IHK 175

Prinzip Verantwortung

Viel mehr als nur eine Rückschau – die IHK will in ihrem Jubiläumsjahr für Werte und Nachhaltigkeit werben. MARTIN ARMBRUSTER

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Anschauliche Geschichte - die Wanderausstellung "Verantwortung verbindet" ist seit Februar auf Tour durch die bayerischen Jubiläumskammern - Foto: Fabian Birke

Für die Unternehmerschaft damals war es ein großer Erfolg: Ludwig I., König von Bayern, ließ 1843 in München wie auch in Augsburg, Bayreuth, Nürnberg, Regensburg und Würzburg Handelskammern gründen. Er legte damit das Fundament für die Selbstverwaltung der Wirtschaft. Die Unternehmer konnten ihre Angelegenheiten nun selbst in die Hand nehmen.

In diesem Jahr können neben der IHK für München und Oberbayern daher fünf weitere bayerische IHKs ihr 175-jähriges Bestehen feiern. Und während viele große Namen der bayerischen Wirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten verschwunden sind, wirkt die Idee der IHKs unverändert frisch. Der Präsident der IHK für München und Oberbayern, Eberhard Sasse, hält das für keinen Zufall. Die Selbstverwaltung der Wirtschaft ist seiner Ansicht nach unschlagbar zeitgemäß und effizient. „Wir wollen keinen Nanny-Staat. Regulierung und Bürokratie lähmen das Land“, erklärt er. „Dort, wo es möglich ist, nehmen wir Unternehmer die Dinge selbst in die Hand. Wir setzen auf Eigeninitiative und das Leitbild des Ehrbaren Kaufmanns.“

Dem Begriff „Verantwortung“ kommt im Jubiläumsjahr eine Schlüsselrolle zu. „Die Botschaft ist klar: Das Engagement der Unternehmer hat die IHKs und die Wirtschaft Bayerns zu dem gemacht, was sie heute sind“, sagt Gertrud Oswald, CSR-Verantwortliche der IHK. „Wir wollen aber auch nach vorne schauen, weil ohne das Prinzip Verantwortung die heutigen Probleme der Welt nicht zu lösen sind“, erklärt Oswald. Verantwortung ist folglich auch das Leitmotiv eines Gemeinschaftsprojekts, das die bayerischen IHKs unter dem Motto #IHK175 gestartet haben. Die Wanderausstellung „Verantwortung verbindet – Die IHKs in Bayern 1843–2018“ bietet mit ihren Text- und Bilddokumenten eine anschauliche Übersicht über 175 Jahre IHK-Geschichte mit einem Blick auf die Zukunft.

„Extrem lange Erfolgsgeschichte“

Die Botschaft kommt an. Bei der „Nacht der Bayerischen Wirtschaft“ in Berlin war die Ausstellung Ende Januar erstmals zu sehen. Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) meinte anerkennend: #IHK175 stehe für eine „extrem lange Erfolgsgeschichte“, von der ganz Bayern profitiert habe. Das mag auch an den klaren Zielen liegen. „Wir hatten schon immer den Anspruch, die Zukunft der Wirtschaft mitzugestalten“, sagt Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK). Adrian Hennek, Sprecher von MAN Diesel & Turbo SE, bekräftigt diese Aussage mit dem Hinweis, die Politikberatung der IHKs sei heute wichtiger denn je.

Die Fachverbände hätten auf den Stillstand in der Wirtschaftspolitik kaum noch Einfluss: „Wir sagen immer nur, was wir nicht wollen. Wir können der Politik keine Alternativen bieten“, meint der MAN-Sprecher. Nun liege der Ball bei den IHKs, mit der Aufgabe, das Gesamtinteresse der Wirtschaft zu vertreten. Seit dem 21. Februar dieses Jahres ist die Wanderausstellung in Bayern zu sehen. Sie bricht von der IHK Regensburg aus zu einer Tour durch die Jubiläumskammern auf. Zudem wird die IHK für München und Oberbayern in diesem April eine eigene Veranstaltungsreihe starten unter dem Slogan „Ideen haben Kraft“. Das Finale bildet sodann ein Festakt am 25. April 2019 im generalsanierten IHK-Stammhaus an der Max-Joseph-Straße.

Zur Feier ein Jubiläumsbier

Zunächst aber stellt die Jubiläumsvollversammlung am 9. April 2018 den Auftakt der Jubiläumsaktivitäten dar. Vor 175 Jahren im April genehmigte König Ludwig I. die Bildung einer Handelskammer in München und ernannte zwölf Vertreter aus dem örtlichen „Handels-, Fabrikanten- und Gewerbestande“ zu deren Mitgliedern. DIHK-Präsident Schweitzer wird in der Jubiläumssitzung die Festrede halten. Ein Film, der den Blick sowohl auf die Herkunft wie auch auf den Gestaltungsauftrag der IHK für die Zukunft richtet, soll auf das Jubiläumsjahr ebenso einstimmen wie das Jubiläumsbier, das in Flaschen mit Bügelverschluss abgefüllt wird.

