehrsmitteln.“ Umsteigen – das würden viele gern tun.

Aber weder in München noch in einer anderen deutschen Großstadt schaffen es die öffentlichen Verkehrsmittel derzeit, die drei Grunderfordernisse der Verkehrsteilnehmer zu erfüllen:

• berechenbar: Der Verkehrsteilnehmer erreicht sein Ziel, seinen individuellen Bedürfnissen entsprechend, zu jeder Tageszeit und nach einem regelmäßigen
Fahrplan,

• zuverlässig: Bus oder Bahn sind pünktlich oder haben so gut wie keine Verspätungen oder Ausfälle, da sich sonst Termine nicht einhalten lassen,

• komfortabel: Der Nutzer hat seinen persönlichen Freiraum, bekommt einen Sitzplatz und genießt ein angenehmes Umfeld, so wie in seinem Auto.

Eine Kette von Verkehrsmitteln nutzen

Das Problem ist bekannt, Verkehrsexperten in aller Welt arbeiten an einer Lösung. Ein Ansatz dabei ist Konnektivität. Das bedeutet: Wer unterwegs ist, nutzt viele unterschiedliche Transportmittel – Auto, Fahrrad, Bus, Bahn –, die eng miteinander vernetzt sind. Der Nutzer kann sich seinen Weg von Tür zu Tür durch diese Kette von Verkehrsmitteln selbst organisieren, etwa per App.

Beispiel 1: Ein Pendler startet mit dem Auto zu Hause, stellt sein Fahrzeug am Park & Ride-Platz ab, fährt per Bus oder Bahn in die Stadt und entscheidet dann, wie er zu seinem Job kommt: ob weiter mit öffentlichen Verkehrsmitteln, zu Fuß, per Taxi oder per Leihroller beziehungsweise Leihfahrrad (Call a Bike, MVG-Rad etc.).

Beispiel 2: Ein Unternehmen soll einem Privatkunden ein Paket liefern. Der Dienstleister transportiert es zuerst in einem Klein-Lkw zur nächsten Bahnstation, die Bahn liefert es nach München. Dort in der Stadt übernimmt ein neuer Transporteur per E-Auto. Oder per Elektrolastenfahrrad: Diese Zwei- und Dreiräder sind ideal für die engen Straßen im Zentrum, sie müssen nicht in zweiter Reihe parken, lösen so keine zusätzlichen Staus aus und ermöglichen es, das Paket dem Kunden bis in die Wohnung zu bringen. In München läuft noch bis September 2020 ein Projekt, in dem Gewerbetreibende diese Lastenfahrräder testen können.

Damit diese flexible Kette von Verkehrsmitteln auch funktioniert, ist eine nutzerfreundliche Plattform erforderlich. Das kann zum Beispiel eine App sein, an die alle Dienstleister andocken können: Bahn, öffentlicher Nahverkehr, Transportunternehmen, Fahrrad- und Rollerverleiher, Taxiunternehmer und natürlich die Endkunden.

All das haben die Menschen in Finnland schon.

Vorbild Helsinki – Mobilitätsplattformen und autonomes Fahren

Die finnische Hauptstadt Helsinki verfolgt ein cleveres Verkehrskonzept, das auf zwei Säulen basiert:

• einfache und einheitliche Mobilitätsplattformen („Mobility Sharing“): Die Stadt nennt ihr Konzept „Mobility-as-a-Service“ oder kurz MaaS. Ziel ist, dass kein Einwohner Helsinkis ab 2025 mehr einen eigenen Pkw braucht.

• Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel (auch der autonom fahrenden): Die Stadt investiert vor allem in den Nahverkehr. So startete im November vergangenen Jahres eine neue U-Bahn-Linie. Sie verbindet Helsinki mit der Nachbarstadt Espoo.

Aktuelles Highlight ist seit Mitte Mai eine Roboter-Buslinie, die auf die Fahrpläne der klassischen Bus- und Bahnlinien abgestimmt ist. Seit Mitte Mai befördert die Linie 94 R (R = Robot) nach zweijähriger Testphase ganz regulär Passagiere an jedem Werktag zwischen 9 und 15 Uhr.

