Klimawandel

Leben mit dem Wandel

Auch bayerische Unternehmen müssen sich auf die veränderten klimatischen Bedingungen einstellen. Wie Betriebe auf die Folgen reagieren können. EVA MÜLLER-TAUBER

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Mehr extreme Wetterereignisse wie etwa Stürme. Foto: thommas68/pixabay.com

Extreme Wetterereignisse wie Starkregen, Sturm und Hitzewellen nehmen zu: Die Folgen der globalen Erwärmung sind alles andere als abstrakt. Dennoch scheint das Bewusstsein dafür in der Wirtschaft noch nicht stark ausgeprägt zu sein, wie eine Onlineumfrage des Bayerischen Umweltministeriums zeigt. Demnach sehen fast 30 Prozent der befragten Firmen erst in 20 Jahren Handlungsdruck aufgrund von Klimaveränderungen.

„Doch der Klimawandel betrifft bayerische Unternehmen schon jetzt ganz konkret, vor allem Branchen wie Landwirtschaft, Weinbau, Wasserwirtschaft und Tourismus“, warnt Norbert Ammann, Leiter des Referats Umwelt, Energie, Rohstoffe bei der IHK für München und Oberbayern. So hätten Landwirte und Winzer wegen immer häufiger auftretender Unwetter und Hitzeperioden um ihre Ernten zu fürchten. Tourismusbetriebe in Skigebieten müssten für den Winter schneefreie Alternativangebote ausarbeiten, weil die weiße Pracht nur noch in absoluten Höhenlagen sicher ist. „Aber auch das produzierende Gewerbe und andere Branchen spüren die Auswirkungen des Klimawandels, zum Beispiel wenn es um die Sicherung von Lieferketten geht und Zulieferer in stark betroffenen Regionen liegen“, betont Ammann.

Klima schützen

„Die Problematik ist, dass sich die Zeit nicht zurückdrehen lässt“, erläutert Christina Hans vom Lehrstuhl für Wirtschaftsgeographie an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), die die Onlinestudie durchführte. „Es ist schon so viel CO2 in der Erdatmosphäre, dass die mittlere Temperatur der Erde auch dann nicht wieder bedeutend sinken würde, wenn wir die Treibhausgase auf ein vorindustrielles Minimum zurückfahren.“ Trotzdem sei es sinnvoll, den CO2-Ausstoß so gering wie möglich zu halten, um das Problem nicht weiter zu verschlimmern. Gleichzeitig müssten sich „alle Akteure und damit auch Wirtschaftsbetriebe an die veränderten und nicht mehr umzukehrenden klimatischen Bedingungen und ihre Folgen anpassen“.

Heidi Huber-Kamm (56), Geschäftsführerin der Erdinger Huber Technik GmbH & Co. KG, hat sich umfassend mit dem Klimawandel auseinandergesetzt. Ihr Betrieb beteiligte sich mit sechs anderen Firmen zwei Jahre lang an der Studie „Folgen des Klimawandels – Perspektiven für das Baugewerbe, den Handel und die produzierende Wirtschaft“. Forscher des bifa-Umweltinstituts Augsburg und der LMU München führten die Studie im Auftrag des Bayerischen Umweltministeriums durch. „Wir müssen die Umwelt schützen, in unserem eigenen Interesse, aber auch für die nachfolgenden Generationen. Wir besitzen zudem eine Fürsorgepflicht unseren Mitarbeitern gegenüber“, betont die Firmenchefin.

Ihr Unternehmen stellt Gummierzeugnisse her und beschäftigt rund 100 Angestellte. 50 Prozent des Stromverbrauchs deckt es inzwischen über eine Photovoltaikanlage. Die Beleuchtungstechnik sowie die Dachisolierung der Produktionshallen wurden erneuert und Belüftungskamine eingebaut. Noch nicht gelöst ist die Frage, wie sich die Abwärme der Gummipressen sinnvoll nutzen lässt. „Aber daran arbeiten wir“, sagt Huber-Kamm. Klimabedingte Folgeschäden versucht das Unternehmen so weit wie möglich zu verhindern. Mitarbeiter, die Anlagen im Freien montieren, sind mit Sonnenschutzprodukten und -kleidung ausgestattet.

Chancen und Risiken

An sehr heißen Tagen lässt Huber-Kamm einen Teil der Beschäftigten früher mit der Arbeit beginnen, so dass sie nachmittags um drei Uhr bei der größten Hitze nach Hause oder ins Schwimmbad gehen können. Betroffen von veränderten klimatischen Bedingungen ist auch das firmeneigene Lagerkonzept. „Wir versuchen, noch mehr just in time zu produzieren, um die fertige Ware möglichst schnell vom Hof zu bekommen“, so die Unternehmerin. Denn bei heißem Wetter altern die fertigen Gummierzeugnisse schneller. Bei dauerhaft großer Hitze können zudem die Gummirohstoffe vorzeitig vulkanisieren. Regnet oder stürmt es, besteht die Gefahr, dass die zum Großteil draußen gelagerte Ware beschädigt wird.

Entlastend wirkt, dass wegen der weniger zahlreichen Frosttage die Heizkosten sinken. Ebenso ist ein höherer Auftragseingang im Bereich Fördertechnik zu erwarten, weil die Kunden nach Schäden durch Extremwetterereignisse schnell Ersatzgeräte benötigen, um den Produktionsbetrieb aufrechtzuerhalten. „Die Unternehmen der bayerischen Wirtschaft sollten die Anpassung an den Klimawandel als eine wichtige Zukunftsaufgabe betrachten, individuell ihre Chancen wie Risiken ermitteln“, empfiehlt Martin Frede, Ministerialrat im Referat Klimapolitik und Klimaforschung des Umweltministeriums. Das Ministerium ließ in einer Studie unter Einbindung zahlreicher Unternehmer sowie Vertreter von Branchenverbänden und Kammern – unter anderem auch des Bayerischen Industrie- und Handelskammertags (BIHK) – untersuchen, welche Aufgaben betriebliche Klimaanpassungsmanager übernehmen sollten.

„Durch den Einsatz von solch speziell geschulten Mitarbeitern lassen sich langfristig die Verwundbarkeit von Unternehmen der bayerischen Wirtschaft gegenüber den Folgen des Klimawandels vermindern, die Anpassungsfähigkeit verbessern und mögliche Chancen nutzen“, ist Frede überzeugt. „Einen Mitarbeiter für das Thema zu etablieren ist ein Weg, um die Folgen des Klimawandels für den eigenen Betrieb dauerhaft im Blick zu haben“, ergänzt IHK-Fachmann Ammann. Energiewende