Spanien

Zurück zu alter Stärke

Spanien hat sein Erfolgsrezept gefunden. Vor wenigen Jahren noch unter Europas größten Sorgenkindern, beeindruckt es heute mit Wachstumszahlen weit über dem Durchschnitt. MECHTHILDE GRUBER

© kasto80 Spaniens Hauptstadt Madrid

Erfolgsnachrichten aus Spanien heben die Stimmung in Europa. Reformen im Arbeitsrecht und Lohnzurückhaltung haben dazu beigetragen, dass die viertgrößte Volkswirtschaft Europas mit ihren 47 Millionen Einwohnern wieder robustes Wachstum zeigt. Es dürfte wie in den beiden vergangenen Jahren auch 2017 wieder über drei Prozent liegen, schätzt die Notenbank in Madrid. Die Arbeitslosigkeit ist zurückgegangen, auch wenn sie bei Jugendlichen immer noch extrem hoch ausfällt. Ähnlich wie in Deutschland ist vor allem der steigende Export der Motor des Aufschwungs. Das belebt auch die Beziehungen zu Bayern. „Gerade im Vergleich zu anderen Ländern mit großen Unsicherheiten wie etwa den USA oder Großbritannien ist Spanien für bayerische Unternehmen ein sicherer Markt mit Zukunft“, sagt Hannes Aurbach, stellvertretender Referatsleiter Europa bei der IHK in München.

Deutsche Firmen sind in Spanien gut aufgestellt, die Wirtschaftsbeziehungen haben eine lange Tradition. Die Außenhandelskammer feiert heuer ihr 100-jähriges Bestehen. Über 2 000 deutsche Unternehmen sind in Spanien mit einer Niederlassung vertreten – sie bilden die stärkste ausländische Gruppe. Neben Kraftfahrzeugherstellern und -zulieferern sind vor allem Chemie- und Maschinenbaufirmen sowie Dienstleister der Informations- und Kommunikationstechnik in Spanien aktiv. Unter den Handelspartnern Bayerns nimmt das Land den elften Rang ein. Vor allem die Exporte steigen seit Jahren – 2016 zuletzt um 9,2 Prozent.

Fokus auf neue Technologien

„Bayerns innovative Technologieunternehmen sollten die aktuellen Entwicklungen in Spanien nicht verpassen“, sagt Europaexperte Aurbach. So richten einige Provinzen wie etwa Katalonien ihren Fokus stark auf neue Schlüsseltechnologien. Barcelona etwa ist heute führend im Bereich Smart City. Spaniens großer Standortvorteil: Gerade in diesen Bereichen stehen viele gut ausgebildete Fachkräfte zur Verfügung. Zudem gibt es in Spanien viele, auch kleinere Unternehmen, die neue Entwicklungen vorantreiben und dafür die Kooperation mit bayerischen Firmen suchen.

„Die Spanier sind sehr interessiert an neuen Technologien und wollen sie auch kaufen“, bestätigt Eva Endress (44), Sales Manager Europe bei der WebToGo GmbH in München. 2006 war das einer der Gründe für das Münchner Technologie-Startup, in Spanien eine Niederlassung zu eröffnen. Das 2001 gegründete Unternehmen entwickelt und verkauft Software für die Betreiber von Telekommunikationsnetzen. Zu den größten Kunden zählt der spanische Konzern Telefónica. „Wir wollten außerdem expandieren. Von Spanien aus ist auch Südamerika mit seinen stark wachsenden Märkten leichter zu bearbeiten“, sagt die Managerin. Mit dem bisherigen Erfolg ist WebToGo zufrieden, auch wenn Firmen in Spanien etwas mehr Zeit und Geduld investieren müssen, um ein Geschäft abzuschließen und Projekte durchzuführen.

Persönliche Kontakte

Endress: „Hier wird mehr verlangt, als nur die technischen Lösungen vorzustellen. Spanier legen viel Wert auf eine persönliche Beziehung zum Geschäftspartner.“ Und die muss gepflegt werden. Dies erfordere eine intensive Betreuung der Projekte über Jahre hinweg, zumindest ein sprachkundiger Projektleiter vor Ort sei dafür Voraussetzung.

Eine gute Gelegenheit, Beziehungen zu pflegen oder neu aufzubauen, bietet der Mobile World Congress in Barcelona. WebToGo ist hier unter dem Dach des bayerischen Gemeinschaftsstands zum wiederholten Mal vertreten. „Als kleines Unternehmen könnten wir uns diesen gut organisierten Messeauftritt alleine nicht leisten“, erklärt Endress. Der Softwarehersteller findet auf der Fachmesse vor allem Partner für Kooperationen, aber auch Netzwerkbetreiber, die sich über neue Technologien informieren.

