Freier Handel

Den Wohlstand ‎ sichern

Der weltweit wachsende Protektionismus erschwert Unternehmen das internationale Geschäft. Bilaterale Freihandelsabkommen können dem gegensteuern. Von ihnen profitieren auch kleine und mittelständische Unternehmen stark. MECHTHILDE GRUBER


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© ©dipego - stock.adobe.com Güter in alle Welt - die bayerische Wirtschaft ist stark exportorientiert

Darum geht‘s

  • Protektionismus stellt eine ernste Gefahr für die stark international orientierte bayerische Wirtschaft dar.
  • Moderne EU-Freihandelsabkommen wie mit Kanada und Japan sind ein Erfolgsmodell und können für künftige Abkommen als Blaupause dienen.

Wie kaum eine andere Volkswirtschaft der Welt ist Deutschland – und besonders Bayern – auf offene Märkte und freien Handel angewiesen. Der Wohlstand hierzulande ist zu einem wesentlichen Teil dem internationalen Geschäft zu verdanken: An ihm hängt jeder vierte Arbeitsplatz, in der Industrie sogar jeder zweite. Die Exportquote lag 2017 in Bayern bei 53 Prozent. Seit Jahrzehnten behaupten sich Unternehmen aus dem Freistaat mit großem Erfolg auf den Weltmärkten. Im vergangenen Jahr steigerten sie ihre Exporte erneut um 5,4 Prozent. Waren im Wert von fast 200 Milliarden Euro gingen in alle Welt.

Doch der freie und regelbasierte Handel steht von vielen Seiten unter Druck. Vor allem der handelspolitische Kurs der USA und ihr Konflikt mit China bereiten Sorgen. Der zunehmende Protektionismus dämpft die Weltwirtschaft und wirkt sich damit auch auf die exportorientierte bayerische Wirtschaft aus.

Besonders der mit Abstand wichtigste Absatzmarkt Bayerns, die USA, verliert an Stärke: Der Export dorthin sank in den ersten drei Quartalen 2018 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 2,4 Prozent. Auch der bevorstehende Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU und damit aus dem Binnenmarkt wird den freien Handel mit dem bisher starken Partner einschränken. Auswirkungen zeigen sich bereits: In den ersten drei Quartalen 2018 ging der Handel mit Großbritannien bei Importen wie Exporten um rund sieben Prozent zurück. Vor allem die bisher gut eingespielten grenzüberschreitenden Lieferketten zwischen Insel und Kontinent werden vom Brexit stark betroffen sein und nicht mehr wie gewohnt funktionieren.

Mehr Handelshemmnisse

»Das Geschäft über die Grenzen ist unsicherer geworden«, sagt Kristina Mader, Expertin für Handelspolitik bei der IHK für München und Oberbayern. »Doch Handelskonflikte und drohender Brexit sind nicht die einzigen Risiken, die die Exporterfolge der bayerischen Wirtschaft gefährden.« Unternehmen sehen sich zunehmend nichttarifären Handelshemmnissen ausgesetzt, die sie bei ihren internationalen Geschäften behindern.

Die DIHK-Umfrage »Going International 2018« zeigt diese Gefahr sehr deutlich. An der Spitze der Handelshemmnisse steht die steigende Anzahl lokaler Zertifizierungsvorschriften: Neben gängigen internationalen Standards müssen Produkte in einigen Ländern zahlreiche Zusatzregelungen erfüllen, damit sie dort eingeführt und verkauft werden dürfen. Meist sind diese lokalen Zertifizierungsverfahren – etwa für medizintechnische Geräte – mit hohem zeitlichem Aufwand und Kosten verbunden. »Leider versuchen immer mehr Länder, ihre Märkte damit wieder stärker abzuschotten. Ein Markteintritt wird aufwendiger und damit teurer und deshalb gerade für kleinere Unternehmen erheblich erschwert«, beobachtet IHK-Expertin Mader. Ein Rückschritt ist auch die Einführung von Importzöllen, wie sie die USA etwa auf Stahl- und Aluminiumeinfuhren erheben. Das provoziert Gegenmaßnahmen der Handelspartner, die das Problem verstärken. Aber auch unabhängig vom aktuellen Handelsstreit registriert jedes fünfte Unternehmen eine Zunahme an weltweiten Zöllen, so die DIHK-Umfrage. Ein weiteres Hemmnis ist der Zwang zu Local Content. Das heißt: Um Zölle zu vermeiden, müssen Firmen einen bestimmten Anteil der Waren vor Ort produzieren. Sie werden dadurch bei der Wahl neuer Produktionsstandorte unter Druck gesetzt, anstatt den effizientesten Standort wählen zu können. »Für die international stark verflochtene bayerische Wirtschaft ist dies eine sehr gefährliche Entwicklung«, sagt Frank Dollendorf, IHK-Bereichsleiter International, Industrie, Innovation. »Die Handelshemmnisse treffen jedoch Unternehmen aller Länder und am Ende die Verbraucher, die die gestiegenen Preise zu zahlen haben. Ein offener Warenverkehr dagegen nutzt allen Seiten.«

Das sieht Felix Kleinert, Geschäftsführer der Netzsch Pumpen & Systeme GmbH, genauso. Sein Unternehmen erwirtschaftet die Hälfte des Umsatzes außerhalb Deutschlands. »Dies gilt auch für unsere Kunden, so dass etwa 75 Prozent der in Waldkraiburg gebauten Netzsch-Pumpen ihren Weg in die Welt finden«, sagt Kleinert. »Ohne den Weltmarkt würde Netzsch vielleicht 150 statt aktuell etwa 600 Mitarbeiter in Waldkraiburg beschäftigen.«

Kleinert ist überzeugt: »Wir brauchen mehr freien Handel, weil dies zu mehr Wohlstand für alle Beteiligten führt.« Dies sei nicht nur für hochentwickelte Staaten wie Deutschland gültig, sondern auch für jene, die zunächst nur ihre günstigen Lohnkosten in die Waagschale werfen könnten. »Über die Zeit entwickeln sich dann auch diese Länder zum Wohle der Bevölkerung hin zu industrialisierten Marktteilnehmern mit höherem Lebensstandard«, so Kleinert.

