Sozialunternehmen

Die Bessere-Welt-GmbH

Sozialunternehmen wollen mit ihrem Geschäftsmodell sozialen und ökologischen Fortschritt bewirken. Ihre Bedeutung wächst – auch weil gesellschaftliche Herausforderungen zunehmen. GABRIELE LÜKE

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© PHIL LOEFFLER Die etepetete-Gründer und -Geschäftsführer Georg Lindermair, Christopher Hallhuber und Carsten Wille (v.l.).

Sage und schreibe 20 Millionen Blüten täglich bestäubt ein starkes Bienenvolk im Sommer. Dieser Bienenfleiß sichert die Fortpflanzung von mehr als 80 Prozent der heimischen Nutz- und Wildpflanzen und damit ein Drittel unserer Nahrungsmittel. So erhalten die Insekten die Biodiversität, tragen zur Nahrungsmittelproduktion bei und stellen zudem Honig her.

Die drängende Frage ist jedoch: wie lange noch? Von den mehr als 500 Wildbienenarten in Deutschland steht rund die Hälfte kurz vor dem Aussterben. Viktoria Schmidt, die aus einer Imkerfamilie kommt und ihre Masterarbeit über das Zusammenleben von Menschen und Bienen geschrieben hat, wollte das nicht hinnehmen. Sie engagiert sich gegen das Bienensterben – aber nicht in einem Verein. Sie gründete in München die nearBees GmbH und will die Bienen mit einem unternehmerischen Konzept retten. „In Zeiten von Klimaveränderungen, Schädlingen und immer stärkeren Pestiziden ist die Honigbiene auf Unterstützung der Imker angewiesen, um zu überleben“, erläutert die 31-Jährige.

Weil aber viele Imker ihren Honig kaum in Läden verkaufen können, sondern nur für den privaten Verbrauch herstellen, fehlt ihnen der Anreiz für eine umfangreichere Imkerei. Also stellt nearBees Hobbyimkern in der ganzen Bundesrepublik seit 2014 eine digitale Verkaufsplattform zur Verfügung für eine einfache Vermarktung zu fairen Preisen. NearBees erhält für den verkauften Honig eine Provision. „So motivieren wir die Imker, mehr Bienenvölker zu halten als zuvor, sodass sich die Bienenpopulationen insgesamt wieder erholen können, und tragen damit indirekt zur Rettung der Bienen bei“, freut sich Schmidt.

Wirtschaftlich und sozial

Unternehmen wie nearBees gehören in die Kategorie der Sozialunternehmen. „In ihrer DNS vereinen sich der philanthropische und der unternehmerische Ansatz: Sie lösen soziale oder ökologische Probleme, tun dies aber mit unternehmerischen Mitteln“, erklärt Marc Evers (49), Gründungsexperte beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) in Berlin. Ihre Aktionsfelder reichen von der Bienenrettung über Energiefragen, Gesundheit, Verkehrslösungen und Kinderbetreuung bis hin zur Demokratieförderung. Das Prinzip kann große Dynamik entwickeln: „Je besser das Geschäft läuft, desto mehr kann in die gute Sache reinvestiert werden, umso größer sind die gewünschte gesellschaftliche Wirkung und zugleich der wirtschaftliche Erfolg“, erklärt Evers.

Die Idee hat in den vergangenen Jahren enorm an Kraft gewonnen: Jede vierte Neugründung in Europa, so schätzt die Europäische Union, ist mittlerweile ein Sozialunternehmen. Allein in Deutschland gibt es nach Auskunft der Bundesregierung aus dem Jahr 2017 rund 70000 dieser Firmen. Selbst im aktuellen Koalitionsvertrag ist vereinbart, Sozialunternehmen zu fördern – auch wenn dieses Vorhaben bislang noch nicht konkret umgesetzt wurde.

Die öffentliche Aufmerksamkeit wächst ebenfalls: Jährlich zeichnet der Next Economy Award hervorragende deutsche Jungunternehmen in Sachen Nachhaltigkeit aus, darunter viele Social Start-ups. Die bundesweite Gründerwoche bietet in diesem November erstmals ein Social
Impact Lab an.

Markus Sauerhammer (39) hat in Berlin das Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland SEND gegründet und ist von diesem Trend nicht überrascht: „Wir haben mehr und mehr soziale und ökologische Herausforderungen.“ Die junge Generation Y, die jetzt beruflich durchstartet, wünsche sich sinnstiftende Aufgaben. „Die ältere Generation möchte der Gesellschaft etwas zurückgeben“, erklärt er. Zugleich eröffne die Digitalisierung neue technische Möglichkeiten, Probleme zu lösen. „Das ergibt zusammen ein für die Gründung von Sozialunternehmen günstiges Ökosystem.“

Neugründungen mit sozialem Leitbild

Die internationale Studie „The best Place to Become a Social Entrepreneur“ von 2016 bestätigt dies: Beim Vergleich der Rahmenbedingungen für Sozialunternehmen liegt Deutschland weltweit auf dem zwölften Platz. Aber ist die Lösung sozialer und ökologischer Herausforderungen nicht vor allem eine Aufgabe des Staates? Gerti Oswald, Verantwortliche für Corporate Social Responsibility (CSR) der IHK für München und Oberbayern, findet das nicht: „Die Wirtschaft hat sich immer auch eigeninitiativ um gesellschaftliche Probleme gekümmert – dafür steht das Leitbild des Ehrbaren Kaufmanns.“

