IHK Magazin

InnKaufhaus: Mut zur Auswahl

Wer behauptet, dass die Zeit der Kaufhäuser vorbei ist, sollte im InnKaufhaus in Wasserburg vorbeischauen: Dort zeigt ein Unternehmerpaar, wie klug zusammengestellte Sortimente und Experimente ankommen. EVA ELISABETH ERNST

Innkaufhaus, Geschäftsführer Tobias und Sibylle Schuhmacher
© Wolf Heider-Sawall Sibylle und Tobias Schuhmacher, InnKaufhaus-Geschäftsführer.

Für ein Kaufhaus sind 1400 Quadratmeter Ladenfläche eher wenig. Dennoch verzichten Sibylle und Tobias Schuhmacher in ihrem InnKaufhaus im oberbayerischen Wasserburg darauf, die oberste Etage als Verkaufsfläche einzurichten. »Hier veranstalten wir Events wie Poetry-Slams, Kinderflohmärkte, Impro-Theater oder Retro-Börsen für alte Schallplatten und Computerspiele«, zählt Sibylle Schuhmacher (40) auf.

Auch die anderen Etagen haben wenig gemein mit herkömmlichen Kaufhäusern. Es gibt viel Beton und Holzelemente, die Einrichtung ist ein improvisiert wirkender Mix aus diversen Einzelstücken – vom Apothekerschrank für Bartpflegeprodukte bis hin zu Regalbrettern zwischen zwei Leitern, auf denen Küchenaccessoires präsentiert werden. Dazwischen finden Besucher immer wieder bequeme Sofas zum Verweilen. Coole Lampen setzen die Produkte in Szene. Es gibt weder Schuhe noch Kinder- oder Damenoberbekleidung, dafür große Dessous- und Strumpfabteilungen. »Wir wollen eben kein typisches Kaufhaus sein«, betont Tobias Schuhmacher (43). Das Konzept geht auf. Obwohl oder gerade weil er und seine Frau mit vielem gebrochen haben, was ein Kaufhaus gemeinhin ausmacht, schufen sie in Wasserburgs Zentrum einen attraktiven Einkaufsort, der zeigt, wie Kaufhaus heute aussehen kann.

Das Geheimnis der Auswahl

Dem Anspruch des Vollsortiments, einst das Merkmal eines Kaufhauses, verweigern sich die Schuhmachers konsequent: Das InnKaufhaus bietet bewusst wenige, dafür aber sehr sorgfältig ausgewählte Produkte. Die Haushaltswarenfläche zum Beispiel schrumpfte auf ein Sechstel zusammen. Sie präsentiert ein buntes Allerlei aus innovativen Küchengeräten, modernen Porzellanserien und Dekoobjekten. »Damit erwirtschaften wir mittlerweile fast so viel Umsatz wie die ehemalige Haushaltswarenabteilung, die ein ganzes Stockwerk in Anspruch genommen hat«, sagt Sibylle Schuhmacher.

Stattdessen gibt es im Erdgeschoss nun die Männerecke mit Rasurprodukten, verschiedenen Gin-Sorten, Messern sowie Taschen aus Vintage-Leder. »Alles Produkte, die ich persönlich gut finde«, sagt Tobias Schuhmacher. Das gilt auch für das kleine Männermodesortiment in der ersten Etage. Dort finden die Kunden zum Beispiel rahmengenähte Schuhe oder Jeans, die in Deutschland gefertigt werden.

Dazu T-Shirts und Sweatshirts im »Heritage- oder Salvage-Style«, wie Schuhmacher erklärt. Dass seine Auswahl bei Männern zwischen 20 und 80 Jahren gut ankommt, freut ihn sehr. Immer wieder betonen die Schuhmachers, dass sie nur Dinge verkaufen, von denen sie hundertprozentig überzeugt sind. Inspirationen holen sie sich bei Instagram, aus Testzeitschriften und auf Messen. Auch Kundenwünsche greifen sie gerne auf. Ins Sortiment schafften es so zum Beispiel Bodylotions einer unbekannten Marke, die gern von Physiotherapeuten eingesetzt werden. »Die Kunden schätzen es, dass wir mit Herzblut dabei sind und dass sie bei uns immer wieder neue und ausgefallene Produkte finden«, zieht Sibylle Schuhmacher Bilanz.

