IHK Magazin

Finnland: Chancen im Norden

Finnland ist bekannt als eines der digitalsten Länder der Welt. Bayerischen Unternehmen bieten sich hier gute Anknüpfungspunkte für Wissenstransfer und Kooperation. MECHTHILDE GRUBER

Helsinki cityscape with Helsinki Cathedral, South Harbor and Market Square Kauppatori , Finland
© ©Elina - stock.adobe.com Finnland ist ein wichtiger Handelspartner - Hauptstadt Helsinki

Europas Zentrum rückt nach Norden – zumindest in der zweiten Hälfte des Jahres: Finnland hat im Juli die EU-Ratspräsidentschaft übernommen. Wichtige Weichenstellungen stehen an, wie etwa der geplante Austritt Großbritanniens. Aber auch Themen wie nachhaltiges Wachstum, Sicherheit und Klimaschutz sollen vorangetrieben werden. Finnland wird gerade in diesen Bereichen seine Innovationsfähigkeit und Digitalisierungskompetenz präsentieren, sagt Friedhelm Forge, Skandinavienexperte bei der IHK für München und Oberbayern: »Da wird sich der Blick mehr als sonst nach Norden richten.

In Finnland bieten sich bayerischen Unternehmen gute Möglichkeiten zum Wissensaustausch, um neue Ideen zu entwickeln und Lösungen zu realisieren.« Finnland ist bereits ein guter Handelspartner und vor allem für Technologiegüter ein interessanter Absatzmarkt für die bayerische Wirtschaft. Seit 2014 ist Deutschland der wichtigste Handelspartner Finnlands. 2018 stieg das Handelsvolumen um rund zehn Prozent auf knapp 20 Milliarden Euro. Die guten Beziehungen beschränken sich jedoch längst nicht mehr nur auf den Handel, betont Dagmar Ossenbrink, Geschäftsführerin der Deutsch-Finnischen Handelskammer (AHK Finnland): »Das Interesse deutscher Unternehmen und auch der Politik an Finnland hat in den beiden letzten Jahren stark zugenommen.« Grund dafür sei die enorme Innovationskraft, die gerade die kleinen und mittleren Unternehmen dort entwickelt hätten. »Sie sind heute in vielen Bereichen Vorreiter für neue Technologien und vor allem mit ihrer weltweit führenden Digitalexpertise interessante Kooperationspartner für deutsche Firmen.«

Strukturwandel

Das mit 5,5 Millionen Einwohnern dünn besiedelte Finnland hat sich zuletzt massiv verändert. In der Industrie hat es einen Strukturwandel vollzogen – von der Holzwirtschaft hin zum Hightech-Lieferanten. Die Auflösung des Handygeschäfts bei Nokia und der massive Arbeitsplatzabbau bei Microsoft haben Finnland aber nicht wie befürchtet in die Krise gestürzt, sondern neue Chancen eröffnet. Die frei gewordenen, gut ausgebildeten Fachkräfte gründeten äußerst kreative Start-ups, die heute wichtige Akteure der Digitalisierung sind. »Das finnische Start-up-Ökosystem ist eines der attraktivsten Themen – hier ist man anderen Ländern Europas einige Schritte voraus«, sagt AHK-Geschäftsführerin Ossenbrink.

Plattform für Innovationen

Eine gute Gelegenheit, diese jungen, innovativen Wachstumsunternehmen kennenzulernen, ist das Slush Festival in Helsinki. Die Start-up-Veranstaltung lockt rund 20000 Teilnehmer an und findet dieses Jahr im November statt. Die AHK Finnland ist offizieller Partner. »Slush ist für Unternehmen die perfekte Plattform, um in die Zukunft zu schauen«, so Ossenbrink. »Wer für das eigene Geschäft eine Digitalisierungsstrategie und dazu Lösungen sucht, kann sich hier gut vernetzen und Kooperationsmöglichkeiten finden.«

Chancen für Innovationspartnerschaften gibt es in vielen Bereichen, allen voran bei der Industrie 4.0. Viele finnische Firmen sind auf Internet-of-Things-Software, Datensicherheit oder Cloud-Lösungen spezialisiert. Die AHK hat vor zwei Jahren eine Digitalisierungspartnerschaft ins Leben gerufen, die bereits zu Vereinbarungen zwischen deutschen und finnischen Programmteilnehmern führte. Finnische Firmen gründeten Niederlassungen in Deutschland, so startete etwa der Transponderhersteller für RFID-Systeme Confidex in München.

Erneuerbare Energien und Smart City sind weitere wichtige Themen – in Finnland wie in Bayern. Finnland hat sich verpflichtet, bis 2030 komplett aus der Kohle auszusteigen und den Anteil erneuerbarer Energien auf über 50 Prozent zu erhöhen. Dafür soll eine Milliarde Euro investiert werden. Deutsche Unternehmen sind als Projektentwickler und Komponentenlieferanten gefragt. Im Smart Building entwickeln Finnen oft Teillösungen, etwa für Lichtsteuerung, Türöffnung oder Heizungsoptimierung. Deutsche Unternehmen integrieren diese in ihre Gesamtproduktpalette.

Durch den in Finnland anhaltenden Trend zur Urbanisierung gibt es für bayerische Firmen beim energieeffizienten Bauen ebenfalls gute Absatzchancen. Das sieht auch Markus Hilpoltsteiner (53), Geschäftsführer der ELWA Elektro-Wärme GmbH & Co. KG in Maisach, so: »Für unser spezielles Produkt, das Power-to-Heat-System, ist Finnland ein vielversprechender Absatzmarkt.« Power-to-Heat (P2H) kann überschüssige erneuerbare Energie auffangen und das Stromnetz stabilisieren.

Hilpoltsteiner nahm im Juli an der von der Deutsch-Finnischen Handelskammer organisierten Unternehmerreise »Urbane Wärmeenergie« nach Helsinki teil. Er knüpfte dabei Kontakte zu finnischen Energieversorgern und einem Planungsbüro, das kleinere Kraftwerke projektiert. Eine weitere Marktbearbeitung verspricht Erfolg, ist Hilpoltsteiner überzeugt. »Wir wollen, dass Planer wissen, was wir liefern können, und das bei ihren künftigen Kraftwerksprojekten berücksichtigen.«