Künstliche Intelligenz

Smarte Helfer

Künstliche Intelligenz (KI) ist ein Megatrend der Digitalisierung. Wie Mittelständler mit dieser Technologie Geschäftsprozesse verbessern und die Wettbewerbsfähigkeit steigern, zeigen konkrete Beispiele aus unterschiedlichen Branchen. JOSEF STELZER

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© sdecoret Roboter und künstliche Intelligenz kommen in vielen Bereichen zum Einsatz

Autonom fahrende Autos steuern, Sprache und Gesichter per Smartphone erkennen oder Kundenanfragen automatisch bearbeiten: Künstliche Intelligenz (KI) fließt in immer mehr Produkte und Dienstleistungen ein. Mittels ausgefeilter Regelwerke, der sogenannten Algorithmen, erfassen Computer und Software beliebige Informationen, etwa Bilder, Zahlen, Texte oder gesprochene Worte, analysieren die Daten und liefern in Bruchteilen von Sekunden die gewünschten Auswertungen. Maschinen vollbringen gleichsam menschliche Intelligenzleistungen, helfen damit bei der Problemlösung und treffen sogar selbstständig Entscheidungen. KI ist längst in den Betrieben angekommen. Das zeigen zahlreiche Lösungen, die in der Praxis eingesetzt werden, ob in der Produktion, in der Logistik oder bei Dienstleistungen. Wir stellen eine Auswahl vor.

Kompetent im Service

Wie sich künstliche Intelligenz im Kundendienst einsetzen lässt, zeigt die e-bot7 GmbH. Das Münchner Start-up bietet ein KI-System zur Verarbeitung von Serviceanfragen, die beim Unternehmen in Textform ankommen, etwa per E-Mail, in Web-Chats oder über soziale Medien. Die e-bot7-Lösung beantwortet vollautomatisch 80 Prozent aller Anfragen, in denen es zum Beispiel um Vertragslaufzeiten oder Informationen über neue Smartphones geht. „In fünf bis sieben Jahren werden es vielleicht schon 95 Prozent sein“, so e-bot7-Verkaufsleiter Shozo Moritz Takaya (25). Bei Bedarf ist ein Servicemitarbeiter zur Stelle, der die maschinell erstellte Antwort prüft und, wenn nötig, ergänzt oder korrigiert. Mehr als 30 Firmen nutzen das e-bot7-System bereits, darunter sind Telekommunikationsanbieter, Banken, Versicherungen, Logistikunternehmen oder Flughäfen.

Ein Vorteil des Systems ist sein hohes Tempo. Takaya schätzt, dass es etwa zehnmal schneller arbeitet als ein klassischer Kundendienst. Zudem lernt es dazu, da neue Fragen und Antworten in die Datenbank einfließen und für die KI verfügbar werden. So kann das System immer mehr Serviceanfragen vollautomatisch beantworten. „Ziel ist es letztlich, die Kundendienstmitarbeiter mit unserer Lösung zu entlasten und zu unterstützen“, sagt Takaya.

Selbstständige Fertigung

Künstliche Intelligenz bewährt sich auch in der Produktion. Die Automobilbranche setzt KI-Lösungen ein, die vor der Montage Teile wie etwa Türgriffe per Bilderkennung automatisch erfassen, fehlerhafte Stücke identifizieren und aussortieren. „Solche Systeme erkennen eigenständig kleinste Fehler und trainieren sich nach einer gewissen Zeit sogar selbst“, erläutert Dirk Muehlenweg (47), der beim IT-Konzern IBM weltweit das Geschäftsfeld IoT (Internet of Things) für den öffentlichen Sektor leitet. IBM verfügt in seinem Münchner Watson IoT Center über die Technologie, um KI-Lösungen für Firmenkunden zu entwickeln. Muehlenweg kann dort auf über 40 abgeschlossene KI-Projekte zugreifen, zum Teil aus den USA oder aus Asien, um damit den Nutzen von künstlicher Intelligenz zu veranschaulichen.

„Mittels KI, Drohnen und Kameras lassen sich zum Beispiel Betriebsareale überwachen oder Hagelschäden auf Gebäudedächern identifizieren“, so Muehlenweg. Intelligente Lösungen können aber auch den Ressourceneinsatz in der Zementherstellung automatisch steuern. „Für die Zementhersteller können daraus erhebliche Zeit- und Kosteneinsparungen resultieren“, sagt der IBM-Experte.

Aufzüge erkennen drohende Ausfälle

Dass mit künstlicher Intelligenz sogar Aufzüge schlau werden, zeigt die Vestner Aufzüge GmbH in Aschheim. „Die gesprochene Anweisung ‚in den vierten Stock, bitte‘ wird verstanden, egal, von wem sie kommt“, verspricht André Junge (39), der beim oberbayerischen Aufzughersteller für das Produktmanagement zuständig ist. Deutlich beschleunigt werden außerdem Wartung und Reparaturen. „Unser KI-System erkennt drohende Ausfälle frühzeitig und informiert unsere Servicetechniker automatisch, sodass wir etwaigen Störungen zuvorkommen“, sagt der Produktmanager. Der Aufzughersteller setzt auf die KI-Bausteine maschinelles Lernen und Natural Language Processing (NLP).

