Finanzierung

Kapitalspritze für Wachstum

Wer Neues entwickeln und auf den Markt bringen will, braucht Kapital. Unternehmer können
dafür bewährte und alternative Geldquellen erschließen. MONIKA HOFMANN

Ambitionierte Wachstumspläne hängen weder von der Größe noch vom Alter eines Betriebs ab. Traditionsunternehmen bauen ihr Geschäft mitunter ebenso ehrgeizig aus wie Startups, die sich erst noch etablieren müssen. In jedem Fall gilt: Wachstum ist eine Herausforderung – und verschlingt Geld. „Die Finanzierung von starker Expansion – egal, ob auf neue Märkte oder in weitere Zielländer – erweist sich oft als hohe Hürde“, beobachtet Claudia Schlebach, Leiterin der Abteilung Unternehmensförderung, Gründung, Gewerberecht bei der IHK für München und Oberbayern. An fehlenden Kapitalangeboten muss in Oberbayern jedoch kein expansionsfreudiger Unternehmer mit einem tragfähigen Konzept scheitern. Firmen finden in der Region zahlreiche Investoren, Institutionen und Fonds, die wachsende Unternehmen unterstützen. Gerade wenn große Investitionen in Innovationen anstehen, kommt häufig eine Beteiligung ins Spiel. Sie erweitert den finanziellen Spielraum eines Unternehmens spürbar. Schlebach: „Zudem erhöht sich die Eigenkapitalquote, was wiederum für weitere Kapitalgeber interessant sein kann.“

Peter Müller, Inhaber der Müller & Sebastiani Elektronik GmbH, setzt bereits zum zweiten Mal auf dieses Finanzierungsinstrument. Schon 2007 holte er die Bayerische Beteiligungsgesellschaft (BayBG) über eine stille Beteiligung ins Unternehmen. Im Herbst 2015 folgte eine zweite stille Beteiligung über derzeit eine halbe Million Euro. Damit will Müller unter anderem ein manschettenfreies Blutdruckgerät weiterentwickeln und auf den Markt bringen. In der Medizintechnik hat sich die Ottobrunner Firma, die insgesamt 60 Mitarbeiter beschäftigt, mit Innovationen etabliert und verfügt über zahlreiche Patente. „30 Prozent unserer Beschäftigten arbeiten an Forschungs- und Entwicklungsprojekten“, sagt der Unternehmer stolz.

Müller und sein damaliger Kompagnon Oscar Sebastiani spezialisierten sich 1978 auf die Entwicklung und Produktion medizintechnischer Geräte. Die Ingenieure hatten erkannt, dass der Einsatz von IT in Arztpraxen und Kliniken Diagnose und Abläufe erleichtert. Um ihre Ideen als medizinelektronische Innovationen voranzutreiben, gründeten sie 1980 die Müller & Sebastiani Elektronik GmbH. Um die Vertriebsaktivitäten kümmert sich seit 1981 die Tochterfirma custo med GmbH. Müller weiß um die Bedeutung von neuen Pro-duktideen, die ein Mittelständler stets weiterentwickeln sollte, wie er betont.

Müllers Kapitalgeber, die BayBG, gilt als einer der größten Beteiligungskapitalgeber im Freistaat. Die Gesellschafter sind Banken und Verbände. „Derzeit engagieren wir uns bei rund 500 Unternehmen mit mehr als 300 Millionen Euro“, berichtet Gabriele Rinderle, bei der BayBG für die Finanzierung von Wachstumsengagements in Südbayern verantwortlich. Mit ihren Investments ermöglicht es die BayBG bayerischen Firmen, ihre Innovations- und Wachstumsvorhaben umzusetzen, aber auch Nachfolgeprojekte zu realisieren oder die Kapitalstruktur zu verbessern. „Gerade wenn Mittelständler starkes Wachstum finanzieren müssen, das mit höheren Risiken verbunden ist, und sie wenige Sicherheiten mitbringen, sind wir als Kapitalgeber gefordert und gefragt“, so Rinderle. Oft engagiert sich die BayBG auch in Kombination mit anderen Finanzierungspartnern wie Banken, Bürgschaftsanbietern und öffentlichen Institutionen.