Dieses Leitbild gewinne an Bedeutung. Es umzusetzen, sei nicht nur Aufgabe von CSR-Abteilungen, sondern könne auch Anlass für eine eigene Unternehmensgründung sein. SEND-Gründer Sauerhammer sieht sogar einen besonderen Vorteil, wenn durch Sozialunternehmen neue Akteure ins Spiel kommen: „Der Staat allein kann gar nicht auf so viele innovative und spezifische Lösungen kommen wie die Menge seiner Bürger – und potenziellen Unternehmer – zusammen.“ Innovationskraft ist tatsächlich ein entscheidender Faktor. „Vor allem die Digitalisierung bietet hier ein sehr großes Potenzial, das Sozialunternehmen mehr und mehr nutzen“, beobachtet Anne Dörner, verantwortlich für Gründungsförderung und CSR an der Social Entrepreneurship Akademie in München.

Seien es E-Commerce-Lösungen für fairen Handel, Drohnen, die abgelegene Gebiete mit Medikamenten versorgen, über Sensortechnik gesteuerte Blindenstöcke, Onlineprogramme, die Menschen in Regionen ohne pädagogische Grundversorgung weiterbilden, oder Onlinetrainings für Demenzkranke. „Die technologischen Entwicklungen von Sozialunternehmen können auch klassischen Unternehmen Impulse geben“, betont Dörner. Sie empfiehlt Mittelständlern, sich immer auch unter Sozialunternehmen umzusehen, wenn sie frische Ideen und Kooperationspartner suchen.

Was sind die wichtigsten Erfolgskriterien?

„Bei vielen Sozialunternehmen überwiegt die philanthropische Seite. Sie sollten daher ihre wirtschaftlichen Potenziale erkennen und nutzen“, rät Dörner. Dazu gehört zunächst eine solide Finanzierung. Hier etablieren sich neben klassischen Spenden und Eigenkapitalanteilen vor allem Crowdfunding, Co-Finanzierung durch Stiftungen, soziale Venture-Capital- und Impact-
Investing-Fonds als Finanzierungsformen.

Aber auch Gründungs- oder Innovationsförderprogramme sollten sich mehr für Sozialunternehmen öffnen, wünscht sich Sauerhammer: „Hier haben es Sozialunternehmen oft schwerer, einen Zuschlag zu bekommen.“ Was er zudem für entscheidend hält: „Sozialunternehmen müssen noch mehr als andere ganzheitlich denken und in Bezug auf Mitarbeiter, Lieferanten und Logistik ebenso fair, nachhaltig und sozial agieren wie bei den Lösungen an sich – nur dann sind sie auch nach außen glaubwürdig.“

DIHK-Experte Evers hält gerade die Beschäftigten für besonders wichtig: „Menschen, die professionell sind und sich zugleich stark mit der guten Sache identifizieren – solche Mitarbeiter muss ein Sozialunternehmen finden und binden.“ Und schließlich müssen all die guten Lösungen und glaubhaften Ansätze nach außen sichtbar werden. Evers: „Auch Sozialunternehmen brauchen ein gutes Marketing und sollten sich in wirtschaftsnahen Netzwerken wie den IHKs oder SEND zeigen.“

Die etepetete GmbH in München hat viele dieser Ratschläge beherzigt. Ihre Geschichte beginnt im Jahr 2014, als drei Studienfreunde beschließen, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Sie wollen ändern, was sie bereits seit langem stört: Verwachsene Karotten, krumme Peperoni und anderes Gemüse und Obst, das den ästhetischen Vorstellungen von Handel und Verbrauchern nicht entspricht, bleiben auf den Feldern, werden aussortiert, vernichtet oder für die Biogasherstellung zweckentfremdet. „Das ist Lebensmittelverschwendung. Damit hatten wir unser Thema, hier wollten wir etwas entgegensetzen“, erklärt Mitgründer Georg Lindermair (29).

Erfolg mit E-Commerce

Mit Eigenkapital und über Crowdfunding baute das Gründerteam ein Netz von Biobauern als Lieferanten in ganz Deutschland auf und mietete auf dem Münchner Großmarkt eine 1500 Quadratmeter große Halle. Über eine E-Commerce-Plattform können Kunden ein Abonnement abschließen und bekommen dann regelmäßig ein Paket mit „extravagantem Gemüse und Obst“, wie etepetete die eigene Ware bezeichnet. Die Verpackung ist zu 100 Prozent recycelbar, der Transport CO2-neutral. Mittlerweile hat die Firma zirka 10000 Stammkunden und beschäftigt inklusive Teilzeitkräften 60 Menschen. Vor der Vernichtung gerettet wurden 1,5 Millionen Tonnen Obst und Gemüse. „Für uns ist die Rechnung aufgegangen: Wir übernehmen Verantwortung, ermöglichen den Bauern einen Zuverdienst und machen selbst auch gute Geschäfte“, sagt Lindermair.