Luftfracht

Noch viel Platz für Cargo

Luftfracht ist ein entscheidender Faktor für das Exportland Bayern, das zeigt eine IHK-Studie. Die Potenziale am Münchner Flughafen sind noch nicht ausgeschöpft und brauchen Impulse. ULRICH PFAFFENBERGER

Frachtverladung an einer Boeing 747-406F(ER) der Air Bridge Cargo
© Flughafen München Frachtverladung am Flughafen München

Luftfracht ist für Peter Grabowski (53) allgegenwärtig. Von dem Büro des Geschäftsführers der CSI-GmbH International Logistics im „Modul C“ im Cargo-Bereich des Münchner Flughafens sind es nur einige Schritte bis zum Zolllager und nicht viel weiter hinaus aufs Vorfeld, auf dem die Frachtmaschinen beladen werden. Auf der anderen Seite fällt der Blick durch ein Fenster auf die Vorfahrt, wo ein Lkw nach dem anderen anrollt und abfährt. Die Kennzeichen sprechen Bände: Hier gehen Güter aus Rosenheim, Traunstein, Landsberg, Weilheim hinaus in die Welt.

Für Grabowski ist angesichts des lebhaften Geschehens klar: „Die Marktentwicklung und das Entwicklungspotenzial schätzen wir für München äußerst positiv ein.“ Zwar verfügt CSI auch an anderen deutschen Flughäfen über Lagerhalter, die für sie Sendungen aus dem ganzen Bundesgebiet abfertigen, aber: „In den letzten Jahren sind wir dazu übergegangen, mindestens 80 Prozent über München abzuwickeln. Und zwar egal, woher aus dem Bundesgebiet die Sendungen stammen“, erklärt Grabowski.

Engpässen vorbeugen

München zeichne sich durch kurze Wege, aber vor allem durch eine schnelle Abfertigung aus. Das ist an den großen Frachtflughäfen nicht unbedingt gegeben. Dies schlage sich natürlich auch in den Kosten nieder, sagt der CSI-Geschäftsführer: „In einem preissensitiven Umfeld, in dem sich die ganze Logistikindustrie seit einigen Jahren bewegt, ist das oftmals ein entscheidender Faktor.“

Die Einschätzung des Praktikers wird bestätigt durch eine aktuelle Studie über die „Bedeutung der Luftfracht für die Wirtschaft Bayerns“, in Auftrag gegeben durch die IHK für München und Oberbayern und ausgeführt von der Intraplan Consult. Sie wird unter anderem bei der IHK-Konferenz Luftverkehr in Verbindung mit dem 3. Bayerischen Verkehrspolitischen Dialog im Mittelpunkt stehen.

Die Studie hat zum einen den Stellenwert der Luftfracht als Verkehrssystem herausgearbeitet, das nicht durch andere Transportarten ersetzbar ist, denn schnelle und zeitkritische Transporte über lange Strecken werden damit sichergestellt. Mit der Beförderung von Ersatzteilen, Komponenten, Ersatzanlagen und dergleichen lasse sich Produktionsausfällen oder anderen Engpässen vorbeugen. Deshalb sei „der wirtschaftliche Wert der Luftfrachtsendung weit höher als der nominelle Warenwert“. So hat Luftfracht nur einen Anteil von 0,4 Prozent am Transportaufkommen im Außenhandel – aber einen Anteil von zwölf Prozent beim Transportwert; im Überseehandel sind es sogar 34 Prozent.

Außerdem macht die Studie deutlich, warum ein exportorientierter Standort wie Bayern ohne einen leistungsfähigen Airport für Luftfracht einen Schlüsselfaktor seiner Wettbewerbsfähigkeit einbüßen würde. Demnach seien „die internationale Ausdehnung der Absatzmärkte, die abnehmenden Fertigungstiefen in der Produktion und die weltweit nachgefragten Just-in-time-Anlieferungen“ wichtige Gründe für Unternehmen, den Luftverkehr zu nutzen. Bayerische Unternehmen seien auf das Funktionieren einer schnellen, flexiblen und globalen Lieferkette angewiesen, um Kunden wie auch eigene Betriebe reibungslos zu versorgen, so die Studie weiter.

Als Frachtdrehkreuz etabliert

Dabei stehen vor allem die großen, global agierenden Unternehmen im Blickpunkt. Für Peter Feldmeier, Niederlassungsleiter der Bolloré Logistics Germany GmbH in Hallbergmoos, ist die Marktdynamik unstrittig: „Die Airlines suchen ihren Markt – und die Exportindustrie in Bayern liefert ihn.“ Dabei habe sich der Flughafen München inzwischen auch als Frachtdrehkreuz für Österreich und Norditalien etabliert. Dies sei dem kontinuierlichen, allgemeinen Wachstum am zweitgrößten Flughafen Deutschlands und neuntgrößten in Europa geschuldet, das vor allem vom Passagierverkehr getragen wird: „Je mehr Frequenzen zur Verfügung stehen, desto mehr Fracht fließt hierher.“

Anders als in Frankfurt werde der Löwenanteil des Air-Cargo-Aufkommens als Beifracht im Bauch von Passagierjets befördert (Belly-Fracht): „Nicht jede Fracht braucht ein eigenes Main-Deck, also ein reines Frachtflugzeug“, sagt Feldmeier. Wirtschaftlich ist diese Leistung für die Fluggesellschaften attraktiv, weil sie zusätzlichen Ertrag auf Strecken erzeugt – und damit größeres Fluggerät oder höhere Frequenzen mitunter erst rentabel macht.

Auch Dienstleister profitieren

Doch es sind nicht die Industriebetriebe allein, auf denen das Wachstum von Air Cargo aufbaut. Dass sie auch im Dienstleistungssektor zur tragenden Säule von Geschäftsmodellen werden kann, zeigt das Beispiel der Internationalen Ludwigs-Arzneimittel GmbH & Co. KG (ilapo) in München. Bereits seit 50 Jahren beliefert sie nicht nur deutsche, sondern auch internationale Kunden mit Arzneimitteln, die im jeweiligen Land nicht oder noch nicht zur Verfügung stehen und über die Regelversorgung nicht beschafft werden können.

Dazu gehören beispielsweise knappe Impfstoffe oder Krebsmedikamente. „Wir liefern derzeit in 86 Länder knapp eine halbe Million Arzneimittelpackungen pro Jahr“, sagt Geschäftsführerin Sabine Fuchsberger-Paukert (55). „Ohne Luftfracht und die unmittelbare Nähe zu einem internationalen Drehkreuz wie dem Münchner Flughafen wäre das weder in der Reichweite noch in der Menge für uns darstellbar.“