IHK Magazin

Kunststoffverpackungen: Künftig OHNE, bitte!‎

Weil sie die Umwelt belasten und schwer zu recyceln sind, stehen Kunststoffverpackungen im Fokus der öffentlichen und politischen Diskussion. Unternehmen suchen Alternativen zu Plastikfolien, Tüten & Co. EVA MÜLLER-TAUBER

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© ©Inga Domian - stock.adobe.com Erdrückende Berge - die Menge an Plastikmüll wächst.

Es begann mit einem Selbstversuch: Statt auf Süßigkeiten, Alkohol oder Fernsehen wollten Johanna Koch (27) und drei Kolleginnen des Münchner Kreativkollektivs rehab republic e.V. in der Fastenzeit 2018 auf Einwegverpackungen aus Plastik verzichten. Was in der Obst- und Gemüseabteilung mit eigenen Einkaufsnetzen noch gut klappte, erwies sich an der Wurst- und Käsetheke als schwierig. Auf Kunden, die wiederverwendbare Behälter für den Aufschnitt mitbringen, war das Gros der Läden nicht vorbereitet. »Die Idee für einen Wegweiser, der Kunden zeigt, wo sie verpackungsfrei einkaufen können, war geboren«, erzählt Koch. Im Februar 2019 machte der Verein das Label »Einmal ohne, bitte« publik: Ein Sticker zeigt seither Kunden, in welchen Geschäften sie Lebensmittel in mitgebrachte Boxen oder Einkaufsbeutel packen lassen können. Die Internetseite einmalohnebitte.de weist den Weg zum nächsten Unverpackt-Einkauf. Aufsteller und Merkblätter an den Theken informieren, wie sich die Hygienerichtlinien einhalten lassen. Zum Start der Kampagne beteiligten sich mehr als 40 Geschäfte – von Bioläden über Supermärkte bis zu Metzgern und Bäckern. »Unser Ziel ist es, in den nächsten Monaten über 1000 Läden als Kooperationspartner von ›Einmal ohne, bitte‹ zu gewinnen und unser Label auf andere Städte auszudehnen«, sagt Koch.

Breite Bewegung

Angesichts der Berge von Kunststoffmüll fordern Politik wie Konsumenten immer häufiger nachhaltige Produkte und Verpackungskonzepte, sagt Nicole Seyring, IHK-Referentin für Kreislaufwirtschaft und Ressourceneffizienz. »Kunststoffe stehen im Fokus der öffentlichen und politischen Diskussion.« Das zeigten nicht nur die vielen Berichte in den Medien, sondern auch die zahlreichen Vorschläge seitens der Politik: »Die Plastikstrategie und das Verbot von Einwegplastikartikeln auf EU-Ebene, der Beschluss zur Vermeidung von Kunststoffabfällen auf Bundesebene und auch der bayerische Koalitionsvertrag befassen sich mit dem Thema Kunststoffe und wollen den Eintrag von Plastik in die Umwelt verhindern.« Von 1991 bis 2016 stieg die Menge der Kunststoffverpackungen um knapp 88 Prozent von 1,6 auf gut drei Millionen Tonnen.

Alternativen gesucht

Die Kunden sehen vor allem Hersteller und Handel in der Pflicht, Verpackungsmaterial zu verringern, ergab eine Umfrage der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC. »Viele Unternehmen suchen jetzt nach Alternativen bei Materialeinsatz und Verpackungen«, beobachtet Seyring. So verändern große Handelsketten die Verpackungen ihrer Eigenmarken. »Künftig werden sie auch Vorgaben für Lieferanten und Zulieferer machen«, erwartet die IHK-Expertin. »Daher appellieren wir an die kleinen und mittleren Betriebe, sich ebenfalls mit dem Thema auseinanderzusetzen.« Informieren, sich austauschen, die eigenen Produkte, Verpackungen und Produktionsprozesse durchgehen, – das seien die ersten Schritte.

Tanja Assmann (29) und Felix Runge (27) beschäftigen sich schon seit Gründung ihres Restaurants 2014 damit. Im Thai Fresh Cuisine am Bahnhof München-Pasing können Gäste die Speisen auch mitnehmen – in Boxen aus recycelten Kartons. »Zudem sind wir im Gespräch mit einem Hersteller, der wiederverwertbare Kaffeebecher anbietet«, erklärt Runge.

