Mobilität

Mehr Tempo statt Stau

Die Straßen verstopft, der öffentliche Nahverkehr schwer gefordert, die Luftbelastung hoch – wie lässt sich der Verkehr wieder in Fluss bringen? Neue Technologien und die Digitalisierung wollen Impulse für zukunftsfähige Mobilität geben. JOSEF STELZER

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© (C)2016A.KUEHLKEN Elektrisch betriebene Lieferfahrzeuge der Deutsche Post DHL Group an Ladesäulen

Auf diesen Titel würde München gern verzichten: Die bayerische Landeshauptstadt ist Deutschlands Stauhauptstadt. Nach einer Studie des US-Verkehrsdaten-Dienstleisters INRIX saßen Autofahrer dort 2017 durchschnittlich 51 Stunden im Stau fest. Hinzu kommt die lästige Suche nach einem Parkplatz, die zudem einen nicht unwesentlichen Teil des Stadtverkehrs ausmacht. Dafür mussten Autofahrer im Schnitt etwa 50 Stunden aufwenden, ermittelten die INRIX-Forscher.

Die Verkehrslage ist mehr als angespannt. Florierende Städte ziehen immer mehr Menschen an, die Bevölkerung wächst – und mit ihr der Verkehr. Gleichzeitig lässt der boomende Onlinehandel den Lieferverkehr rasant zunehmen. 20 bis 30 Prozent des Stadtverkehrs in Deutschland entstehen dadurch, ermittelte die Untersuchung „Aufbruch auf der letzten Meile“ der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers. In Stoßzeiten verursachen diese Lieferungen etwa 80 Prozent der innerstädtischen Staus, so die Studie.

Obendrein drohen Fahrverbote für Dieselfahrzeuge. Nach einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts können Städte nach geltendem Recht solche Verbote verhängen, wenn die aktuellen Grenzwerte für Stickoxide von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft im Jahresdurchschnitt überschritten werden. Die Auswirkungen eines solchen Verbots wären drastisch: „Weil rund drei Viertel aller leichten Nutzfahrzeuge mit einem Dieselmotor fahren, wäre der tägliche Wirtschaftsverkehr in Innenstädten kaum noch möglich“, warnt IHK-Verkehrsexperte Joseph Seybold. Zudem zöge ein Fahrverbot gravierende Einschränkungen für den Pendlerverkehr nach sich.

Auch der Handel würde leiden. Nach einer Umfrage des Regionalinstituts für Mittelstandsmarktforschung wollen 15 Prozent der Befragten seltener oder gar nicht mehr in die Münchner Innenstadt fahren, sollte es zu einem Dieselverbot kommen.

Wie also lässt sich eine zukunftsfähige Mobilität gestalten? Neue Konzepte und moderne Technologien wollen die Problemfelder angehen und Luftqualität wie Verkehrsfluss deutlich verbessern. Das Spektrum der Neuerungen reicht von intelligenten Verfahren zur Verkehrssteuerung über rein elektrisch betriebene Lieferfahrzeuge bis zur elektronischen Parkplatzsuche. Auch das autonome Fahren könnte helfen, den Kraftstoffverbrauch und den Schadstoffausstoß zu verringern. Gleichzeitig entstehen neue Allianzen. So tüfteln in München etablierte Unternehmen der Autobranche mit Start-ups und Wissenschaftlern im Digital Hub Mobility an neuen Lösungen.

Die Ansätze sind so vielfältig wie zahlreich. Schließlich ist eines klar: Es gibt nicht die eine Lösung, die alle Probleme beseitigen kann. Gerade die Digitalisierung eröffnet dabei Chancen. „Big Data und neuartige Navigationssysteme werden realistische Stauprognosen, eine effizientere Nutzung der Straßennetze und letztlich einen reibungslosen Verkehrsfluss ermöglichen“, nennt IHK-Referatsleiter Korbinian Leitner einige Beispiele für künftige Lösungen.

Intelligente Parkplätze

Wie sich der knappe Parkraum in Innenstädten besser als bisher nutzen lässt und damit auch der Suchverkehr abnimmt, zeigt zum Beispiel die ParkHere GmbH mit einem neuen Sensorsystem. Damit können Autofahrer freie Parkplätze über Navi-Bildschirm und App erkennen und reservieren. Das System basiert auf Drucksensoren, die an der Ein- und Ausfahrt oder auf jedem einzelnen Parkplatz in den Asphalt eingelassen sind. In Parkhäusern und Tiefgaragen klebt man die Sensoren direkt auf den Boden.

Parkt ein Fahrzeug auf einem Stellplatz ein, werden diese Informationen via Funk automatisch an eine Basisstation in der Umgebung gesendet und von dort an ParkHere übermittelt und ausgewertet. „Unser System funktioniert auch bei Schnee und Eis“, verspricht ParkHere-Geschäftsführer Felix Harteneck (24). Eingesetzt wird die Lösung zum Beispiel auf CarSharing-Stellflächen und auf Parkplätzen neben Ladesäulen für Elektroautos an der Münchner Freiheit. „Gerade für Ladestationen ist unsere Lösung ideal, weil man per Navi-Display auf einen Blick erkennt, ob ein zum Nachladen ausgesuchter Stellplatz tatsächlich frei ist oder ob Falschparker die Ladesäule blockieren“, so der Unternehmer.

