IHK

‎„Wirtschaft first genügt nicht“‎

IHK-Hauptgeschäftsführer Peter Driessen gibt sein Amt zum Jahreswechsel ab und zieht zum Abschied noch einmal Bilanz. Ein Gespräch über Krisen, Trends und IHK-Erfolge. MARTIN ARMBRUSTER

Peter Driessen, Hauptgeschäftsführer der IHK München und Oberbayern.
© Wolf Heider-Sawall IHK-Hauptgeschäftsführer Peter Driessen.

Herr Driessen, Sie haben 2008 das Amt als Hauptgeschäftsführer der IHK für München und Oberbayern übernommen. Hätten Sie sich damals vorstellen können, in welchem Ausmaß sich die Welt verändern würde?

Ich hätte zumindest jede Wette gehalten, dass es nie zu einem Brexit kommen wird. Auch einen Donald Trump als US-Präsidenten hätte ich mir niemals vorstellen können. Er hat die amerikanische Gesellschaft gespalten. Das ist das, was mir heute Sorgen macht.

Ist wenigstens die Gefahr einer neuen Finanzkrise gebannt?

Das halte ich für fraglich. Man hat die Regulierung teilweise überzogen und zugleich neue Risiken produziert. Wie die italienische Regierung mit ihren Haushaltsplänen umgeht, ist ein Spiel mit hohem Risiko. Letztlich hat man an den entscheidenden Stellen einfach nicht genügend Mut gehabt.

In Ihre Amtszeit fiel auch die Nuklearkatastrophe im japanischen Fukushima. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie davon hörten?

Hoffentlich kriegen die das mit dem Reaktor schnell in den Griff. Es kam erschreckend anders. Solche Sicherheitsmängel und Fehler im Krisenmanagement hätte ich mir in einem Land wie Japan nicht vorstellen können.

In Deutschland wurde daraufhin der stufenweise Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen. Sie haben sich intensiv mit der Energiewende beschäftigt. Wie lautet Ihre Bilanz?

Wir sind noch lange nicht da, wo wir sein müssten. Aktuell gewinnen wir 48 Prozent des Stroms in Deutschland aus Kernenergie und Kohle. Wie wollen wir das in zwölf Jahren kompensieren? Das weiß keiner.

Was bedeutet diese Unsicherheit für Bayerns Wirtschaft?

Viele Unternehmen fragen sich: Kann ich diese Strompreise noch bezahlen? Ist die Versorgungssicherheit zu 100 Prozent gewährleistet? Man wird verstärkt außerhalb Bayerns investieren. Das kostet Jobs und Wachstum. Garantiert.

Hört die Politik der Wirtschaft zu?

Die Bereitschaft dazu hat eher zugenommen. Das liegt auch an uns. Wir argumentieren heute differenzierter. Wirtschaft first – das genügt nicht mehr. Heute muss man auch die Folgen des wirtschaftlichen Handelns für die Gesellschaft im Blick haben.

Deshalb haben Sie die Initiative für den Ehrbaren Kaufmann gestartet. Wie hat denn das Umfeld darauf reagiert?

Das war nicht nur positiv, da kamen auch die üblichen Bedenken: Das sei antiquiert, das gelte doch nur für den Handel, im internationalen Geschäft laufe sowieso alles anders. Ich bin überzeugt, die Idee des Ehrbaren Kaufmanns ist zeitlos, mehr noch: moderner denn je. Ein Ehrbarer Kaufmann will, dass sein Unternehmen wächst. Er achtet dabei aber darauf, dass dies nicht auf Kosten anderer, seiner Mitarbeiter oder Partner, der Gesellschaft oder der Umwelt geschieht. Zugleich sieht er, dass in einer solchen Fürsorge auch eine unternehmerische Chance liegt, mit der er seine Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit, die Zukunftsfähigkeit seines Unternehmens stärkt.

Und wo stehen wir in dieser Diskussion heute?

Wir stehen vor komplexen strukturellen Umwälzungen. Ob faire Globalisierung, Eindämmung des Klimawandels und des Ressourcenverbrauchs, Digitalisierung oder Fachkräftemangel – die Wirtschaft kann, muss und will vor Ort, aber auch weltweit einen Beitrag leisten. Sonst können wir diese Herausforderungen auch gar nicht meistern. Verantwortung zu übernehmen sichert die Zukunft – und damit letztlich auch die wirtschaftlichen Grundlagen. Und zwar nicht nur jetzt für uns selbst, sondern auch für die nachfolgenden Generationen.

Mussten Sie auch innerhalb der IHK-Organisation bei gemeinsamen Projekten Widerstände überwinden?

Die Idee der IHK FOSA (IHK Foreign Skills Approval, d. Red.) hat nicht allen gefallen. Heute sind alle froh, dass wir in Nürnberg dieses bundesweite Kompetenzzentrum für die Feststellung der Gleichwertigkeit ausländischer Berufsabschlüsse haben. Es war auch nicht einfach, alle bayerischen Kollegen für den Integrationspakt im Oktober 2015 zu gewinnen. Es hieß bei wenigen, das sei keine IHK-Aufgabe.