In den kommenden Monaten werden die IHK-Zentrale und die regionalen Geschäftsstellen unter dem Leitmotiv Verantwortung durch ein innovatives Veranstaltungsformat an sechs außergewöhnlichen Standorten verbunden: durch den IHK Talk. Kluge Köpfe, Quer- und Vordenker, Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft sorgen für frische Ideen und geben mit inspirierenden Vorträgen Impulse für Bayerns Zukunft. Zwei Termine sind für die Themen „Verantwortung“ und „Nachhaltigkeit“ reserviert. Sie sollen die Diskussion bayernweit fortführen, die man mit der Initiative „Den Ehrbaren Kaufmann leben“ angestoßen habe, erklärt Henrike Purtik, CSR-Expertin beim BIHK: „Reines Profitmachen wird von der Gesellschaft nicht länger akzeptiert. Chefs müssen sich heute ernsthaft mit Klima- und Umweltschutz, Ressourceneffizienz, Menschenrechten, Arbeits- und Sozialstandards beschäftigen.“

Beispiele dafür gibt es einige. So ist etwa die Initiative „Cotton made in Africa“, die Kleinbauern fördert, ein aus der deutschen Wirtschaft entstandenes Selbsthilfeprojekt. Schon der 5. Bayerische CSR-Tag, „Die Neuvermessung der Welt“, im Herbst 2017 zeigte, wie aktuell das Thema ist. 300 Teilnehmer kamen – bayerischer Besucherrekord für eine CSR-Veranstaltung. Marlehn Thieme, Vorsitzende des Rats für Nachhaltige Entwicklung, lobte die IHK-Initiative: „Es ist wichtig, sich an diesem starken Standort für Nachhaltigkeit einzusetzen.“

Der IHK Talk „Mobilität“ dürfte nicht minder spannend werden, das verspricht schon die aktuelle Problemlage: Staurekord in Deutschland, immer weniger Güterverkehr auf der Schiene, drohende Fahrverbote, verpasste Klimaziele. Möglicherweise kann die Veranstaltung entscheidende Ideen zur überfälligen Mobilitätswende liefern. Denn ein „Weiter-so“, warnt der Ebersberger Spediteur Georg Reischl, könne Bayerns Exportwirtschaft schwer schaden. „Die Verkehrsbelastung wird steigen. Wir brauchen neue Konzepte – und beim Straßen- und Schienenbau muss es einfach schneller gehen“, fordert Reischl. Es sei daher erfreulich, wie intensiv die IHK unter anderem auch bei diesem Thema mit der Politik diskutiere.

Ein aufsehenerregendes Verkehrskonzept bietet die Lilium GmbH, die auf dem IHK-Event einer der Talkpartner sein wird. Das Start-up will mit E-Lufttaxis die Mobilität neu erfinden. Geld dafür gab es von großen Privatinvestoren und aus dem Ausland – Optionen, die nicht allen Unternehmen offenstehen. Umso wichtiger ist es, gerade junge Firmen zu unterstützen – etwa mit hilfreichen Impulsen in der Anfangsphase. Ohne die IHK wäre er nie auf die Idee gekommen, Crowd- funding zu nutzen, sagt Bernhard Scholz, Mitgründer der Kontextlab GmbH. „Wir bekamen wichtige Tipps für Marketing, Abwicklung und auch für den inhaltlichen Fundingaufbau. Ich kann die IHK-Gründungsberatung nur jedem empfehlen.“

Die Aspekte Nachhaltigkeit und Verantwortung werden auch im Fokus des IHK Talks „Globalisierung“ stehen. Dafür bürgt die Teilnahme von Franz Josef Radermacher. Der Mathematiker und Wirtschaftswissenschaftler ist Professor für Informatik an der Universität Ulm und ein bekannter Fürsprecher einer ökosozialen Weltwirtschaft.

Globalisierung und Werte

IHK-CSR-Fachfrau Oswald betont, dass es sich schon heute bezahlt mache, dass bayerische Unternehmen neben Waren immer auch Werte exportiert hätten. So erklärten auf dem „Deutsch-Afrikanischen Infrastrukturforum“ im Herbst 2015 vor großem Publikum Minister aus Ägypten, Mosambik, Uganda und Gabun in München, sie hätten genug von den Deals mit China und Russland. Die Politiker sagten, sie suchten jetzt Investoren in Bayern, weil sie am Verhandlungstisch als gleichwertige Menschen behandelt werden wollten.