„Bayern hat in Spanien ein sehr gutes Image, der Gemeinschaftsstand bringt uns zusätzliche Aufmerksamkeit“, so die Managerin. Aufmerksamkeit, die das Unternehmen gut gebrauchen kann. Denn WebToGo will in Spanien weiter expandieren. Das fünfköpfige Team soll verstärkt werden, um neben Südamerika auch die europäischen Nachbarländer mitzubetreuen. Spanien biete dafür überdies eine Bedingung, die Deutschland derzeit nicht so leicht erfüllen könne, fügt Endress hinzu: „Ingenieure sind hier nicht nur hervorragend ausgebildet – sie sind auch verfügbar.“

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Walther von Plettenberg - Foto: AHK Spanein

Interview

„Die Reformen halfen, einen Wettbewerbsvorteil aufzubauen“

Walther von Plettenberg (59), Geschäftsführer der Deutschen Handelskammer für Spanien, über die anhaltende Dynamik in dem Land und Chancen für bayerische Firmen. MECHTHILDE GRUBER

Herr von Plettenberg, die Staaten Südeuropas entwickelten sich in den letzten Jahren sehr unterschiedlich. Spaniens Wirtschaft erholt sich gut. Was macht das Land anders?

Historisch niedrige Zinsen, niedrige Ölpreise und eine lebhafte internationale Nachfrage kommen tatsächlich allen Euro-Ländern zugute. Spanien aber hat die zusammengebrochene Binnennachfrage in den Krisenjahren 2008 bis 2014 dafür genutzt, wettbewerbsfähiger zu werden und stark zu internationalisieren. Die gute internationale Nachfrage wirkt sich damit direkt auf die nationale Wirtschaftsleistung aus. Insofern ähnelt Spanien hier Deutschland. Und natürlich sind die mutigen Reformen ab 2012 wichtig gewesen. Sie sind Garant für eine Zukunft nachhaltigeren Wachstums.

Warum hat Spanien als Investitionsstandort und Absatzmarkt wieder so stark an Attraktivität gewonnen?

Als Absatzmarkt ist Spanien durch gesunde Wachstumsraten bei der Nachfrage nach kurz- und langfristigen Konsumgütern und Investitionsgütern, insbesondere in der Maschinenausrüstung, wieder in den Fokus auch deutscher Hersteller gekommen. Spanien hatte hier viel Nachholbedarf. Als Investitionsstandort haben die Reformen vor allem im Arbeitsrecht Spanien geholfen, einen klaren Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Standorten aufzubauen. Als Paradebeispiel kann hier die Automobilindustrie genannt werden, die über die letzten Jahre enorme Investitionen getätigt hat.

Die Außenhandelskammer (AHK) Spanien feiert 2017 ihr 100-jähriges Jubiläum. Was ist das Erfolgsrezept dieser Beziehung, die auch über schwierige Jahre hinweg offensichtlich gut funktioniert?

Eine vielleicht etwas überraschende Antwort: Letzten Endes sind es die Menschen und die Mischung der Werte, die sie leben, die nachhaltigen Erfolg möglich gemacht haben: unternehmerische Initiative, Mut zum Risiko, Bereitschaft zum Lernen, Geduld, Durchhaltevermögen, Ehrlichkeit, Respekt – es sind letztlich Werte, die Realitäten schaffen.

Die AHK unterstützt Unternehmen im Ausland. Welche Dienstleistungen sind speziell auf die Herausforderungen des spanischen Markts zugeschnitten?

Für den deutschen Exporteur geht es um den Nachweis geeigneter Partner, die Suche nach dem „Mann der ersten Stunde“, um die Unterstützung bei Konflikten oder die Übernahme eventueller steuerlicher oder buchhalterischer Pflichten, die sich aus dem Engagement in Spanien ergeben können. Seit zwei Jahren sind wir auch bei dem Aufbau eines deutsch-spanischen Ökosystems in der Welt der Startups stark engagiert. Die dynamische Welt spanischer Startups ist in Deutschland weitgehend unbekannt.

In welchen Bereichen sind die Geschäftschancen für bayerische Unternehmen in Spanien derzeit besonders gut?

Für Nischenprodukte ist immer Platz, dieses Gesetz gilt selbst in reifen, gesättigten Märkten. Für Produkte, die in der Kombination Preis und Qualität de facto Alleinstellungsmerkmale haben, bleibt Spanien ein großer, interessanter Markt – mit fast 47 Millionen Einwohnern. Spanien ist ein Markt mit Zukunft!