IHK Magazin

Mobilfunk: Mit 5G durchstarten?‎

Der neue Mobilfunkstandard 5G könnte Oberbayerns Industrie beflügeln. Aber noch bremsen Umsetzungsprobleme die Entwicklung. MARTIN ARMBRUSTER

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© ©metamorworks - stock.adobe.com Hohe Erwartungen - 5G soll auch das autonome Fahren voranbringen

Schöner kann ein Herbsttag in München kaum sein. Die Atmosphäre auf dem Marienplatz ist entspannt. Das Trio Scherzo spielt eine Version von Abbas »Mamma mia«, Touristen machen Selfies, blinzeln in die Sonne. Nur ein paar Meter weiter, im Presseclub, ist die Stimmung dagegen trüb. Der FDP-Bundestagsabgeordnete Thomas Sattelberger soll nette Worte zur Luftfahrt-Messe Airtec sagen, aber den Liberalen quält Frust. Im Global Competitiveness Index 2019 des Weltwirtschaftsforums (WEF) ist Deutschland vom dritten auf den siebten Rang gefallen. Die WEF-Forscher kritisieren lahmes Internet und schwachen Mobilfunk. Deutschland müsse schneller werden, fordert Sattelberger.

Telekom-Chef Tim Höttges formuliert es fast zeitgleich auf einer Konferenz in Berlin so: »Wir müssen jetzt langsam in die Hufe kommen.« Damit spricht Höttges bayerischen Unternehmern aus dem Herzen. Bevor mit dem neuen Mobilfunkstandard 5G die Zukunft beginnt, sind beim derzeitigen 4G/LTE große Mängel zu beheben. In einer bayernweiten IHK-Umfrage klagen Hunderte Firmen über Funklöcher und Breitbandprobleme. IHK-Fachmann Bernhard Kux sieht akuten Handlungsbedarf: »Erst die 4G-Grundversorgung sichern, dann die Visionen.«

Bayerns Staatsregierung verspricht Besserung. Sie will den Kommunen weitere Millionen für den Mobilfunk zur Verfügung stellen. Auch Berlin hat sich viel vorgenommen. Andreas Scheuer (CSU), Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur, möchte Deutschland zum 5G-Leitmarkt der Welt machen. Derzeit jedoch ist Südkorea Lichtjahre voraus; selbst die Schweiz, Finnland und Spanien liegen im 5G-Ranking vor Deutschland. Telekom, Vodafone, Telefónica (O2) und Drillisch (1&1) haben für die 5G-Frequenzen 6,6 Milliarden Euro an den Staat bezahlt.

Die Milliarden könnten ein Segen für die Wirtschaft sein, meint IHK-Experte Kux – und zwar dann, wenn die Bundesregierung die IHK-Forderung erfülle, das Geld in das bestehende Mobilfunknetz zu stecken. Seiner Ansicht nach ist der deutsche 4G-Rückstand auch Folge fehlender Kapazitäten im Tiefbau und langwieriger Genehmigungsverfahren.

Rennen der Provider

Die Telekom will bis 2025 jährlich 5,5 Milliarden Euro in die 5G-Technik in Deutschland stecken. Vodafone startete am schnellsten mit 5G-Tarifen, obwohl es kaum Anwendungen gibt. Vodafone-Sprecher Tobias Krzossa versichert, die Nachfrage sei dennoch überraschend hoch. Die Branche arbeitet nun fieberhaft an Geschäftsmodellen. Während die Telekom über Augmented Reality im Gaming brütet, hat Vodafone gemeinsam mit der DFL Deutsche Fußball Liga eine Echtzeit-App auf den Markt gebracht.

Die Fans können mit ihr im Stadion alle Zusatzinfos zu Spielszenen abrufen, die es sonst erst abends in der Sportschau gibt. Ob aus diesen Ansätzen ein Durchbruch wird, hängt von den Antworten auf zwei Kernfragen ab: Was kann 5G? Wem nutzt 5G? Clemens Kunert vom Münchner Institut für Rundfunktechnik hat sich in einem IHK-Webinar damit beschäftigt und spricht von einem »Hype«, 5G werde keine Wunder wirken. O2-Sprecher Jörg Borm hält für Firmen 5G-Lösungen für spannend, Verbraucher seien mit LTE gut bedient.

Was sicher ist: Die Fachwelt hält 5G für die Zukunft bei Industrie 4.0, autonomem Fahren, Robotik und künstlicher Intelligenz. Wie weit die Konkurrenz da enteilt ist, zeigt das Beispiel autonomes Fahren. Noch vor drei Jahren verlachte Ex-Daimler-Chef Dieter Zetsche Googles selbstfahrendes Auto als »PR-Gag«. Heute bewerten US-Analysten die Google-Tochter Waymo, die sich mit der Entwicklung von Technologie für autonome Fahrzeuge beschäftigt, mit 250 Milliarden Dollar. Das ist das Fünffache des Börsenwerts von Daimler. Angesichts dieser Entwicklung sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Manfred Gößl: »Da sind wir nicht Weltspitze.«

Für ihn ist klar: Unsere Industrie muss gegenhalten und in diesem Wettbewerb mitziehen. Es gibt einen Punkt, der Hoffnung macht. Die Bundesnetzagentur vergibt für sogenannte Campusnetze lokale 5G-Frequenzen, die Industriebetriebe eigenständig betreiben können. IHK-Experte Kux nennt die Vorteile: Die Firmen behalten die Datenkontrolle und können selbst über ihre 5G-Qualität entscheiden. Die Nachfrage ist da. 69 Prozent der deutschen Maschinen- und Anlagenbauer wollen ihre Produkte mit einer 5G-Schnittstelle ausrüsten.

