IHK Magazin

Recruiting: Mit Algorithmen zu neuen Mitarbeitern

Immer mehr Unternehmen gehen digitale Wege, um Fachkräfte zu gewinnen und zu halten. Vier Start-ups aus Oberbayern haben innovative Lösungen dafür entwickelt. SABINE HÖLPER

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Hanno Renner, Geschäftsführer der Personio GmbH. Foto: Daniel Neumann

Wie finden Unternehmen am schnellsten neue Fachkräfte, die gut in den Betrieb passen? Ganz einfach: über Beschäftigte, die bereits in der Firma arbeiten. Die Methode »Mitarbeiter werben Mitarbeiter« sei derzeit der vielversprechendste Weg, beobachtet Valerie Müller, Researcher beim Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA) am Institut der deutschen Wirtschaft Köln. Das gelte besonders, wenn Arbeitgeber dafür spezielle Programme aufgelegt haben.

Die Expertin betont aber auch, dass es bei dieser Maßnahme nicht bleiben darf. Unternehmen gewinnen vor allem die Jungen häufig nur noch dann, wenn sie den Nachwuchs in der digitalen Welt abholen. So heißen die zwei Megatrends Mobile Recruiting (Kandidaten können sich mit einem Klick via Smartphone bewerben) und Social Media in Verbindung mit Active Sourcing (Unternehmen suchen auf Kanälen wie Facebook oder Instagram nach potenziellen Mitarbeitern und sprechen sie dort an). Die Personalabteilungen müssten dazu digitaler arbeiten und dürften sich auch Instrumenten nicht verschließen, die auf künstlicher Intelligenz basieren (KI). »Das gilt für die Mitarbeitersuche ebenso wie für die strategische Personalarbeit«, sagt Expertin Müller. Das Angebot an interessanten Lösungen wächst ständig. Das IHK-Magazin stellt vier Start-ups mit ihren Innovationen vor.

jobify – Orientierung für Berufseinsteiger

Mittelständler tun sich immer schwerer, talentierte Nachwuchskräfte zu gewinnen. Ein Grund dafür sei, dass junge Leute nach dem Studium oft keine Ahnung haben, was der Arbeitsmarkt ihnen alles bietet, sagt Stefan Schabernak (31), einer der Gründer der YPC Young Professionals GmbH in München: »40 Prozent der Absolventen sind total überfordert.« Niemand biete ihnen Orientierung, zumindest die herkömmlichen Jobportale nicht. Denn wer über sie eine Anstellung sucht, muss bereits einen konkreten Berufswunsch eingeben.

Gemeinsam mit seinen Mitgründern Martin Grupp und Thilo Knauer trat Schabernak an, diesen Missstand zu beheben: Ihr 2016 gegründetes Start-up bietet mit jobify jungen Menschen Hilfe bei der Berufswahl und bringt sie außerdem mit passenden Unternehmen auf Mitarbeitersuche zusammen. »jobify ist wie Parship für Jobs«, sagt Schabernak. Die Münchner haben mittlerweile 120 zahlende Kunden, hauptsächlich Mittelständler, aber auch DAX-Konzerne. In zwei Jahren will jobify 400 Unternehmen gewonnen haben. Bereits im nächsten Jahr soll der Service, der bislang vor allem auf Berufsanfänger mit maximal fünf Jahren Erfahrung ausgelegt ist, auf Fachkräfte sowie Azubis ausgedehnt werden.

Personio – die digitale

Personalabteilung Personaldaten existieren bisher meist in Form von Excel-Listen. Diese sind aber nicht mehr zeitgemäß und außerdem ineffizient. Das sagt zumindest Hanno Renner, Gründer und Geschäftsführer der Personio GmbH. Er hat das Unternehmen 2015 gegründet, nachdem er gemeinsam mit einem Freund eine Software für Personalverwaltung und Bewerbermanagement entwickelt und sie einigen Mittelständlern vorgestellt hatte. »Die Unternehmer waren total begeistert«, sagt der 29-Jährige. »Ende 2015 hatten wir schon zwölf zahlende Kunden. Wir sahen, dass da offenbar viel Potenzial ist.«

