Flächennutzung

Betonflut? Von wegen!‎

Bayern wächst, mehr Menschen brauchen Platz zum Wohnen und Arbeiten.
Obwohl Gewerbe, Industrie und Handel nur ein Prozent der Fläche einnehmen, will ein Bündnis eine Obergrenze für die Flächennutzung durchsetzen. LORENZ GOSLICH

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© Nuernberg Luftbild, Hajo Dietz Audi-Areal in Neuburg an der Donau

Vor wenigen Jahren stand die landwirtschaftliche Organisation Maschinenringe Deutschland GmbH vor der entscheidenden Frage: Konnte sie mit ihrer Zentrale in Neuburg an der Donau bleiben? Die Stadt reagierte schnell. Für einen Neubau steuerte ein Landwirt ein großes Areal bei, weitere Grundstücke konnten genutzt werden. Innerhalb eines Jahres war der Bebauungsplan fertig – für Oberbürgermeister Bernhard Gmehling „ein unglaublicher Kraftakt“. Und nicht der einzige: Etwa zur gleichen Zeit nahm der Autohersteller Audi sein 47 Hektar großes Hightech-Areal in Neuburg in Betrieb – nach gerade einmal zwei Jahren Bauzeit.

Solche wegweisenden Projekte wären nicht mehr möglich, davon sind die Verantwortlichen in Neuburg überzeugt, sollte ein Volksbegehren Erfolg haben: Unter dem Motto „Betonflut eindämmen“ sammelt ein Bündnis aus bayerischen Grünen, Ökologisch-Demokratischer Partei (ÖDP) und der Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft (AbL) Unterschriften. Ziel: eine quantitative Obergrenze für den Flächenverbrauch. Behutsamen Umgang mit der Fläche hält auch Oberbürgermeister Gmehling für notwendig. Doch er mahnt: „Eine Obergrenze würde es uns sehr erschweren, weiter voranzukommen.“

Das gilt für viele Städte und Gemeinden. Alle Prognosen deuten auf weiteres Wachstum in Bayern hin. Doch dazu müssen Firmen ihre Standorte erweitern und Mitarbeiter Wohnraum finden. „Wie wir das stete Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum in Bayern unterbringen, ist ein zentrales Thema für den Wirtschaftsstandort Bayern“, betont Peter Driessen, Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Industrie- und Handelskammertags (BIHK). Daher haben die bayerischen IHKs die Flächennutzung zu einem ihrer Schwerpunktthemen für die anstehende Landtagswahl gemacht.

Bayern wird immer mehr zugebaut, so argumentieren die Initiatoren des Volksbegehrens. Diese Behauptung bezieht sich auf die Entwicklung der Siedlungs- und Verkehrsfläche aus der Flächenstatistik des Bayerischen Landesamts für Statistik. Nur: Bei weitem nicht alle Flächen dieser Rubrik sind bebaut. So werden unversiegelte Grünstreifen, Vorgärten und andere unbebaute Flächen der Bebauung zugeschlagen. Sogar Erholungs- und Sportflächen zählen zu dieser Kategorie. Nirgends trifft die Behauptung zu, dass die Unternehmen die Hauptverantwortung für Flächenverbrauch tragen. „Das Gros der Flächennutzung geht klar auf das Konto des Wohnens, nicht der Wirtschaft“, bestätigt Christian Breu, Geschäftsführer des Planungsverbands.

Wald, Wiesen und Äcker

Insgesamt nehmen Gewerbe, Industrie, Handel und Dienstleistung lediglich ein Prozent der Fläche Bayerns in Anspruch. 88 Prozent sind Freiflächen – also Natur oder landwirtschaftlich genutzter Grund. Obwohl Bruttoinlandsprodukt (BIP) und Beschäftigung stetig wachsen, hat sich der Anteil der Gewerbe- und Industrieflächen über die Jahre hinweg kaum verändert. Die Flächen für das klassische Gewerbe und die Industrie erhöhten sich von 2011 bis 2015 nur um 0,7 Prozent. Im gleichen Zeitraum legte die Wirtschaftsleistung deutlich zu (14,1 Prozent BIP-Wachstum). Das heißt, die Produktivität pro Hektar ist kontinuierlich gestiegen.

„Es ist bemerkenswert, wie sparsam die Betriebe angesichts des starken Wirtschaftswachstums der vergangenen Jahre mit Flächen umgehen“, sagt BIHK-Hauptgeschäftsführer Driessen. Dies zeige aber auch deutlich, dass die Verfügbarkeit von Fläche immer mehr zum Engpassfaktor und Wachstumshemmnis werde. „Um Planungssicherheit zu haben, brauchen unsere hochspezialisierten Unternehmen Flächen in ausreichender Größe und Qualität. Nur so können weiteres Wachstum sowie die Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen gewährleistet werden“, so Driessen.

