Mobilität

Metropole auf zwei ‎Rädern

Amsterdam, die Hauptstadt der Niederlande, setzt auf E-Mobilität und Fahrradverkehr. An manchen Stellen stößt das Konzept allerdings an seine Grenzen. ULI DÖNCH

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Stellplätze für Fahrräder - in Amsterdam sind sie äußerst knapp, Foto: Nick N S - Fotolia.com

Darum geht’s

  • Amsterdam fördert E-Mobilität massiv. Dennoch hat sich die Luftqualität bislang kaum verbessert.
  • Ein Mehrjahresplan soll daher das Fahrradfahren noch attraktiver machen.
  • Ziel ist es, urbane Räume besser zu nutzen und auf verschiedene Verkehrsmittel aufzuteilen.

Sie sind auffällig rot, breit, bestens ausgebaut, bequem zu befahren und haben eigene Ampeln: Fahrradwege in Amsterdam. Sie sind der Traum eines jeden Radlers. Ganz gleich, ob er privat strampelt oder zur Arbeit fährt. In der niederländischen Hauptstadt dreht sich (fast) alles um das Fahrradfahren (»Fietsen«). Die Metropole leistet sich eines der besten und engmaschigsten Radwegenetze der Welt. Außerdem gibt es großzügige Parkgaragen (»Fietsenstalling«) mit bis zu 7000 Plätzen und kostenlose Fähren über die Kanäle (»Grachten«) hinweg.

Seit 2015 haben Fahrradfahrer (und Fußgänger) sogar einen eigenen Tunnel unterhalb des Hauptbahnhofs: Die Langzaamverkeerspassage ist zehn Meter breit, drei Meter hoch und 110 Meter lang. Kein Wunder, dass in Amsterdam sechs von zehn Einwohnern jeden Tag ihr Fahrrad nutzen und so 36 Prozent aller Wege zurücklegen. In manchen Straßen kommen zehn Radler auf ein Auto. Amsterdam bietet für dichten Autoverkehr allerdings auch schlechte Voraussetzungen: Die Straßen sind schmal, entlang der Grachten meist nur einspurig.

Staus und schlechte Luft

Alle paar Minuten staut sich der Verkehr.So wurde die Luft in der Altstadt immer schlechter, die Zahl der Verkehrstoten stieg – und die Stadt reagierte. Sie fördert die E-Mobilität mit bis zu 5000 Euro Zuschuss pro Pkw und 2400 Ladestationen. Gleichzeitig will sie die Nutzung der traditionell angetriebenen Fahrzeuge »deattraktivieren«, wie es in Amsterdam heißt. Das wirkt bisweilen drastisch: In fünf Umweltzonen dürfen seit 2017 die sogenannten Starkverschmutzer nicht mehr fahren. Dazu zählen große dieselbetriebene Lkws sowie viele Lieferwagen, Busse und Taxis mit alten Dieselmotoren.

Zudem sperrt die Touristenmetropole bis 2020 das Zentrum stufenweise für Reisebusse. Die Fahrer müssen ihre Passagiere dann am Rand der Innenstadt absetzen. Abdeluheb Choho, städtischer Dezernent für Nachhaltigkeit in Amsterdam: »2025 muss so viel abgasfreier Verkehr wie möglich durch die Stadt fahren.« Bis 2040 sollen sogar nur noch elektrisch betriebene Fahrzeuge erlaubt sein. Inzwischen wissen die Stadtverantwortlichen aber auch: E-Mobilität allein genügt nicht.

