IHK Magazin

Pro & Contra: Sustainable Finance

Die Europäische Union will die Kapitalmärkte in den Kampf gegen den Klimawandel einbeziehen – verdienstvolles Projekt oder bürokratisches Monster? Zwei Unternehmer und ihre Meinungen.

Foto: Asset Impact GmbH

Pro

Stefan Klotz (50), Geschäftsführer Asset Impact GmbH, München. Die Asset Impact GmbH initiiert Geldanlagen und Investitionen »mit gesellschaftlicher, ökologischer und wirtschaftlicher Wirkung«. Klassische Investments stehen dabei genauso im Fokus wie bewusst wirkungsorientierte und philanthropische Portfolios.

Es gehört zu den substanziellen Erkenntnissen der Volkswirtschaftslehre, wann ein Marktversagen eintritt: wenn sich nicht im Preis widerspiegelt, was positiv oder negativ an einem Produkt oder Verhalten ist. Da wir Versagen aufgrund solcher »externen Effekte« nicht akzeptieren wollen, brauchen wir ein Gegenmittel. Wir finden es in klaren Regeln und Definitionen. Unsere Soziale Marktwirtschaft fußt auf genau diesem Prinzip.

Wenn wir als Gesellschaft und Wirtschaft nachhaltig agieren wollen, müssen wir das in allen Gliedern tun. Da bildet die Finanzwirtschaft keine Ausnahme. Im Gegenteil. Geld ist der Schlüssel zu allem. Denn Investoren haben eine große Lenkungsfunktion. Sie belohnen Veränderung und bestrafen Stillstand. Das gilt für jede vorteilhafte Entwicklung.

Seit Jahren bemängeln Kritiker der Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage, es gäbe keine eindeutige Definition dafür. Nun macht sich die EU – in einem für jeden EU-Bürger offenen Prozess – daran, mittels einer Taxonomie diese Definition zu liefern. Aber dies ist vielen auch wieder nicht recht.

Eine Taxonomie muss am Ende möglichst sinnvoll sein und die Regeln, die auf ihr basieren, ebenfalls. Obwohl der Prozess noch nicht abgeschlossen ist: Was die ökologische Taxonomie angeht, ist der bisherige Entwurf klar und folgerichtig konstruiert. Er beantwortet die Fragen: Was ist nachhaltig? Was ist schädlich? Was ist neutral? Was für den Finanzmarkt daraus folgt: Es wird ja nicht geplant, dass alle nur noch und ausschließlich gemäß Taxonomie investieren dürfen. Da bleibt genug »neutrales« Kapital für zum Beispiel den mittelständischen Schraubenhersteller, der Kraftwerke aller Art beliefert.

Dass wir uns auf Regeln einstellen, ist nichts Neues: Wir kennen sie seit Langem aus anderen Bereichen, etwa beim Autofahren mit Gurt. Auch da regte sich zunächst Widerstand, aber heute leben wir im Konsens. Dass Finanzinvestitionen auch Nachhaltigkeitsaspekte berühren, wird uns bald ebenso selbstverstä ndlich sein wie das Anlegen eines Gurts.

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Foto: Schwarz Plastic Solutions GmbH

Contra

Ingo Schwarz (60), Geschäftsführer Schwarz Plastic Solutions GmbH, Gilching. Das mittelständische Unternehmen aus Gilching bei München ist spezialisiert auf Duroplast-Technologie und bietet weltweit technische Dienstleistungen für die Kunststoffindustrie an.

Das Ziel der EU, die Kapitalmärkte in Sachen Klimawandel zu aktivieren, mag auf den ersten Blick ehrenwert erscheinen. Bei genauerem Hinsehen ergeben sich massive Zweifel, ob sich dafür ein eindeutiges Verfahren finden und ob sich dieses Ziel ohne einen massiven bürokratischen Aufwand erreichen lässt.

An Eindeutigkeit fehlt es schon bei der Grundlage des Vorhabens, der Definition von nachhaltigem Wirtschaften, der Taxonomie. Welche Wirtschaftsaktivitäten nachhaltig sind, daran scheiden sich die Geister quer durch Europa. So gilt zum Beispiel in Frankreich Atomkraft als nachhaltig. Auch wenn sich die EU-Kommission um Klärung bemüht: Das Kriterium Nachhaltigkeit kann in einem komplexen international vernetzten Wirtschaftssystem nicht zweifelsfrei beantwortet werden. Wie wird künftig beispielsweise ein Kunststoffverarbeiter eingestuft, der mit chemisch reagierenden Polyesterharzen (nicht nachhaltig) arbeitet, um Flügel für eine (nachhaltige) Windkraftanlage herzustellen?

Eine Unternehmung, die ökologisch nachhaltig wirtschaften will, findet sich künftig in einem Geflecht von differenziert betrachteten ökologischen, ökonomischen und sozialen Kriterien wieder. Erfüllt sie nicht alle Kriterien entlang ihrer Liefer- und Leistungskette, verliert sie das Prädikat »sustainable«.

Es ist wenig wahrscheinlich, dass diese Vorgaben sowie die notwendige Dokumentation und Überprüfung »bürokratiefrei« gestaltet werden können. Mit gravierenden Folgen vor allem für kleine und mittlere Unternehmen. Nicht als nachhaltig eingestufte Investitionen werden schwieriger zu finanzieren und zu refinanzieren sein. Versicherungspolicen werden teurer oder manche Risiken gar nicht mehr versichert. Schon jetzt findet am Markt eine Diskriminierung von »Nicht-Nachhaltigkeit« auf der geldgebenden Seite statt.

Es wäre kontraproduktiv, wenn die Taxonomie in sinnvolle Wertschöpfungsketten eingreift, die insgesamt nachhaltig sind, in Einzelschritten aber nicht. Das angestrebte Ziel lässt sich auf diesem Weg nicht erreichen.