Mobilität

Schlaue Stadt 4.0‎

Barcelona bietet mehr als die Touristenmeile Ramblas, die spektakuläre Sagrada Familia oder den FC Barcelona. Die Stadt ist eine echte Smart City – und Vorbild für eine hochmoderne Verkehrssteuerung, die auf Echtzeitdaten basiert. Teil 3 der Serie Mobilität. ULI DÖNCH

Image of european city Barcelona with view of blocks of flats in evening, Spain
© ©JackF - stock.adobe.com Fahrzeuge und Infrastruktur werden miteinander vernetzt - Barcelona

Wann ist eine Stadt wirklich smart – also schlau? Dann, wenn sie ihren Einwohnern nicht einfach digitale Technologien überstülpt. Sondern vorher analysiert, was die Bürger tatsächlich brauchen. Barcelona sieht sich als eine solch schlaue Stadt. Francesca Bria erklärt, warum. Sie ist Barcelonas Chief Technology Officer (CTO): »Für uns heißt smart nicht einfach technologisch. Wir haben das Konzept umgedreht. Statt bei der Technologie starten wir genau bei dem, was die Bürger brauchen – also beispielsweise beim Mobilitätsbedarf. Wir überlegen erst in einem zweiten Schritt, ob und wie uns neue Technologien dabei helfen können, diese Nachfrage zu bewältigen.«

Mobilitätsexperten nennen Barcelona daher bereits Smart City 4.0. Eben weil die Metropole neue, digitale Technologien nutzt, lassen sich Leistungen der kommunalen Daseinsvorsorge zum Vorteil der Bürger optimieren. Auch im Verkehr nutzt man das Potenzial der Digitalisierung. »Fahrzeuge und Infrastruktur werden miteinander vernetzt – das gilt für öffentliche und private Verkehrsmittel«, erklärt Korbinian Leitner, Referatsleiter Verkehrsinfrastruktur und Mobilität der IHK für München und Oberbayern. »Diese Verknüpfung ermöglicht eine echtzeitdatenbasierte Verkehrssteuerung.«

Barcelonas Technologiechefin Bria schwärmt denn auch: »Wir haben ein Glasfasernetz in der ganzen Stadt, das mit vielen tausend Sensoren verbunden ist.« Diese 12500 Sensoren sammeln unter anderem Verkehrsdaten, die dann eine offene Software auswertet. Außerdem hat die Stadt ihre Mülltransporter und Polizeiautos mit derartigen Sensoren bestückt. All diese Messfühler liefern eine Fülle von Daten, die zentral gesammelt und analysiert werden. Beispiel: Die Sensoren warnen die Fahrer der Müll- und Polizeiwagen vor Sperrungen oder Staus – gleichzeitig liefern diese Fahrzeuge aber auch selbst Informationen über den Verkehrsfluss.

Was bringen Parkplatzsensoren?

Barcelonas Mobilitätsexperten nutzen diese Fülle an Daten für ihre künftigen Planungen. Dabei ist ihnen klar: Sie brauchen viel Geduld. Es dauert lange, Daten zu sammeln, sie auszuwerten und Schlussfolgerungen zu ziehen. Das zeigt auch das Projekt mit Parkplatzsensoren: In einem Modellversuch bestückte die Stadt Stellplätze mit Magnetsensoren und entwickelte eine App, die den Autofahrern helfen sollte, schneller einen Parkplatz zu finden. Der Test dauerte einen Monat, die Auswertung der Daten über ein halbes Jahr. Dann stoppte die Stadt das Projekt, die Sensoren arbeiteten zu ungenau.

Das soll in München besser laufen. Hier experimentiert das Start-up ParkHere GmbH seit mehr als einem Jahr mit elektronischen Parksensoren – gemeinsam mit den Stadtwerken München und der Münchner Verkehrsgesellschaft. Zwei Messfühler empfangen einen ersten Impuls, wenn das Auto auf den Stellplatz fährt – und einen zweiten, wenn es ihn wieder freigibt. Diese Informationen senden die Sensoren nahezu in Echtzeit an eine zentrale Datenbank. Die Messfühler sind energieautark, sie brauchen also weder Strom noch Batterie und sollen 25 Jahre halten.

Das Start-up ParkHere wurde von Studenten der Technischen Universität München (TUM) gegründet und startete diesen Modellversuch an den CarSharing-Stellplätzen und E-Ladestationen in München und in Ingolstadt. Allein mit Parksensoren lassen sich die Verkehrsprobleme in Millionenstädten wie München und Barcelona nicht lösen. Daher investieren beide Metropolen in den öffentlichen Nahverkehr: München baut eine zweite S-Bahn-Stammstrecke, Barcelona erweitert sein Netz aus fahrerlosen U-Bahnen.

Automatische U-Bahnen

Auch in Barcelona sind die öffentlichen Verkehrsmittel bereits stark ausgelastet: Sie transportieren jedes Jahr neun Millionen Touristen quer durch die Stadt und viele der 1,6 Millionen Einwohner zur Arbeit. Highlight ist die automatisierte U-Bahn-Linie L9: Im Februar 2016 startete der Betreiber Transports Metropolitans de Barcelona (TMB) die längste fahrerlose Metrolinie Europas (30,6 Kilometer). Sie verbindet den Flughafen mit dem östlichen Stadtrand, hält aber auch am Universitätsgelände, vielen Sehenswürdigkeiten und dem Stadion des FC Barcelona. »Wir wollen die Linie in den kommenden Jahren auf insgesamt 50 Kilometer ausbauen«, erklärt Ramon Malla Castells, bei TMB verantwortlich für die automatisierten Strecken, in einem Interview. »Fahrerlose, vollautomatisierte Metrolinien sind die Zukunft. Sie sind schneller, sicherer und einfach effizienter.«

Der Grund: Die Zahl und Taktung der fahrerlosen U-Bahnen lässt sich erweitern, wenn etwa der Höhepunkt des täglichen Berufsverkehrs bevorsteht oder Zehntausende Fußballfans zum Stadion wollen. »Bei normalen U-Bahnen müssten in solchen Fällen zunächst die Arbeitszeitpläne der Fahrer angepasst werden und das Personal zu den Zügen gelangen«, erläutert Ramon Malla Castells. »Bei automatisierten, fahrerlosen Linien drückst du in der Leitzentrale einfach auf einen Knopf und ein Zug im Stellwerk setzt sich in Bewegung.« Selbst dieser Knopfdruck ist bei den Auf-zügen an den angeschlossenen U-Bahn- Höfen nicht mehr nötig.

Dank Echtzeitdaten erkennen die Fahrstühle, wenn sich die Linie L9 einer Haltestation nähert. Dann fahren die Aufzüge automatisch hinunter zur Bahnsteigebene – bis zu 90 Meter unter der Erde. Das reduziert das Gedränge, erhöht die Mobilität der Fahrgäste und spart Energie. Barcelona setzt sich weiterhin hohe Ziele. Derzeit arbeiten die Verkehrsexperten der Stadt an einem neuen Mobilitätsplan – auch für den öffentlichen Nahverkehr. Wenn alles funktioniert, muss in Zukunft jeder Bürger höchstens 300 Meter zwischen Wohnung und Haltestelle zurücklegen. Auf Bus oder U-Bahn soll er dann im Schnitt nicht länger als fünf Minuten warten müssen.