In Holzkirchen (Kreis Miesbach) sollte ein Gewerbegebiet im Ortsteil Föching den Platzbedarf für eine Dekade decken – und war bereits nach zwei Jahren belegt. In Bergkirchen (Kreis Dachau) siedelt sich gerade noch das US-Unternehmen Thorlabs auf der letzten verfügbaren Fläche des Gewerbegebiets GADA an, das sich rasant füllte. Umso mehr zeigt sich Planungsexperte Breu von der Forderung nach einer Obergrenze irritiert: Das Denken in absoluten Grenzen sei „so nicht adäquat“. Schließlich bringt wirtschaftliche Entwicklung Vorteile für die ganze Bevölkerung.

Planungshoheit und Flächenmanagement

In Neuburg wurden nicht nur für die Maschinenringe Deutschland 1,8 Hektar Gelände erschlossen, sondern auch vier Hektar für den Wohnungsbau – das seit langem größte Neubaugebiet der Stadt, so Neuburgs Wirtschaftsförderer Bernhard Hillebrand. Solche Entwicklungserfolge sind meist das Ergebnis konsequent wahrgenommener Planungshoheit und durchdachten Flächenmanagements. Die Gemeinde Weyarn (Kreis Miesbach) kaufte über Jahre alles an Grund und Boden, was sie bekommen konnte, sagt ihr langjähriger Bürgermeister Michael Pelzer. Neben einer solchen Vorratspolitik treten zunehmend andere Aspekte ins Blickfeld: Zulassung dichterer Bebauung, Geschosswohnungsbau, Verzicht auf Mindestgrößen für Wohngrundstücke.

Einen innovativen Ansatz für kompaktere Siedlungsstrukturen gibt es in der Gemeinde Kirschanschöring im Landkreis Traunstein. Dort entwickelte Bürgermeister Hans-Jörg Birner im Rahmen eines Modellvorhabens flächenschonende Alternativen zum klassischen Einfamilienhaus. Potenzial sehen Experten überdies in einem zwischen mehreren Gemeinden abgestimmten Flächenmanagement. Gemeinsame Gewerbegebiete sind zwar noch selten. Doch wo sie realisiert wurden, gelten sie als erfolgreich wie etwa in Inning und Wörthsee (Kreis Starnberg) oder in Wolnzach und Rohrbach (Kreis Pfaffenhofen an der Ilm).

Eine harmonische Zusammenarbeit mit ihren Kommunen ist für viele Unternehmen von zentraler Bedeutung. Gut gelaufen ist es etwa bei der expandierenden Ingenieurgesellschaft Müller-BBM am Stammsitz in Planegg im Landkreis München. Die Gemeinde stimmte mehreren Abweichungen vom maßgeblichen Bebauungsplan zu. So sei es möglich, eine hohe Geschossflächenzahl zu realisieren – ohne zusätzlichen Flächenverbrauch, betont Norbert Suritsch, Vorstandschef von Müller-BBM.

Nicht überall geht es glatt

„Wir haben seit mehr als 20 Jahren Schwierigkeiten, Erweiterungsmöglichkeiten zu finden“, sagt Markus Meier, geschäftsführender Gesellschafter der Eichstätter Baugruppe Martin Maier. Auch beim neuen Bahnhofsareal von Garmisch-Partenkirchen gibt es Probleme bei der Nachverdichtung, so Andreas Schamberger, Prokurist bei der Unternehmensgruppe Franz Hummel Projekte. Mit ausgefeiltem Flächenmanagement aber wird immer wieder realisiert, was anfangs unmöglich erscheint. Als sich Audi in Neuburg ansiedeln wollte, wurden in zwei Jahren 47 Hektar Industriegelände mit 27 Eigentümern entwickelt. „Das hat uns ohne Ende beflügelt“, sagt Oberbürgermeister Gmehling. 460 Arbeitsplätze entstanden, immer mehr Zulieferer siedeln sich an. Und die nächsten Großprojekte stehen bevor: ein neuer Campus der Technischen Hochschule Ingolstadt und eine neue Ortsumfahrung mit einer zweiten Donaubrücke. Gmehling mag gar nicht daran denken, wie eine erzwungene Obergrenze solche Potenziale beschneiden würde.