Marktöffnung durch WTO

Der beste Weg zur Öffnung der Märkte ist der multilaterale Ansatz im Rahmen der Welthandelsorganisation WTO, der möglichst viele Akteure einbindet. Für den Handel mit den USA, mit China, Russland oder Brasilien und künftig vielleicht mit Großbritannien – einige der wichtigsten Handelspartner Bayerns – gelten einzig die WTO-Regeln. Solange die Verhandlungen auf WTO-Ebene jedoch stocken, sind bilaterale Handelsabkommen, das heißt Verträge zwischen nur zwei Partnern, eine sinnvolle Ergänzung, um Protektionismus zu bekämpfen und eine weitere Liberalisierung zu fördern. »Die von der EU bereits ausgehandelten Freihandelsabkommen etwa mit Korea oder Kanada und zuletzt mit Japan sind für bayerische Unternehmen deshalb besonders wichtig«, so IHK-Handelspolitikexpertin Mader. Sie machen es den Unternehmen leichter, ihre Chancen auf möglichst vielen Märkten zu nutzen.

Derzeit verhandelt die EU zahlreiche weitere Abkommen, unter anderem mit Vietnam, Mexiko, den Mercosur-Staaten und Australien. Der jüngste Jahresbericht der EU-Kommission über die Umsetzung von Handelsabkommen zeigt, dass sich die EU-Strategie auszahlt, in ein weltweites Netz von bilateralen Abkommen zu investieren. Sie verschaffen den europäischen Unternehmen Wettbewerbsvorteile auf wichtigen Märkten. »Die Abkommen tragen dazu bei, die europäische Wirtschaft anzukurbeln«, sagt EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström. »Sie erleichtern es, weltweit Geschäfte zu tätigen, und fördern gleichzeitig die Beschäftigung in der EU.« Der Bericht der EU-Kommission ist das Ergebnis einer Analyse von 35 der 39 bilateralen Abkommen und zeigt, wie sie den Handel beeinflussen.

Die europäischen Ausfuhren nach Südkorea etwa stiegen 2017 um mehr als zwölf Prozent, die nach Kolumbien um mehr als zehn Prozent. Bereits in den ersten neun Monaten nach Inkrafttreten des CETA-Abkommens nahmen die Ausfuhren nach Kanada um sieben Prozent zu.

Vorteile nutzen

Der Bericht meldet jedoch nicht nur positive Entwicklungen. Die Analyse zeigt auch, dass durch die Abkommen noch mehr erreicht werden könnte, wenn Firmen die Vorteile in vollem Umfang nutzen würden. »Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen sind wegen der komplexen Anforderungen mit den Freihandelsabkommen unzufrieden und verzichten deshalb nicht selten darauf, sie anzuwenden«, sagt IHK-Asienexpertin Ilga Koners. Das zeigt sich etwa beim grundsätzlich sehr erfolgreichen Freihandelsabkommen mit Südkorea.Hier müssen Firmen für den geforderten Ursprungsnachweis zunächst einen hohen bürokratischen Aufwand betreiben, um die erheblich reduzierten Zollsätze in Anspruch nehmen zu können.

Mindestens ebenso hoch sind die Anforderungen, um als sogenannter Ermächtigter Ausführer anerkannt zu werden. Aber nur so kommen Firmen bei vielen koreanischen Geschäftspartnern als Lieferant in Frage. Ein Aufwand, der sich für kleinere Mittelständler nicht immer lohnt.

Doch Erleichterung ist in Sicht: »Die EU-Kommission hat erkannt, dass hier nachgebessert werden muss. Das Abkommen wird in der Anwendung modernisiert, um mittelstandsfreundlicher zu werden«, sagt IHK-Expertin Koners. Außerdem will die Kommission zusammen mit den Mitgliedstaaten kleine und mittlere Firmen noch besser informieren.

Mit Instrumenten wie der Market Access Database (madb.europa.eu) oder dem Trade Helpdesk (trade.ec.europa.eu/tradehelp) sowie einer Schritt-für-Schritt-Anleitung sollen Betriebe online die bürokratischen Hürden leichter nehmen können. Beim bisher modernsten Abkommen der EU mit Japan sind Hilfen in Form eines sogenannten Mittelstandskapitels bereits eingebaut. Freier Handel weltweit soll schließlich auch für kleinere Firmen kein Wunschtraum bleiben.Freier Handel


Das Stichwort: WTO

Die Welthandelsorganisation (WTO) ist eine internationale Organisation mit Sitz in Genf. Sie verfolgt das Ziel, weltweit Zoll- und Handelshemmnisse abzubauen. Ihre Mitglieder erwirtschaften rund 90 Prozent des globalen Handelsvolumens. Derzeit gehören der WTO 164 Mitglieder an, darunter auch die EU. Sie sind im Warenhandel dem Meistbegünstigungsgrundsatz verpflichtet.
Das bedeutet: Ein WTO-Mitglied muss allen WTO-Handelspartnern die gleichen Vorteile einräumen. Die wesentlichen Prinzipien, denen die WTO folgt, sind:

  • Abbau von tarifären und nichttarifären Handelshemmnissen
  • Nichtdiskriminierung
  • Multilateralismus.