Finanziers sehen sich den Betrieb genau an

Das Angebot umfasst neben stillen Beteiligungen wie bei Müller & Sebastiani auch offene Beteiligungen und Kombinationen daraus. Meist liegt das Volumen zwischen 250 000 und sieben Millionen Euro. Dabei lassen sich die Verträge individuell gestalten. „Oft sehen sie einen Mix aus fester und erfolgsabhängiger Vergütung vor bei Laufzeiten von fünf bis zehn Jahren“, erklärt die Beteiligungsexpertin.

„Wir schauen uns die Unternehmen und ihr Management, ihre Produkte, ihren Markt und ihre Pläne sehr genau an“, betont Rinderle. Dazu gehören nicht nur aussagekräftige Zahlen, aktuelle Jahresabschlüsse und Businesspläne, sondern auch Betriebsbesuche. Und was kostet das Leistungspaket? „Einen Festpreis gibt es bei uns nicht“, erläutert die Expertin. „Die jeweilige Vergütung hängt von der Bonität des Unternehmens ab und kann sich beispielsweise bei einer stillen Beteiligung, die als wirtschaftliches Eigenkapital nicht mit einem Kredit vergleichbar ist, zwischen sieben und 7,5 Prozent bewegen.“

High-Tech-Firmen mit Wachstumspotenzial sind die Zielgruppe des UnternehmerTUM-Fonds. Der Schwerpunkt liegt bei Unternehmen, die Hard- und Software für die Industrie entwickeln und herstellen. „Unser Fonds unterstützt die Firmen beim Markteintritt, also genau in der Phase, in der die Finanzierung für sie hierzulande besonders schwierig ist“, erklärt Ingo Potthof, Geschäftsführer der UnternehmerTUM Venture Capital Partners GmbH in Garching. Zu den Investoren zählen deutsche Unternehmer, Family Offices und institutionelle Investoren wie der European Investment Fund oder die Max-Planck-Förderstiftung.

Der private Fonds arbeitet eng mit dem Entrepreneurship Center der TU München UnternehmerTUM zusammen, agiert aber unabhängig. Die Erstinvestition beträgt meist etwa 500 000 Euro. „Entwickelt sich das Unternehmen erfolgreich, investieren wir weiter: Insgesamt sind bis zu fünf Millionen Euro möglich“, erläutert Potthof. Als weitere Finanzierungspartner agieren oft Business Angels, Venture-Capital-Fonds oder staatliche Investoren wie Bayern Kapital. „Dabei übernehmen wir auch Beirats- oder Aufsichtsratsmandate, unterstützen die Firmen mit dem Know-how unserer Experten und mit einem großen Netzwerk“, so Potthof.

Wichtigste Voraussetzungen für ein Engagement: eine innovative Technologie und ein überzeugendes Geschäftsmodell. „Die Unternehmen müssen über einen Wettbewerbsvorteil verfügen, insbesondere über ein starkes Managementteam“, betont der Wagniskapitalexperte. Und sie sollten Wachstumspläne verfolgen, am besten mit dem Ziel, internationale Märkte zu erschließen. Jedes Jahr verschafft der Fonds drei bis fünf Firmen eine solide Eigenkapitalbasis. So unterstützte er die Windkraftsensorenanbieter fos4X GmbH und das Fernbusunternehmen FlixMobility GmbH bei der Expansion.

Für junge Unternehmen erweist sich die erste Wachstumsphase oft als besonders kritisch: Sie müssen neue Produkte zur Marktreife entwickeln, ihre Nische erobern und gleichzeitig mit der Finanzierung eine hohe Hürde nehmen. Denn angesichts mangelnder Sicherheiten sind Banken eher selten bereit, sich zu engagieren. Stattdessen müssen Startups meist Investoren überzeugen, um Eigenkapital aufzubauen.

Die Cevotec GmbH in Ottobrunn meisterte diese Herausforderung erfolgreich. Sie startete vor einem Jahr als Ausgründung der Technischen Universität München (TUM) und bietet mit dem Fiber Patch Placement eine Produktionstechnologie an, die es erlaubt, komplexe Carbonbauteile in hohen Stückzahlen automatisiert zu fertigen. Die junge Firma entwickelt und vertreibt nicht nur die Produktionsanlagen, sondern auch die dazugehörige Software, die eine vollständig digitale Produktentwicklung ermöglicht. „Industrieunternehmen können damit kostengünstige und zugleich hochqualitative Carbonbauteile in Serie entwickeln und herstellen“, erklärt der kaufmännische Geschäftsführer Thorsten Gröne.