Warum sahen Sie das anders?

Weil zum Ehrbaren Kaufmann das Engagement gehört. Das Argument hat auch skeptische Kollegen überzeugt. Mit dem Slogan „Gemeinsam unternehmen wir Verantwortung“ haben wir Unternehmern Mut gemacht und sie in der Integrationsarbeit unterstützt.

Wie hat die Politik reagiert?

Unser Engagement war nicht zu überhören, weil wir auch sehr differenziert argumentiert haben. Wir haben von Anfang an gesagt: Das ist nicht die Lösung unseres Fachkräfteproblems. Aber Wirtschaft ist Teil der Gesellschaft und hat daher Verantwortung. Jeder muss hier seinen Beitrag leisten. Es freut mich, dass es den bayerischen IHKs gelungen ist, das Thema auch bundesweit zu setzen.

Zum Beispiel mit der sogenannten 3+2-Regelung für Geflüchtete, einem der größten
Erfolge der IHK-Organisation.

Ja, das ist definitiv so. Hubert Schöffmann (Bildungspolitischer Sprecher des Bayerischen Industrie- und Handelskammertags BIHK, die Red.) hatte diese Idee schon im Herbst 2014. Irgendwie hatten wir schon da das Gefühl, wir müssen handeln. Heute sagen alle: Schutz vor Abschiebung für drei Jahre Ausbildungszeit und zwei Berufsanschlussjahre, das ist ein gangbarer Weg. Für die Unternehmen, die für ihr Engagement Rechts- und Planungssicherheit erhalten. Für die Geflüchteten, die durch die Ausbildung in unsere Gesellschaft integriert werden. Allerdings wäre es schön, wenn das auch vernünftig angewendet werden würde. Da besteht in Bayern noch Luft nach oben.

In Ihre Amtszeit fiel auch die Sanierung des IHK-Stammgebäudes an der Max-Joseph-Straße in München.

Das habe ich mir nicht ausgesucht. Gravierende statische Mängel und Brandschutzvorgaben machten eine umfangreiche Sanierung unumgänglich. Die damalige Vollversammlung hat sich gegen einen Neubau auf der grünen Wiese und für die Generalsanierung der beiden denkmalgeschützten Gebäude im Herzen von München entschieden. Mich freut es, dass wir damit einen bedeutenden Teil der Münchner Wirtschaftsgeschichte erhalten, auch wenn ich nicht mehr mit einziehen werde. Das Gebäude ist seit über 100 Jahren das Gesicht des Unternehmertums in München und Oberbayern und soll in Zukunft das Haus unserer Mitglieder und zentraler Treffpunkt der Wirtschaft bleiben.

Ihr Abschiedsjahr ist auch ein Jubiläumsjahr: 175 Jahre IHK. Wie kommt die Talk-
Reihe unter dem Slogan „Ideen haben Kraft“ an?

Die bisherigen Veranstaltungen waren inspirierend und sollen Mut machen. Ich bin auch von dem Slogan „Ideen haben Kraft“ fest überzeugt, weil wir damit nach vorne, in die Zukunft schauen. Was uns erreicht hat, sind auch Stimmen wie: Das hätte ich der IHK nicht zugetraut. Das zeigt, wir müssen weiter an unserem Image arbeiten. Genau dafür eignen sich diese Talks perfekt.

Was zeichnet denn einen guten Hauptgeschäftsführer aus?

Man muss zuhören können, Rückgrat haben, aber zugleich bereit sein, gute Ideen von anderen aufzunehmen und zu sagen: Okay, das ist der bessere Weg.

Brexit, Handelskonflikte, technologische Umwälzungen – wir leben in ereignisreichen Zeiten. Müssen wir uns Sorgen um den Standort Oberbayern machen?

Nein. München und die Region Oberbayern sind ein hochattraktiver Standort mit einem phänomenalen Image. Wenn wir es hier nicht schaffen, gegen die Konkurrenz zu bestehen, wo sonst in Deutschland? Die Autoindustrie durchlebt gerade eine kritische Phase. Ich glaube nicht an den Triumph der E-Mobilität, es wird noch weitere Zukunftstechnologien geben. Und wenn unsere Firmen weiterhin so innovativ sind, werden sie auch nach wie vor ganz oben mitspielen.

Gibt es ein Leben nach der IHK?

Selbstverständlich! Ich werde nun zum Freizeitmanager – hoffentlich nicht zum Leidwesen meiner Frau. Ich steige von einem fahrenden Zug ab und gehe daher ohne Wehmut, aber mit viel Dankbarkeit. Ich bin vor allem dankbar gegenüber unserem Ehrenamt, das sich tagtäglich mit uns für die gemeinsame Sache engagiert, und auch gegenüber unseren Mitarbeitern, die mich stets wertvoll unterstützt haben.