Weitere gute Nachricht: Dieser Aufbruch findet auch in Bayern statt. Die Telekom startet ihr erstes deutsches Campusnetz bei Osram in Schwabmünchen. Zwar ist die Basis hier noch LTE-Technik. Gleichwohl ist das Interesse groß. Gut 30 Besucher aus anderen Firmen sollen sich das Projekt schon angesehen haben. Auf dem Osram-Gelände sollen künftig autonom fahrende Roboter Drahtrollen transportieren und Mitarbeiter mit einer Mixed-Reality-Brille von Hinweisen in Echtzeit profitieren. »Die Telekom hat die komplette Infrastruktur aufgebaut. Wir warten jetzt auf das Rollout«, sagt Osram-Sprecherin Kathrin Kienle. Das allerdings könne Monate dauern.

Ein Gebührenstreit bremst

Grund dafür ist ein regierungsinterner Streit über die Gebührenordnung der Frequenzvergabe. Laut Reinhard Heister, Geschäftsführer des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), fordert das Bundesfinanzministerium das Fünffache dessen, was die Netzagentur vorgeschlagen hat. Wenn die Regierung Datenübertragung in Echtzeit wolle, schimpft Heister, müsse sie auch Politik in Echtzeit liefern. Weder Netzagentur noch Finanzministerium bestreiten die VDMA-Aussagen. Die Netzagentur schreibt, die Frequenzvergabe sei für die zweite Jahreshälfte 2019 geplant, die Gebührenhöhe sei Sache der Ministerien. Das Finanzministerium teilt mit, die Bundesnetzagentur müsse »angemessene und werthaltige Lenkungsgebühren erheben«. Die Bundesregierung sei an einer »zeitnahen Regelung« interessiert.

Während das Campusnetz auf die Berliner Einigung wartet und mit LTE startet, tasten sich Provider in München an flächendeckendes 5G heran. O2 hat auf seinem Tower acht Antennen für die »Tech-City« installiert, Vodafone hat zwei 5G-Anlagen im Betrieb. Ingolstadt denkt größer und will in einer Kooperation mit Telekom und Audi von 2020 an 5G-Testfeld für »sichere, digitale und vernetzte Mobilität« sein. Der Impuls kommt zur rechten Zeit.

Auch Audi muss sich neu aufstellen. Der Konzern wolle künftig mehr als Autos bauen, sagt Audi-Sprecherin Regina von Katte. Es gehe darum, neue Mobilitätskonzepte zu entwickeln. 5G ermögliche Kommunikation in Echtzeit zwischen Autos, Radfahrern und Fußgängern. »Für unsere Entwickler ist das genial«, so von Katte. Zwei Millionen Euro will Ingolstadt in die Vernetzung aller Ampeln stecken. Ein Förderantrag beim Bundesverkehrsministerium soll weitere vier Millionen Euro bringen.

Was Ingolstadts Sprecher Michael Klarner wichtig ist: Auch andere Industriebetriebe können mit einsteigen. Interessenten sollen sich bei ihm melden. Widerstände gibt es offenbar keine. »Wir leben hier in einer sehr technikaffinen Stadt«, erklärt Audi-Sprecherin von Katte. In Berlin sieht das anders aus. Digital-Staatsministerin Dorothee Bär (CSU) twitterte, bei ihr gingen 5G-Protestschreiben »wäschekorbweise« ein. Grund: Telekom-Chef Höttges hatte erklärt, für flächendeckendes 5G seien 780 000 zusätzliche Sendemasten nötig.

Zudem tobt ein Streit über etwaige Gesundheitsrisiken der Hochfrequenzwellen. Florenz, Brüssel und Rom haben die 5G-Implementierung ausgesetzt. Ob und wie sich das in Deutschland auswirkt, ist offen. Bis Bayerns Wirtschaft mit 5G abhebt, sind wohl noch einige Probleme zu lösen. Rundfunkexperte Kunert rät Firmen abzuwarten, bis die Preise für Endgeräte und Tarife fallen. Über mögliche sinnvolle Einsatzfelder sollten sich Firmen aber schon heute Gedanken machen. Die beste Sofortwirkung hätte jedoch ein besseres LTE-Angebot. Und da liegt Deutschland laut einer Studie des Aachener Beratungsunternehmens P3 weit zurück, abgehängt sogar von Albanien.