Auch die Zukunft der Arbeit begleitet und gestaltet die IHK schon seit Jahrzehnten erfolgreich mit – vom Wandel der konkreten Arbeitswelt bis zur Sicherung der Fachkräfte. So ist der Wert eines IHK-Abschlusses in der Aus- und Weiterbildung unbestritten. Die duale Ausbildung gilt international als Erfolgsmodell. Hubert Schöffmann, Bildungspolitischer Sprecher der bayerischen IHKs, zieht im Jubiläumsjahr eine sehr positive Bilanz: „Wir haben viel getan, um neue Fachkräftepotenziale zu erschließen.“

Schöffmann zitiert aus einer langen Erfolgsliste: mit dem Ausbildungspakt eine Zwangsabgabe verhindert, Ausbildung in Teilzeit für Alleinerziehende und Einstiegsqualifizierung für Jugendliche mit schwacher Schulbildung eingeführt, Partnerschaften zwischen Schulen und Unternehmen gefördert, mit dem Sommercamp neue pädagogische Konzepte erprobt, mit dem Integrationspakt Skeptiker widerlegt.

Auf den letzten Punkt ist Schöffmann besonders stolz. Die Teamarbeit mit Staatsregierung und Arbeitsagenturen brachte bereits mehr als 40 000 Flüchtlinge in Praktika, Ausbildung und Arbeit. „Die Voraussetzung für diesen Erfolg haben wir selbst geschaffen: Dank unserer Initiative ist die 3+2-Regelung im Integrationsgesetz und im aktuellen Koalitionsvertrag verankert“, erklärt der BIHK-Sprecher. „Das gibt unseren Firmen mehr Rechtssicherheit.“

Viele Unternehmer engagieren sich für die Integration – so wie Gerhard Lutz, Geschäftsführer des Autohauses Hornung, der zum Beispiel für Flüchtlinge aus Syrien spontan zusätzliche Ausbildungsplätze einrichtete. Auch Sonja Ziegltrum-Teubner, Geschäftsführerin der Bayerischen Blumen Zentrale, bot schon mehreren Menschen mit Fluchthintergrund Jobs und Ausbildungsplätze. „Behördenwillkür und Bürokratie sind für unser Unternehmen ein großes Problem. Ich finde es ermutigend, wie offen die IHK gegenüber der Politik das anspricht“, sagt die Unternehmerin.

Die Kraft der Netzwerke

Ihr Betrieb habe von der Teilnahme an dem IHK-Netzwerk „Unternehmen inte- grieren Flüchtlinge“ vielfältig profitiert: Die Medien berichteten bundesweit über die Blumen Zentrale. Die Bundesregierung zeichnete Ziegltrum-Teubner für ihre Integration Geflüchteter mit dem CSR-Sonderpreis aus.

Der Netzwerkgedanke ist offensichtlich eine der Ideen, die besondere Kraft haben. Sabine Fuchsberger-Paukert, Chefin der Münchner ilapo, der Internationalen Ludwigs-Apotheke, schwärmt, die Mitarbeit im IHK-Arbeitskreis Frauen habe ihre Sicht der Dinge verändert. Heute habe das Thema „Familie und Beruf“ in ihrem Betrieb hohen Stellenwert. „Die Krönung ist unsere eigene Kita, die wir im März eröffnet haben“, sagt die Apothekerin.

Für neue Sichtweisen soll auch der IHK Talk „Wirtschaft 2030“ sorgen. Diskutiert wird etwa, ob US-Unternehmen so erfolgreich sind, weil sie anders ticken. Mit der Initiative Pack ma‘s digital arbeitet die IHK seit 2017 daran, für einen Mentalitätswechsel im Mittelstand zu sorgen.

Petra Balzer, Digital-Trainerin der Münchner adamicus GmbH, hält das für eine gute Idee: „Digitalisierung verhilft nicht nur den Konzernen zu mehr Geschäft. Mittelständler müssen diesen Prozess nur richtig angehen und ihre Chancen nutzen. Pack ma’s digital liefert die passenden Anregungen dazu.“ Ingrid Obermeier-Osl, Chefin des Holzwerks Obermeier und IHK-Vizepräsidentin, verweist wiederum auf einen besonderen Vorteil Bayerns im Vergleich zu den USA: Anders als im Freistaat sei das Ehrenamt im Silicon Valley unbekannt. Die Unternehmerin versteht den Slogan „Verantwortung verbindet“ als Einladung zum Mitmachen: „Wer Freiheit will, muss sich engagieren. Das starke Ehrenamt ist ein Grund, weshalb wir so gerne in Bayern leben."

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Mobilität neu denken - das Münchner Start-up Lilium will mit seinen E-Lufttaxis Verkehr auf eine neue Ebene heben (Bild: Simulation eines Lufttaxi-Landeplatzes)