Die Idee zu der innovativen Technologie entstand in einem Verbundprojekt der TU München mit namhaften Unternehmen wie der Airbus Gruppe. Jetzt schloss Cevotec die erste Finanzierungsrunde erfolgreich ab: Der High-Tech-Gründerfonds und Bayern Kapital, die Risikokapitaltochter der LfA Förderbank Bayern, sowie drei Business Angels investierten insgesamt 1,75 Millionen Euro. Mit dem Geld will die Firma die Produktionsanlage zur Serienreife ausbauen und zusammen mit der Software auf den Markt bringen. Das Produktionssystem zielt auf Unternehmen ab, die Carbonbauteile in Serie produzieren, insbesondere in der Luftfahrt- und Automobilindustrie. „Wir bieten aber auch Dienstleistungen auf Basis unserer Technologie an, die für Sportindustrie, Medizintechnik und den Maschinenbau interessant sind“, erklärt Gröne. Daher baut er gerade ein Marketing- und Vertriebsteam auf.

Was Investoren erwarten

Solch ambitioniertes Wachstum ist mit Beteiligungskapital gut zu stemmen. Unternehmer sollten sich allerdings über die Forderungen der Geldgeber im Klaren sein. „Investoren erwarten meist eine sehr hohe Rendite, man ist also von Anfang an auf kräftiges Wachstum ausgerichtet und muss sehr schnell die passenden Strukturen schaffen“, weiß Gröne. Dass erfahrene Business Angels das Startup bei strategischen Entscheidungen unterstützen, sieht er als großen Vorteil. Zumal das operative Geschäft weiterhin in den Händen der Jungunternehmer bleibt. Klar ist aber auch: „Man entscheidet über Kernfragen nicht mehr allein – wenn man sich dessen bewusst ist, kann man von diesem Mitspracherecht profitieren.“

Unternehmen und Kapitalgeber müssen daher zueinanderpassen. Das Finanzierungsnetzwerk BayStartUp bringt geeignete Partner zusammen und vermittelt jungen Firmen Kapitalgeber und Business Angels. Zudem hilft es mit einem umfassenden Beratungs-, Informations- und Bildungsangebot sowie Businessplanwettbewerben, die kritische Frühphase der Unternehmensentwicklung zu überbrücken. Gezielte Hilfe für das Wachstum junger und etablierter Firmen bietet auch die LfA Förderbank Bayern. Ein weiteres Instrument offeriert das bayerische Wirtschaftsministerium seit 2015 mit dem Wachstumsfonds. Er ist mit 100 Millionen Euro ausgestattet und investiert jeweils zwei bis acht Millionen Euro – aber nur, wenn private Wagniskapitalgeber zu gleichen Konditionen ebenfalls einsteigen. Bis Mitte 2016 gelangen so acht Beteiligungen – deutlich mehr als erwartet.

Anlaufstellen für Kapitalsucher

www.baybg.de
Die BayBG Bayerische Beteiligungs-gesellschaft mbH in München wird von Banken getragen und finanziert. Ihr Angebot richtet sich in erster Linie an kleine und mittlere Firmen, die wachsen, ihre Nachfolge regeln oder ihre Kapitalstruktur verbessern wollen.

www.baystartup.de
Das inzwischen größte regionale Netzwerk in diesem Bereich hat seinen Sitz in Nürnberg und München. Es bringt in Bayern Kapitalgeber mit Startups und jungen Firmen zusammen. Zudem unterstützt die BayStartUp GmbH mit Beratung, Information und Weiterbildung sowie mit Businessplanwettbewerben.

www.stmwi.bayern.de
Das Bayerische Wirtschaftsministerium stellt umfassende Informationen zu den Themen Wachstumsfonds, Risikokapital und Finanzierung für Gründer und innovative Unternehmen zur Verfügung und legte den Wachstumsfonds Bayern auf.

www.lfa.de
Die LfA Förderbank Bayern in München bietet zahlreiche Programme für bayerische Firmen zu Themen wie Gründung, Wachstum, Innovations-, Investitions-, Betriebsmittel- oder Auslandsfinanzierung.

www.bayernkapital.de
Die hundertprozentige LfA-Tochter Bayern Kapital GmbH sitzt in Landshut. Ihr Angebot richtet sich in erster Linie an Gründer, Startups und junge Firmen. Sie bietet vor allem Beteiligungskapitalmodelle.