Die Qualität der Amsterdamer Luft hat sich kaum verbessert, teilweise sogar verschlechtert: Die Werte für Stickstoffdioxid steigen, die für Feinstaub sinken nicht. Denn Feinstaub bildet sich nicht nur durch Abgase, sondern auch durch den Abrieb von Bremsen und Reifen. Und das betrifft auch E-Autos. Die Stadt beschloss daher den Mehrjahresplan Fahrrad 2017–2022 mit der Begründung: »Es gibt wenige Dinge auf der Welt, die so zusammengehören wie Amsterdam und das Fahrrad.«

Die insgesamt 53 Maßnahmen konzentrieren sich auf die drei Bereiche: komfortables Radfahren, einfaches Parken von Fahrrädern und anderes Fahrverhalten. Der letzte Punkt mag nur diejenigen überraschen, die noch nicht selbst durch Amsterdam geradelt sind. Die Stadt leidet unter zahlreichen Radrowdys. Sie rasen wie Tour-de-France-Fahrer, ignorieren rote Ampeln, jagen Fußgänger vom Zebrastreifen und tippen währenddessen munter auf ihren Handys – frei nach dem Motto »Uns gehört die Stadt«.

Mittlerweile sind in 56 Prozent aller Verkehrsunfälle Fahrradfahrer verwickelt. Deshalb warnt der Mehrjahresplan deutlich: »Die Zeit, in der Sie als Radfahrer überall parken und in Ihrem Tempo durch die Stadt radeln können, ist vorbei.« Die Stadtplaner fordern auch von den Zweiradfahrern mehr Rücksicht. Sie gehen davon aus, dass die Zahl der gefahrenen Radkilometer jedes Jahr um 20 Prozent steigt. Und bauen daher noch mehr Radwege, mehr Brücken, mehr Parkplätze.

Urbane Räume neu aufteilen

Vor allem rund um die Bahnhöfe entstehen neue Stellflächen, denn dort wird gern wild geparkt. So wild, dass viele oft ihr eigenes Fahrrad nicht wiederfinden. Politessen kontrollieren, verteilen Strafzettel und lassen Räder abschleppen, die zu lange dort stehen. Wer sein Gefährt wiederhaben möchte, muss es im »Fahrradgefängnis« auslösen – für 25 Euro. Das oberste Ziel des Amsterdamer Mehrjahresplans lautet: eine bessere Nutzung und Aufteilung des Verkehrsraums. Experten sind sich einig, dass dieser Aspekt für die Mobilitätsplanung einer Großstadt immer wichtiger wird. Korbinian Leitner, Referatsleiter Verkehrsinfrastruktur und Mobilität der IHK für München und Oberbayern: »Wir müssen unsere urbanen Räume neu aufteilen und die Verkehrsflächen nach Effizienzgesichtspunkten nutzen. Amsterdam hat sich dafür entschieden, dem Fahrrad viel Platz zu geben, und verbindet damit auch Ziele der Luftreinhaltung.«

Ähnliche Pläne verfolgt inzwischen auch München. Seit September liegt der Plan für einen Radschnellweg vor – von der Stadtgrenze im Norden bis zum Stachus. Die von den Experten empfohlene Variante ist 9,1 Kilometer lang, kostet 24,2 Millionen Euro und ermöglicht eine Fahrzeit von nur 32 Minuten. Ein weiteres Projekt sieht vor, in München mehr Elektrolastenfahrräder einzusetzen, um die Lkw-Lieferstaus zu reduzieren. Die IHK unterstützt einen Alltagstest mit 150 dieser sogenannten Cargo Bikes. Interessenten können sich noch bis Mitte 2019 bewerben. Auch dieses Mobilitätskonzept betont den Grundsatz der Multimodalität.

Das heißt: Die Verkehrsteilnehmer nutzen viele unterschiedliche Transportmittel – Auto, Fahrrad, Bus, Bahn. Sie sind eng miteinander vernetzt und am Ende dieser Verknüpfung steht inzwischen immer häufiger das Fahrrad. IHK-Verkehrsexperte Leitner: »Das gilt für das klassische Zweirad auf dem Weg zur Arbeit. Aber auch für das elektrisch betriebene Cargo Bike, mit dem sich gerade der innerstädtische Lieferverkehr auf der letzten Meile oft schneller und günstiger abwickeln lässt.« Lastenradtest