Seit Ende Februar trägt das Restaurant das Label »Einmal ohne, bitte«. Runge: »Dass wir uns an der Initiative beteiligen, hat uns viel gebracht.« Es kämen viele neue Gäste aller Altersklassen, weil sie ihre eigenen Behältnisse nutzen dürfen. Zum anderen sprechen Stammkunden die Betreiber explizit auf das Label an. Manche hätten sich vorher nicht getraut, ihre eigenen Verpackungen mitzubringen. Das Führungsduo überlegt, künftig selbst wiederverwendbare Behälter anzubieten: »Wenn andere Gastronomen mitmachen, lässt sich vielleicht irgendwann ein Pfandsystem etablieren.«

Intensive Zusammenarbeit

Den Dialog mit anderen Betrieben sucht auch der Hydraulikspezialist HAWE SE. Vor Kurzem gründete das Familienunternehmen in Aschheim bei München das Netzwerk Zero Plastics. Diesem können sich Firmen anschließen, die wie HAWE ihren Anteil an Einwegkunststoffen deutlich reduzieren, sich mit Gleichgesinnten austauschen und über mögliche Maßnahmen informieren wollen. Elf Betriebe aus den unterschiedlichsten Branchen waren es beim ersten Treffen im Mai. »Vom Ein-Personen-Unternehmen bis zum Konzern ist alles dabei«, freut sich Projektleiterin Julia Degenhardt (26). Zero Plastics heißt auch ein firmeninternes HAWE-Projekt: Bis 2022 will die Geschäftsführung den Anteil der Einwegkunststoffe im Unternehmen schrittweise auf null herunterfahren. »Der Fokus liegt darauf, solche Kunststoffe zu vermeiden, sowie auf alternativen Mehrweglösungen«, erläutert der Umweltmanagementbeauftragte Alexander Kunzmann (43). Erste Maßnahmen hat HAWE bereits umgesetzt. In ihrer Kantine in Kaufbeuren nahm die Firma Fruchtsäfte im Trinkbeutel aus dem Sortiment, was jährlich 40 Kilogramm Kunststoffmüll einspart.

Senf und Ketchup gibt es künftig ausschließlich aus dem Pumpeimer, Kekse bei Besprechungen nur noch aus großen Metalldosen. Werbegeschenke kommen ohne Plastikverpackung aus. Büromaterialien sind soweit möglich aus Holz oder Pappe oder – wie die Kugelschreiber – wenigstens aus nachwachsendem Biokunststoff. »Letzteres spart uns jährlich über 1 000 Euro«, so Degenhardt. Alternativen gesucht Auch in der Produktion tut sich etwas: Größere Verpackungseinheiten bei Kleinteilen und Hartplastikeinsätze für den internen Transport tragen dazu bei, den Anteil an Einwegplastikbeuteln bei HAWE zu reduzieren. Langfristig sucht die Firma nach Alternativmaterialien. »Auch wenn wir 2022 unser Ziel erreichen, wird uns das Thema Plastikvermeidung weiter beschäftigen«, sagt Kunzmann. »Schließlich müssen wir auch unsere Lieferanten in die Pflicht nehmen. Aber erst einmal wollen wir selbst etwas tun.« Irene Kirchhoff aus Haag/Oberbayern hat sich dem HAWE-Netzwerk angeschlossen.

Die 54-Jährige kreiert und vertreibt exklusive Taschen aus Kork. »Ich lege Wert auf durchweg saubere, nachhaltige Produkte«, sagt die Gründerin des Unternehmens Tikiwe. »Daher kann ich es nicht mit meiner Philosophie vereinbaren, dass ich meine Taschen in Plastik eingepackt angeliefert bekomme.« Derzeit sucht sie nach einem Lieferanten, der ihren Ansprüchen genügt. Beim Innenfutter ihrer Taschen hat sie aus Gründen der Nachhaltigkeit die Polyester-Baumwoll-Mischung durch Leinen ersetzt. »Natürlich kann ich allein nicht die Welt retten«, sagt die Unternehmerin, »aber wenn jeder seinen Teil dazu beiträgt, kommt man ziemlich weit.«

Weitere Informationen:Verpackungsgesetz,Leitfaden Verpackungen