Heute hat Personio 1200 Kunden, Unternehmen mit zehn bis 1500 Mitarbeitern vornehmlich in Deutschland, Österreich und in der Schweiz. Eingesetzt wird die Softwarelösung in 37 Ländern. Das Münchner Start-up beschäftigt fast 170 Mitarbeiter und will bis Ende des Jahres auf mindestens 250 anwachsen. Das Unternehmen deckt mit seinem System sämtliche Personalprozesse im Laufe eines Mitarbeiterlebens ab, beginnend beim Bewerbermanagement über die Lohnbuchhaltung und Arbeitszeiterfassung bis hin zum Feedback. Die Kunden nutzen die Software gegen Zahlung einer monatlichen Lizenzgebühr, die je nach Ausstattung mindestens rund 500 Euro beträgt.

HRForecast – mit Big Data und KI

Florian Fleischmann (31) hat es selbst als Angestellter bei großen Unternehmen erlebt: Die Mitarbeiter entwickeln sich nicht weiter, sprechen zum Beispiel nicht gut genug Englisch, kommen mit der Digitalisierung nicht hinterher. Aber weder sie selbst merken, dass sie den Anforderungen im Job nicht mehr genügen, noch werden sie von ihren Chefs darüber aufgeklärt. Was folgt: Irgendwann werden sie entlassen. Das ist nicht nur für die Mitarbeiter, sondern auch für die Firmen unbefriedigend. Es kostet schließlich viel Zeit und Geld, Talente zu finden.

Dann sollte es Firmen aber auch gelingen, die richtigen auszuwählen: »Leute, die in der Lage sind, sich zu verändern«, sagt Fleischmann. Gemeinsam mit Christian Vetter gründete er deshalb 2014 die people Forecast GmbH und entwickelte ein Instrument, das die Unternehmen bei ihrer strategischen Personalentwicklung unterstützt: HRForecast nutzt interne Personal- und Unternehmensdaten sowie externe makroökonomische Daten und wertet diese mit Hilfe künstlicher Intelligenz so aus, dass stichhaltige Prognosen über den Personalbedarf der Zukunft und über die künftigen Anforderungen an die Mitarbeiter getroffen werden können. Das Unternehmen mit 36 Mitarbeitern hat bereits rund 60 Kunden weltweit gewonnen. Vor allem Mittelständler setzen auf die Algorithmen des Münchner Start-ups.

Talentcube – Bewerben per Video

Der Bewerbungsprozess befindet sich im Wandel: Die klassische Bewerbung auf Papier mit Anschreiben, Lebenslauf und Passbild hat langsam ausgedient. Zumindest die jüngere Generation hat andere Vorstellungen. »80 Prozent der Menschen gehen mit Smartphones auf Jobsuche, können sich aber nicht darüber bewerben«, sagt Sebastian Hust (30). Gemeinsam mit Sebastian Niewöhner und Hendrik Seiler hat er 2015 die Talentcube GmbH gegründet. Das Münchner Start-up ermöglicht es Bewerbern, sich mit kurzen Videos bei Arbeitgebern vorzustellen. Über eine kostenlose App präsentieren sie sich in bis zu drei persönlichen Videos.

Pro Video beantworten sie eine vorgegebene Frage und erklären auf diese Weise, was sie als Person ausmacht, welche Fähigkeiten sie besitzen, was sie motiviert. Diese Form der Bewerbung, die allerdings die restlichen Unterlagen nicht ersetzt, sondern ergänzt, hat für die Kandidaten den Vorteil, dass sie aus der Masse herausstechen. Zudem vermitteln sie Personalern einen authentischeren Eindruck. Dies wiederum ist auch für die Unternehmen von Vorteil. »Die Videobewerbung ist aussagekräftiger als die klassische«, ist Hust überzeugt. Rund 200 Unternehmen setzen bereits auf Talentcube als Technologiepartner.

Auf der IHK-Website finden Unternehmen Informationen rund um das Thema Recruiting: von der Personalbedarfsplanung über die Stellenanzeige und die Bewerberauswahl bis hin zu Employer Branding und Onboarding. Praxisnahe Tipps werden ergänzt durch Checklisten, Best- Practice-Videos und Erklärfilme: Recruiting