Liquidität

Ein Polster aufbauen‎

Wer seine Geldflüsse und seine Kosten im Blick behält, ist für Veränderungen am Markt und für Krisen gut gerüstet. Wie Unternehmen ein konsequentes Liquiditätsmanagement einrichten. MONIKA HOFMANN

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© ©pitb_1 - stock.adobe.com Knappe Liquidität ist auch für florierende Firmen gefährlich

Wenn es um die Liquidität seiner Firma geht, verlässt sich Georg Blessing nicht auf sein unternehmerisches Bauchgefühl. Der Geschäftsführer der gleichnamigen Vertriebs-GmbH in München will stets genau wissen, wie es um die Zahlungsströme in seinem Betrieb steht.

Die Firma bietet als international agierender Spezialist ihren Fachhandelskunden seit 1977 hochwertige Strickwaren aus Kaschmir und Seide. Mit den Marken Cipriani, Sara Pietà und Sandra Portelli ist es über Handelsvertreter in zehn Ländern vor allem in Europa präsent. „Eine genaue, langfristige Planung der Liquidität ist der grundlegende Bestandteil unserer Strategie“, betont Blessing. „Nur wenn wir genug Reserven haben, können wir weitere Märkte erschließen oder wachsen“, argumentiert der Betriebswirt. Er freut sich besonders über eine inzwischen überaus hohe Eigenkapitalquote: „So fühlen wir uns gut gerüstet für das Auf und Ab, das die Textilbranche heutzutage prägt.“

Mit einem konsequenten Liquiditätsmanagement können Unternehmer manche schwierige Situation vermeiden. Denn auch wenn das Geschäft floriert, dürfen Firmenchefs das Risiko einer Liquiditätskrise keinesfalls unterschätzen. „Zu geringe liquide Mittel können sehr schnell zu existenzbedrohenden Engpässen führen – selbst bei guter Auftragslage“, warnt Joachim Linke, Finanzierungsexperte der IHK für München und Oberbayern. „Deshalb zählt es zu den zentralen unternehmerischen Aufgaben, stets die Zahlungsbereitschaft zu sichern.“ Die gute Nachricht dabei: Es gibt viele wirksame Maßnahmen, um die Liquidität – auch kurzfristig – zu verbessern.

Wie können Unternehmen vorgehen?

Textilunternehmer Blessing hat sein Liquiditätsmanagement umfassend aufgebaut. Lang-, mittel- und kurzfristige Planungen erlauben es ihm, nicht nur die Umsätze, sondern besonders auch das Eigenkapital, die Fixkosten und die Liquidität im Blick zu behalten: „Regelmäßig kontrollieren wir unsere Kennzahlen“, erklärt er. „Damit sehen wir sofort, wenn sich Abweichungen ergeben.“ Schon vor einigen Jahren drehte er an wichtigen Stellschrauben, um die Liquidität zu erhöhen: Er baute sein Lager zu einem großen Teil ab. Zudem durchforstete er seine Fixkosten, lagerte Tätigkeiten wie Versand, Logistik und Buchhaltung aus.

Er arbeitet mit Factoringfirmen zusammen, die einen Teil seiner Forderungen kaufen. So lassen sich Zahlungsausfälle weitgehend vermeiden. „Zugleich profitieren wir von der Planungssicherheit“, sagt der Firmenchef. Gerade Mittelständlern, die sich auf schwierigen Märkten bewegen, kann er diese Strategie nur empfehlen: „Ein weitsichtiges Liquiditätsmanagement bringt nur Vorteile – und es ist zugleich eine Art Risikomanagement.“

Besonders wichtig ist es, bedeutende Kennziffern wie die Liquidität von Anfang an und kontinuierlich im Blick zu behalten. „Auf diesem Weg lässt sich vermeiden, dass sich eine Liquiditätskrise zur Firmenkrise auswächst“, betont IHK-Krisenexperte Bernhard Eichiner. Am einfachsten lässt sich die Entwicklung der aktuellen Zahlungsfähigkeit über das Betriebskapital berechnen: Es ergibt sich, wenn man vom Umlaufvermögen (Vermögen, das nur kurzfristig im Unternehmen bleibt, wie Vorräte, Forderungen gegenüber Schuldnern, Bankguthaben) das kurzfristige Fremdkapital abzieht. „Ein negatives Betriebskapital deutet auf eine angespannte Liquiditätssituation hin“, erklärt IHK-Experte Linke. „Daher steht diese Kennziffer ganz besonders im Interesse von Fremdkapitalgebern, vor allem auch von Banken.“

