IHK Magazin

Fahrzeugbau: Automobile ‎Transformation

Politik, Kunden und technischer Fortschritt fordern die Automobilindustrie heraus. In einer Metastudie ließ der Bayerische Industrie- und Handelskammertag die Risiken und Chancen für die bayerischen Hersteller, die Zulieferer und die Beschäftigten untersuchen. ULI DÖNCH

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© ©metamorworks - stock.adobe.com Autonom, vernetzt, elektrisch? Die Autobranche steckt im Umbruch

Auch die Welt von morgen braucht sichere, saubere und zuverlässige Fahrzeuge. Doch was bedeutet der fundamentale Mobilitätswandel für die Hersteller und Zulieferer in Bayern, was für die Arbeitsplätze? Was sollte die Politik tun? Und wie kann sich die für Bayern so wichtige Automobilbranche gegen die geballten Herausforderungen wappnen? Diese Fragen beantwortet eine aktuelle Metastudie des ifo Instituts im Auftrag der bayerischen Industrie- und Handelskammern (BIHK).

Die Autoren ziehen ein optimistisches Fazit: »Die bayerische Automobilindustrie wird die fortschreitende Transformation hin zu elektrischen Antrieben meistern.« Sie warnen aber gleichzeitig vor der Gefahr, »dass im Kernbereich vernetzte Fahrzeuge eine Abhängigkeit von führenden Internetkonzernen entstehen könnte«. Vier automobile Megatrends werden in den nächsten 20 Jahren die Zukunft der bayerischen Autohersteller und Zulieferer beeinflussen – abgekürzt CASE (siehe auch Kasten rechts): alternative Antriebe (electric vehicles), autonomes Fahren (autonomous vehicles), miteinander vernetzte Fahrzeuge (connected cars) und alternative Mobilitätsangebote (shared mobility).

Megatrend 1 - Elektrifizierung der Antriebe

Die Autohersteller werden in den nächsten fünf bis zehn Jahren ihre Modellpalette verändern. Sie investieren Milliarden, um diesen Wandel zu vollziehen. Der Anteil der Neuzulassungen bei Hybridfahrzeugen (Verbrennungsmotor plus Elektroantrieb) hat sich von 2009 bis 2017 auf gut 2,5 Prozent mehr als verzehnfacht. Ähnliche Zuwächse verbuchen die reinen Elektrofahrzeuge, wenn auch auf niedrigerem Niveau (0,7 Prozent der Zulassungen).

Das größte Problem der Hersteller: die Batterie. Der Erfolg der elektrischen Fahrzeuge hängt eng mit der Leistungsfähigkeit der Energiespeicher zusammen. Derzeit müssen Hersteller ihre Batterien nahezu komplett in Asien (Japan, Korea, China) einkaufen. Die mangelnde Reichweite der E-Autos schreckt noch immer viele potenzielle Käufer ab. Die größte Herausforderung der Zulieferer: Die Elektromobilität bedroht viele Geschäftsmodelle. Wer heute zum Beispiel Auspuffanlagen, Ölfilter oder Kolbenringe herstellt, produziert etwas, das ein Elektroauto nicht mehr braucht. Umso wichtiger ist es für diese Betriebe, rechtzeitig zu reagieren. Die bayerische Autoindustrie muss gleichzeitig die Umstellung auf E-Antriebe bewältigen und ihr klassisches Produktportfolio pflegen. Sie muss »den Wandel gestalten, ohne das heutige Kerngeschäft zu vernachlässigen«, so die ifo-Studie.

Megatrend 2 - Autonomes Fahren

Mit steigender Realisierung des autonomen Fahrens, weg vom Menschen, hin zur vollen Automation, ändern sich die Anforderungen an die Technik. Von besonderer Bedeutung sind dabei Sensoren, um die Umwelt wahrzunehmen, und Prozessoren, um die entstehenden Datenmassen zu verarbeiten. Auf beiden Feldern bieten sich große Chancen für die bayerische Autoindustrie – insbesondere wegen ihrer starken Marktstellung bei Sensoren. Die Metastudie warnt allerdings vor dem zunehmenden Einfluss der US-Konzerne wie Intel, Nvidia sowie der Google-Tochter Waymo.