Der Bus des französischen Herstellers Navya fährt automatisch, an Bord ist anfangs nur noch eine Aufsichtsperson. Er startet an einer klassischen Bushaltestelle und übernimmt dort die Fahrgäste, die bis zum Kivikko Sports Park weiterfahren wollen. Der Robo-Bus fährt immerhin bis zu 18 Stundenkilometer schnell und überbrückt so die sogenannte letzte Meile von einem gewöhnlichen Nahverkehrsstopp zum endgültigen Ziel der Reisenden – obendrein soll er kostengünstiger sein als alle anderen Alternativen.

„Das Robo-Bus-Projekt untersucht, wie ausgereift die autonome Fahrtechnologie bereits ist und wie sie sich im realen Verkehrsumfeld einsetzen lässt“, erklärt Co-Projektleiter Eetu Rutanen von der Metropolia-Universität Helsinki, die diesen Versuch gemeinsam mit der Stadt durchführt. „Eines unserer wichtigsten Ziele ist, Unternehmen eine innovative Plattform zu bieten, damit sie ein für sie ökonomisch lohnendes automatisches Bus-Transportsystem für die letzte Wegstrecke zwischen der klassischen Haltestelle und dem Büro oder dem Wohnsitz der Nutzer entwickeln.“ Langfristig will die Großregion Helsinki auch die angrenzenden Gebiete an ein Robo-Bus-System anschließen.

Welches sind die ersten Erkenntnisse aus den Tests? Oscar Nissin, Co-Projektleiter der Metropolia-Universität: „Wir haben gelernt, dass diese autonomen Systeme noch weiterentwickelt werden müssen, wenn man sie ganzjährig im öffentlichen Nahverkehr einsetzt. Wir brauchen bessere Algorithmen und bessere Sensoren – vor allem, wenn wir auf die Aufsichtsperson im Bus verzichten wollen. Unser Ziel ist, dass ein Mensch nicht nur einen Bus, sondern viele Busse beaufsichtigen kann. Damit ließen sich die Betriebskosten so weit senken, dass es ökonomisch praktikabel ist.“

Im Rahmen der Mobilitätsoffensive MaaS können Bürger und Touristen öffentliche und private Verkehrsanbieter bequem miteinander kombinieren, um ihr Ziel zu erreichen. Sie mixen die Transportmittel Fahrrad, Elektroroller, Bus, Taxi, Mietwagen. Dabei buchen und bezahlen sie ihre innerstädtische Reise über eine Smartphone-App – und brauchen nur ein einziges Ticket. Der Nutzer tippt Start und Ziel ein. Dann nennt ihm die App den optimalen Weg – inklusive aller benötigten Verkehrsmittel.

Derartige multimodale Konzepte sind die Zukunft der städtischen Verkehrsplanung. Die Reisenden brauchen sich nicht mehr nur auf ein Transportmittel festzulegen. Sie können – nach ihren individuellen Wünschen – eines oder mehrere auswählen und stellen sich so ihre persönliche Mobilitätskette zusammen: berechenbar, zuverlässig, komfortabel.

Damit das reibungslos funktioniert, ist eine einheitliche Basis für alle Anbieter nötig – meist eine App. Eine solche Anwendung kann ein unabhängiger Dritter bereitstellen. Oder ein Mobilitätsdienstleister, der zulässt, dass auch die anderen Anbieter ihre Dienste dort offerieren.

Was heißt das für München?

Derzeit existieren in der Landeshauptstadt zwar viele erfolgreiche Einzelinitiativen wie etwa Leihfahrräder der Bahn (Call a Bike) und der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG Rad), aber eben noch keine einheitliche und einfache Lösung für alle Verkehrsmittel. IHK-Verkehrsexperte Leitner betont daher: „Wir wünschen uns auch für München eine Plattform, die sämtliche Mobilitätsangebote integriert.“