Um Krisen zu vermeiden, sollten Unternehmen immer wieder Finanzmittel aus den Umsätzen cashwirksam in die Firma zurückfließen lassen, Gewinne thesaurieren oder Vermögen umschichten, also Innenfinanzierung betreiben. Außerdem bieten sich bei der Außenfinanzierung zahlreiche Möglichkeiten: So kann beispielsweise Beteiligungskapital die
Eigenkapitalquote steigern. Damit schaffen Firmen zudem eine solide Basis, um sich zusätzlich über Fremdkapital, etwa Kredite, Unternehmensanleihen oder Crowdfunding, zu finanzieren. „Für ein gesundes Unternehmen ist einerseits der ausgewogene Finanzierungsmix wichtig“, betont Linke. So können Firmen starke Abhängigkeiten von einem oder wenigen Geldgebern vermeiden. Andererseits sind ein gut abgestimmtes Verhältnis zwischen Eigen- und Fremdkapital und eine sogenannte fristkongruente Finanzierung sinnvoll.

Das heißt: „Langfristige Projekte immer mit langfristigem Kapital finanzieren, kurzfristige mit kurzfristigen Mitteln“, empfiehlt der Experte. Steuert das Unternehmen bereits auf eine kritische Lage zu, ist es höchste Zeit, die Liquidität zu prüfen und, wenn nötig, zu steigern. „Dies sollten Firmen natürlich am besten schon viel früher tun, gerade wenn sich ihre Märkte verändern – sie dürfen so entscheidende Kennzahlen wie die Liquidität niemals aus den Augen verlieren“, so Eichiner. Wenn aber doch einmal schnell wirksame Instrumente zur Liquiditätssteigerung notwendig sind, gibt es einige ausgewählte Maßnahmen, die auch kleine und mittlere Firmen rasch umsetzen können:

1. Nicht betriebsnotwendiges Vermögen verkaufen

Unternehmen sollten prüfen, welche nicht für den Betrieb erforderlichen Vermögensteile sie veräußern können. „Neben dem Verkauf von Festgeldern, Wertpapieren kann vor allem auch die Veräußerung nicht mehr genutzter Maschinen und Produktionsstätten dazu beitragen, die Liquidität zu erhöhen“, erklärt Linke. Besonders der Abbau von Lagerbeständen und Warenvorräten bringt den Firmen schnell Cash. Eine zeitlich genau abgestimmte Produktions- und Versandplanung hilft dabei.

2. Forderungsmanagement neu strukturieren

Gehen Rechnungen zeitnah raus? Lässt sich die Rechnungslegung beschleunigen? Werden die Fälligkeiten ständig geprüft und konsequent Mahnungen versandt? Bietet Factoring sinnvolle Alternativen? Gibt es eine Forderungsausfallversicherung? Außerdem lohnt es sich zu klären, ob sich mit den Kunden neue Zahlungsbedingungen wie Voraus-, Abschlags- oder Zwischenzahlungen aushandeln lassen.

3. Skonto nutzen

Skonto ist ein sofortiger oder nachträglicher Preisnachlass, wenn die Zahlung in einer bestimmten Frist erfolgt. „Skonti nicht zu nutzen ist sehr teuer“, so IHK-Experte Eichiner. Unternehmer sollten sich klarmachen: Wenn es innerhalb von zehn Tagen zwei Prozent Skonto gibt und sie erst am elften Tag zahlen, weil die Rechnung liegengeblieben ist, verschenken sie Geld.

4. Kreditalternativen einsetzen

Wer seine Bankkredite um alternative Finanzierungsinstrumente wie Leasing, Factoring und Mietkauf ergänzt, diversifiziert nicht nur die Risiken, sondern steigert auch seine Liquidität. Besonders gilt dies für Sale-and-Lease-back (die Firma verkauft Vermögensgegenstände und least sie zur weiteren Nutzung vom Käufer gleichzeitig zurück). „Verkauft ein Unternehmer etwa eine Maschine und least sie wieder, lassen sich der liquiditätserhöhende Einmaleffekt aus dem Erlös und der generelle Vorteil des Leasings nutzen“, erläutert IHK-Experte Eichiner. Das schont die Bilanz und sorgt ebenfalls für Cash.

Auch beim Factoring, also dem Verkauf von Forderungen, ergeben sich neben den erhöhten Geldflüssen weitere Chancen: Der Factoringanbieter übernimmt das Ausfallrisiko und kümmert sich, wenn gewünscht, um das Forderungsmanagement. Beim Reverse Factoring finanziert der Lieferant den Kauf vor. Zugleich kann der Käufer vom Skonto profitieren. Eichiner: „Somit lässt sich der Einkauf optimieren, ohne wegen der Vorfinanzierung in einen Liquiditätsengpass zu geraten.“