Allein 2017 stattete ParkHere in Deutschland, Österreich und in der Schweiz rund 10 000 Parkplätze mit Drucksensoren und Software aus. Vorteil für die Parkplatzbetreiber: Die kostspielige Ausgabe und Abrechnung der Tickets an den üblichen Parkautomaten entfällt, weil die Sensoren die Parkzeiten automatisch erfassen können. Die Zahlung der Parkgebühren erfolgt in Zukunft per App.

Wenn es um die Verbesserung der Luftqualität geht, rückt die Frage des Antriebs in den Mittelpunkt. Die deutschen Autohersteller setzen hier massiv auf Elektromobilität und kündigen hohe Investitionen in Technologie und Modelle an. So will Volkswagen bis 2025 weltweit wichtigster Produzent von E-Fahrzeugen sein. Daimler steckt zehn Milliarden Euro in den Ausbau seiner Elektromodelle. Und BMW plant, in diesem Jahr die Verkäufe von reinen und teilelektrischen Stromern auf 150 000 Fahrzeuge zu steigern.

Im Gegensatz zu Benzin- und Dieselfahrzeugen blasen Elektroautos weder Stickoxide noch Feinstaub in die Umgebung. Zudem verursachen die leise surrenden E-Gefährte keinerlei Lärm. Sie können jedoch nur dann eine Alternative sein, wenn sich die Lade-infrastruktur für Stromer verbessert.

Hier ist zum Beispiel die Münchner eeMobility GmbH aktiv. Sie konzentriert sich auf die Beschaffung, Installation und den Betrieb von Ladestationen für Elektroautos. Sie übernimmt für Firmen die komplette Bewirtschaftung aller Ladevorgänge samt der Überlassung einer Wallbox für die Mitarbeiter zu Hause. So nutzen rund 300 Siemens-Beschäftigte die eeMobility-Lademöglichkeiten zu Hause sowie am Arbeitsplatz. „Elektrofahrzeuge können auch für kleine und mittelständische Unternehmen sehr interessant sein, zumal für sie keine Fahrverbote drohen und die Betriebskosten niedriger sind als für herkömmliche Fahrzeuge“, so eeMobility-Geschäftsführer Klaus Huber (50).

Wie sich E-Fahrzeuge im Wirtschaftsverkehr schlagen, erprobt die Deutsche Bundespost DHL Group mit ihren StreetScootern. Rund 5500 dieser batteriebetriebenen
Lieferfahrzeuge setzt sie für die Brief- und Paketzustellung ein, 760 davon in Bayern. Ein StreetScooter schafft im liefertypischen Stop-and-go-Modus bis zu 80 Kilometer Reichweite ohne Nachladen. Die Langversion bietet eine Zuladung von knapp einer Tonne. Aufgeladen werden die Fahrzeuge nachts auf dem jeweiligen Betriebsgelände. Die Zwischenbilanz nach insgesamt 13,5 Millionen Kilometern: Nach DHL-Berechnungen liegen die Betriebskosten des StreetScooter gegenüber vergleichbaren herkömmlichen Lieferwagen um 60 bis 80 Prozent niedriger. Zudem sinken die klimaschädlichen CO2-Emissionen um jährlich insgesamt 16 000 Tonnen.

E-Mobile im Testbetrieb

Auf den StreetScooter setzen mittlerweile auch Kunden aus anderen Branchen. Die Messe München etwa testet einen der E-Transporter auf ihrem Gelände. Messechef Klaus Dittrich will künftig im Fuhrpark verstärkt auf E-Mobilität setzen. So gingen auch bereits die ersten Ladestationen auf dem Messegelände in Betrieb. Aussteller und Besucher können dort ihre E-Autos kostenlos auftanken.

Dass sich Elektroantriebe auch für große Lastkraftwagen eignen, will die MAN Truck & Bus AG zeigen. Speziell für den innerstädtischen Waren- und Lieferverkehr hat der Münchner Hersteller rein elek-trisch betriebene Lkw mit 18 bis 26 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht konzipiert. Ab Sommer 2018 testen österreichische Unternehmen des Firmenkonsortiums Council für nachhaltige Logistik (CNL) neun MAN eTrucks. Die Serienproduktion soll 2021 im österreichischen Steyr beginnen. Dank der seitlich am Fahrgestell und unter dem Fahrerhaus befestigten Batterien fahren die Elektro-Lkw 120 bis 200 Kilometer ohne Nachladen – weit genug, um in der täglichen City-Logistik beispielsweise Supermärkte zu beliefern.

Zudem will MAN Ende 2019 die Serienproduktion eines rein elektrisch angetriebenen Stadtbusses starten. Die Batteriepakete auf dem zwölf Meter langen Bus wiegen drei Tonnen und sind auf dem Fahrzeugdach platziert. In mehreren Feldversuchen werden die E-Busse zunächst auf ihre Alltagstauglichkeit im täglichen Linienverkehr getestet. Die angepeilte Reichweite beträgt rund 200 Kilometer. Der Testbetrieb beginnt voraussichtlich Ende 2018, nachgeladen wird nachts im Busdepot. MAN ist überzeugt von den Vorteilen der Elektrobusse gerade im Stadtverkehr. „Unsere Vertriebskollegen schätzen, dass MAN 2030 rund 60 Prozent der Stadtbusse rein elektrisch verkaufen wird“, meint der MAN-eMobility-Hauptabteilungsleiter Götz von Esebeck (52) optimistisch.