IHK Magazin

Fachkräfte: Hürden beseitigen

Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz soll Firmen die Einstellung von qualifizierten Fachkräften aus Drittstaaten erleichtern. Was sich ab 1. März 2020 ändert. SABINE HÖLPER

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© ©zhu difeng - stock.adobe.com Neue Regeln für den Einstieg - Fachkräfte aus dem Ausland

Das Unternehmen Hubert Hörndl Transporte GmbH unterhält eine Flotte von 220 Lastkraftwagen. 350 Fahrer bringen damit Güter aller Art pünktlich zu ihren Bestimmungsorten. Die Belegschaft ist international. Der Mittelständler beschäftigt unter anderem Polen, Bulgaren, Deutsche, Tschechen und Rumänen. Jetzt würde die Personalverantwortliche Gaby Albrecht gerne Serben einstellen. Das wäre ein Leichtes. Laut Albrecht gehen viele Bewerbungen von serbischen Lkw-Fahrern in Forstinning ein. »Wir haben einen Kandidaten, der würde gleich noch acht Kollegen mitbringen«, sagt Albrecht. »Und wir bräuchten sie alle.«

Doch die Verpflichtung der Fahrer scheitert daran, dass die Führerscheine der Männer in Deutschland nicht anerkannt werden. Serbien ist (noch) kein EU-Mitgliedsland.Für Menschen aus sogenannten Drittstaaten gibt es nicht die Arbeitnehmerfreizügigkeit, die EU-weit herrscht. Es existieren Hürden an allen möglichen Stellen. Ein Führerschein, der nicht übertragbar ist, ist nur eine davon. Insgesamt gestaltet sich die Beschäftigung von Fachkräften aus Drittstaaten meist derart schwierig, dass Firmen resigniert aufgeben. So dauern vor allem die Visaverfahren in den Botschaften sehr lange, in einigen Ländern muss mit einem Jahr und länger gerechnet werden. »Irgendwann stehen die Lkws still«, warnt Albrecht. »Wahrscheinlich muss es so weit kommen, dass die Supermarktregale deshalb leer bleiben, bis sich etwas ändert.«

Das wird hoffentlich nicht geschehen. Im Gegenteil spricht aktuell vieles dafür, dass sich die Situation schon bald verbessern wird. Im Sommer wurde das Fachkräfteeinwanderungsgesetz verabschiedet. Zum 1. März 2020 wird es in Kraft treten und insbesondere die Einstellung von beruflich qualifizierten Ausländern aus Drittstaaten erleichtern. Akademiker können schon heute unter erleichterten Voraussetzungen mit der Blauen Karte EU als einer Form der Aufenthaltserlaubnis einwandern, auch wenn hierfür ein relativ hohes Jahresgehalt vorausgesetzt wird. Die zentralen Neuerungen des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes im Überblick:

  • Die Zuwanderung von qualifizierten Fachkräften aus Drittstaaten mit anerkannter qualifizierter Berufsausbildung oder Hochschulabschluss wird erleichtert.
  • Bei Fachkräften mit entsprechend nachgewiesener Qualifikation und vorliegendem Arbeitsvertrag entfällt die Vorrangprüfung«, sagt Maral Noruzi, Referentin für Ausländerrecht bei der IHK für München und Oberbayern. Bislang ist die Vorrangprüfung durch die Bundesagentur für Arbeit nötig. Diese bestätigt, dass ein Unternehmen nur dann einen ausländischen Mitarbeiter aus einem Drittstaat einstellen darf, wenn für die Tätigkeit kein inländischer Arbeitnehmer beziehungsweise ein ihm gleichgestellter aus Ländern der EU beziehungsweise des Europäischen Wirtschaftsraums zur Verfügung steht. Die sogenannte Arbeitsbedingungsprüfung wird weiterhin durchgeführt. Sie stellt sicher, dass die Arbeitnehmer aus Drittstaaten nicht zu ungünstigeren Bedingungen als inländische Arbeitnehmer beschäftigt werden. Es werden insbesondere das Arbeitsentgelt und die Arbeitszeit überprüft.
  • Fachkräfte mit qualifizierter Berufsausbildung haben nun erstmals die Möglichkeit, für ein halbes Jahr nach Deutschland zu kommen, um sich hier auf Arbeitsplatzsuche zu begeben, sofern sie deutsche Sprachkenntnisse vorweisen und ihren Lebensunterhalt sichern könnnen. »Innerhalb dieses Zeitraums dürfen sie nach dem neuen Fachkräfteeinwanderungsgesetz Probebeschäftigungen von bis zu zehn Stunden pro Woche ausüben«, so Noruzi. Voraussetzung dafür ist unter anderem eine entsprechende Qualifikation.
  • Fachkräften aus Drittstaaten stehen mehr Möglichkeiten zur Verfügung, ihre im Ausland erworbenen beruflichen Fähigkeiten hierzulande mit Qualifikationsmaßnahmen zu ergänzen, um die Anerkennung von beruflichen Qualifikationen zu erzielen. Einer Fachkraft aus dem Ausland kann bei Erfüllung aller Voraussetzungen außerdem bereits nach vier Jahren eine Niederlassungserlaubnis erteilt werden. Diese entspricht einem unbefristeten Aufenthaltstitel.
    Auch die Verfahren sollen beschleunigt werden: Die Zuständigkeiten zur Erwerbsmigration wurden bei den zentralen Ausländerbehörden gebündelt.

Verfahren beschleunigen

»Die IHK für München und Oberbayern begrüßt, dass das Gesetz verabschiedet wurde«, sagt Elfriede Kerschl, Referatsleiterin für Wirtschaftspolitik und Fachkräfte bei der IHK. Positiv sei, dass die derzeitige Begrenzung auf vordefinierte Mangelberufe entfallen wird. Vor allem mittelständische Unternehmen brauchen Unterstützung bei der Anwerbung ausländischer Fachkräfte, so Kerschl.

Hilfreich wäre eine breit angelegte Informationskampagne, um die neuen Zugangswege von Fachkräften bekannt zu machen. In Frage käme auch der Ausbau von branchenspezifischen Anwerbekampagnen in ausgewählten Herkunftsländern, der Aufbau von Matchingpools mit konkreten Stellenangeboten und Bewerberprofilen sowie ein Pool von qualifizierten privaten Rekrutierungsfirmen, die kleine und mittlere Unternehmen bei der Anwerbung unterstützen können.

Damit das Gesetz seine Wirksamkeit entfalten kann, »kommt es aber maßgeblich darauf an, ob das Aufenthalts- und Anerkennungsverfahren tatsächlich beschleunigt wird«, sagt Manfred Gößl, Hauptgeschäftsführer der IHK für München und Oberbayern. Gewährleistet werden kann dies vor allem durch die Digitalisierung. Sowohl der Anerkennungsprozess als auch das Visumverfahren sollten online möglich sein. Gleichzeitig sollten die Behörden ausreichende Personalkapazitäten sicherstellen. Denn Engpässe an diesen Stellen – und die gibt es bereits jetzt – machen alle Verbesserungen auf dem Papier zur Makulatur