Megatrend 3 - Vernetzung und Digitalisierung

Wenn Autos miteinander und mit ihrer Umwelt kommunizieren, ergeben sich neue Möglichkeiten. Unfälle werden vermieden, Staus werden umfahren, Parkplätze und verfügbare Ladestationen schneller gefunden. Auch hier wächst der Einfluss der US-Technologiekonzerne. Google startete im Mai 2019 die Betriebssoftware Android Automotive OS und stellte sie der Branche zur Verfügung.

Die Autohersteller müssen nun entscheiden, ob sie weiterhin selbst Milliarden in eine eigene Betriebssoftware investieren oder ob sie Google nutzen. Hinzu kommt: Im Auto der Zukunft entstehen immer mehr Daten, die gespeichert und analysiert werden müssen. Die Hersteller nutzen hierfür überwiegend die Speicherkapazitäten (Cloud) der großen US-Anbieter. Die ifo-Studie warnt: »In diesen Bereichen, Software und Data Analytics, drohen somit bereits mittelfristig Abhängigkeiten von den dominierenden amerikanischen Internetfirmen wie Google (Software) sowie Amazon, IBM und Microsoft (Cloud) zu entstehen.«

Megatrend 4 - Alternative Mobilitätsangebote

Insbesondere in Ballungsräumen sinkt der Wunsch, ein eigenes Auto zu besitzen, durch gemeinsam genutzte Fahrzeuge und vernetzte Mobilität. Diese alternativen Fortbewegungskonzepte werden bis 2030 auf mehr als 30 Prozent des Umsatzes im weltweiten Automobilsektor stark zunehmen. Öffentliche Verkehrsbetriebe (Bus, S-Bahn, U-Bahn), private Anbieter (Taxi, Uber, Lyft), kurzfristige Mietmöglichkeiten (klassische Fahrräder, E-Bikes, E-Roller, E-Autos) gehören dazu.

Die ifo-Studie weist darauf hin, dass der Staat diesen wachsenden Markt der alternativen Mobilitätskonzepte klug regeln und überwachen muss. Damit die »Shared-Mobility-Dienste nicht den öffentlichen Nahverkehr kannibalisieren und die Staugefahr sowie die Anzahl der im Auto zurückgelegten Kilometer (und damit den CO₂- Ausstoß) erheblich erhöhen«.

Folgen für die Beschäftigten

In Bayern sind rund 137000 industrielle Arbeitsplätze mit dem klassischen Verbrennungsmotor verbunden – also mehr als jeder dritte Arbeitsplatz im Automobilbereich. Davon entfallen etwa 55000 Arbeitsplätze auf die Zulieferbetriebe. Allein hier wären bis zum Jahr 2030 zwischen 15000 und 31000 Jobs vom automobilen Wandel betroffen – je nachdem, wie schnell sich die vier Megatrends durchsetzen.

Die Betriebe geben an, diesen Verlust an Arbeitsplätzen hauptsächlich über
Altersfluktuation zu regeln. Wie gut sind die Unternehmen und ihre Beschäftigten auf die neuen Anforderungen vorbereitet? Den größten Bedarf sehen die Befragten beim Thema Weiterbildung (»geänderte Qualifikationen und Kompetenzen«). Das gilt insbesondere für die Bereiche Maschinen und vernetzte Systeme sowie für die Informations- und Kommunikationstechnik (IKT).

Vor diesem Hintergrund raten die Studienautoren den Unternehmen: »Sie sollten sich in ihrer Personalentwicklungsstrategie weniger von aktuellen Stellenbesetzungsproblemen leiten lassen, sondern gemeinsam mit Politik und Wissenschaft systematisch den künftigen Bedarf an Qualifikationen analysieren. Darauf aufbauend könnte man über neue Lehrstühle und Forschungs- und Lehrprogramme nachdenken und passgenaue Weiterbildungsmaßnahmen entwickeln.«

Die ifo-Studie »Fahrzeugbau – wie verändert sich die Wertschöpfungskette« steht zum Download bereit unter: Fahrzeugbau