Beim maschinellen Lernen besteht die Intelligenz darin, dass Vestner aus Datenbanken relevante Informationen über mögliche Fehlerursachen gewinnt, um die notwendigen Wartungsaktivitäten in die Wege zu leiten. „Dies geschieht live im Bruchteil von Sekunden und nicht erst nach zeitraubender Sucharbeit, wie es früher üblich war“, so Jung. NLP steht für Techniken zur maschinellen Verarbeitung natürlicher Sprache, damit Mensch und Computer direkt kommunizieren können. Dank NLP können die Vestner-Anlagen die von Menschen gesprochene Anweisung – „in den vierten Stock, bitte“ – in für Maschinen verständliche Instruktionen übersetzen. Jedes Kommando wird korrekt erkannt, auch bei unterschiedlicher Aussprache und Betonung.

Effizienter liefern

In der Logistik kommt künstliche Intelligenz bereits vielfach zum Einsatz. Die Logivations GmbH in Gröbenzell hat ein System entwickelt, das einzelne Artikel anhand der aufgedruckten Etiketten identifiziert. Aber auch Größe, Form oder Farbe der Waren erfasst das System, so dass es die Produkte eindeutig erkennt. Mit KI-Software verbundene Kameras nehmen pro Sekunde 60 Einzelbilder auf und können einige Dutzend Etiketten gleichzeitig identifizieren. Das funktioniert in einer Entfernung von bis zu 25 Metern. Die Kameras zoomen und schwenken automatisch.

Richard Brüchle (30), der bei Logivations für KI-Themen zuständig ist, bringt den Vorteil auf den Punkt: „Mit unserem System lässt sich das in der Logistik nötige Scannen von Artikeln und Paketen etwa zehnmal so schnell bewerkstelligen wie per Handscanner, man spart also viel Arbeitszeit und damit Kosten.“ Zahlreiche Firmenkunden setzen die Lösung bereits ein.

Das oberbayerische Unternehmen hat überdies selbstfahrende Transportfahrzeuge entwickelt. Für die Steuerung sorgen an der Hallendecke angebrachte Kameras und künstliche Intelligenz. Das System erfasst die Positionssignale jedes einzelnen Fahrzeugs und legt die Fahrtrouten so fest, dass die batteriebetriebenen Kleintransporter etwaigen Hindernissen automatisch ausweichen. „Mit solchen führerlosen Transportsystemen spart man etwa zwei Drittel der Arbeitszeit ein, die Fahrstrecken im Lagerbereich werden optimiert, Waren und Bauteile schneller bereitgestellt und ausgeliefert“, ist Brüchle überzeugt.

Hilfe für Verkehrsplaner

Die Münchner Hawa Dawa GmbH setzt künstliche Intelligenz für Aufgaben rund um das Thema Luftqualität ein. „In Städten erhalten wir auf diese Weise ein flächendeckendes Bild der tatsächlichen Luftverschmutzung mit Stickoxiden, Ozon und Feinstaub“, betont Geschäftsführer Karim Tarraf (31). Zudem sind seine neuartigen Messstationen dank intelligenter Software um ein Vielfaches kleiner und kostengünstiger als bisher übliche Anlagen. Verkehrsplaner können die Hawa-Dawa-Geräte nutzen, um Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität vorzubereiten, beispielsweise zeitlich begrenzte Tempolimits. Ob und wie diese Maßnahmen wirken, zeigen die Messergebnisse dann in Echtzeit. Zum Einsatz kommen die Geräte bereits in München und im schweizerischen Bern. „Auch für Immobilienbewertungen und betriebliche Standortplanungen kann die Technologie hilfreich sein“, sagt der Unternehmer.

Potenzial für Rettungsdienste

Zusätzlich zu den Schadstoffmessungen fließen Geodaten und Informationen über Temperatur, Luftfeuchtigkeit oder Wetterinfos in die KI-basierten Auswertungen ein, neuerdings kommen Satellitendaten hinzu. „Unser System kann letztlich eine digitale Landkarte für aktuelle Schadstoffbelastungen in Echtzeit erzeugen“, so Tarraf. Auch Schallmessungen seien möglich.

In manchen Fällen sollen KI-Systeme künftig sogar helfen, Leben zu retten. Die künstliche Intelligenz, so die Idee, unterstützt nach einem eintreffenden Notruf die Disponenten in den Leitstellen dabei, Feuerwehr oder Rettungsdienst zu alarmieren. „Eine künstliche Intelligenz kann in Datenbanken frühere Notrufgespräche und Dokumentationen durchforsten und daraus erkennen, ob zum Beispiel Notarzt- oder gar Hubschraubereinsätze für Unfallopfer und Erkrankte notwendig sind“, erklärt Andreas Estermeier, stellvertretender Abteilungsleiter Rettungsdienst, Integrierte Leitstellen & Wissenschaftskooperation beim Bayerischen Roten Kreuz (BRK) in München.

Um die Einsatzmöglichkeiten solcher Lösungen auszuloten, nimmt das BRK an einem europaweiten Forschungsprojekt teil. Das neuartige KI-System Corti hört dabei Notrufgespräche mit, weist die Disponenten in den Leitstellen auf Signalworte hin und analysiert die Stimmen der Anrufer. Automatische Sprachanalysen sollen sofortige Vorhersagen zur Erkennung von einzelnen Symptomen, beispielsweise bei Unfallopfern, möglich machen. Die aufgeführten Beispiele können nur einen kleinen Ausschnitt von KI-Einsatzmöglichkeiten zeigen. Das Potenzial von künstlicher Intelligenz ist überdies noch längst nicht ausgereizt. Die Bundesregierung will Forschung und praktische Anwendungen weiter vorantreiben und hat hierzu ein neues Konzept entwickelt. Ziel ist es, dass „Artificial Intelligence made in Germany“ zu einem weltweit anerkannten Gütesiegel wird.