Dass weder sie noch ihr Mann ihre beruflichen Wurzeln im Einzelhandel haben, mache es vielleicht einfacher, die Sicht des Kunden einzunehmen, glaubt sie. Das Ehepaar platzierte zum Beispiel ein gemütliches Sofa für die Eltern in der Spielwarenabteilung und sorgte dafür, dass die Kinder Gelegenheit und auch Platz haben, Spiele auszuprobieren. »Bei klassischen Einzelhändlern stoßen wir mit unserer Art der Warenauswahl und -präsentation mitunter auf völliges Unverständnis«, beobachtet Sibylle Schuhmacher. »Viele wundern sich über unsere Möbel, über vermeintlich kruschige Ecken und Sofas, die wertvolle Verkaufsfläche wegnehmen.«

Anderswo löst das Wohnzimmer-Wohlfühl-Konzept Begeisterung aus: So gewann das InnKaufhaus den Preis EK Passion Star 2018 für »Leidenschaft durch Geborgenheit«, den die europäische Handelsgruppe EK/servicegroup verleiht. Auch die Zahlen belegen den Erfolg des sorgfältig zusammengestellten Sortiments: »In unserem zweiten vollen Geschäftsjahr werden wir operativ profitabel arbeiten – inklusive der ortsüblichen Miete«, sagt Tobias Schuhmacher. Die Frequenzmessanlage, die er installieren ließ, zeige zudem, dass die Zahl der Kunden stetig ansteigt. Und auch wenn das Bauchgefühl im InnKaufhaus eine wichtige Rolle spielt: Die beiden Jungunternehmer setzen auf ein ausgefeiltes Reportingsystem, das ihnen tagesaktuelle Zahlen liefert. »Das nimmt die Emotionen aus den Diskussionen«, sagt Tobias Schuhmacher.

Spannender Umbruch

Vor seinem Wechsel in den Einzelhandel war der studierte Politologe als selbstständiger IT-Berater tätig. Seine Frau Sibylle, eine Betriebswirtin, arbeitete im Marketing bei der Softwareschmiede SAP. Die beiden lernten sich 2013 in New York kennen und kehrten zwei Jahre später nach Deutschland zurück. Kurz danach kündigte die damalige Pächterin den Mietvertrag des InnKaufhauses. Das Gebäude gehört Manfred Gerer, Sibylle Schuhmachers Vater, der die Wasserburger Einzelhandelsinstitution 1970 gegründet hatte. Da sich zunächst keines seiner drei Kinder für die Übernahme des Familienbetriebs interessierte, hatte er das InnKaufhaus verpachtet.

Entscheidung im Herbst 2016

Der Ausstieg der Pächterin kam für die Familie überraschend. Sie dachte bereits über alternative Nutzungen für das Gebäude im Herzen der Wasserburger Altstadt nach. Zunächst diskutierten Sybille und Tobias Schuhmacher mit ihren Freunden eher theoretisch darüber, wie ein modernes Kaufhaus aussehen könnte. Darunter war auch der Architekt Georg Thiersch, der sich mit seinem Büro "einszu33" unter anderem auf Ladengestaltung spezialisiert hat. Nach und nach entstand so das erste Konzept für das InnKaufhaus. Der Entschluss, es wieder zu eröffnen, fiel im Herbst 2016 – fast schon zu spät: Der Räumungsverkauf hatte bereits begonnen, die Mitarbeiter waren gekündigt.

Am 16. Dezember schloss das Kaufhaus zunächst seine Pforten. Für Tobias und Sibylle Schuhmacher begann eine spannende Zeit: Sie mussten die Waren einkaufen, Preise kalkulieren, ein neues Kassensystem installieren und sich um Umbau und Neueinrichtung kümmern, was zum großen Teil in Eigenleistung erfolgte. Für betriebswirtschaftliche Fragen holten sie sich Unterstützung bei der BBE Unternehmensberatung. Bei der Rekrutierung der Mitarbeiter half Sibylles Vater. Der hatte auch die Idee einer Teileröffnung im Februar 2017. »Um die Räume nicht zu lange leer stehen zu lassen, haben wir im Erdgeschoss bereits verkauft, während wir die anderen Stockwerke noch bis September umgebaut haben«, erinnert sich Sibylle Schuhmacher, die in dieser hektischen Zeit zudem mit Tochter Pippa schwanger war. Die ist heute knapp zwei Jahre alt und fühlt sich im InnKaufhaus ausgesprochen wohl – so wie die Kunden offenbar auch.