Fachkräfte

Wissen ist Macht

Die digitalen Kompetenzen der Mitarbeiter entwickeln sich nicht automatisch weiter, nur weil der technologische Wandel unaufhörlich voranschreitet. Unternehmen sollten ihre Beschäftigten daher gezielt überzeugen, mitnehmen und weiterbilden. SABINE HÖLPER

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© THORSTEN JOCHIM OHK-Mitarbeiter Horst Pfeuffer (l.) und Werner Spiel mit Teilen einer Forschungsrakete

Lutz Bertling arbeitet erst seit April 2018 bei der OHB SE. Der 55-Jährige gehört nicht nur zum vierköpfigen Vorstand, er ist auch Chief Digital Officer. Die OHB SE und ihre Tochter OHB Systems AG an den Standorten Oberpfaffenhofen und Bremen sind spezialisiert auf Hightech-Lösungen für Raumfahrt, Wissenschaft und Industrie. »Im Unternehmen hat man sich auch schon vorher mit Digitalisierung auseinandergesetzt«, sagt Bertling. »Aber jetzt ist das Thema so wichtig, dass wir es einem Vorstandsressort zugeordnet haben.« Die Digitalisierung schreitet rasant voran und verändert die Wirtschafts- und Arbeitswelt enorm.

Nur: Die digitalen Kompetenzen der Mitarbeiter entwickeln sich nicht automatisch und im Gleichklang mit dem technologischen Wandel weiter. Unternehmen müssen ihre Mitarbeiter folglich zu jedem Zeitpunkt überzeugen, mitnehmen, weiterbilden. Das fängt ganz oben an – bei einem Chef, der das Thema voran- und zu den Mitarbeitern bringt. Die Menschen sind eine zentrale Komponente der Digitalisierung und Transformation, sagt Josef Willkommer, Geschäftsführer des Webtechnologiedienstleisters TechDivision mit Hauptsitz in Kolbermoor. Die erste Komponente seien die Werkzeuge, die Geräte, die Software. Doch »vor den Geräten sitzen Menschen«, so Willkommer. Und die müssten den Umgang damit erst lernen. »Aber man darf sie dabei nicht überfordern«, mahnt er. Selbst Digital Natives bräuchten Erläuterungen. Zumal noch ein anderer wichtiger Aspekt hinzukommt: Die Digitalisierung bietet nicht nur Chancen, sie schürt auch Ängste. Viele Mitarbeiter sorgen sich, dass ihre Arbeit wegrationalisiert wird. »Diese Ängste muss man den Angestellten nehmen«, sagt Willkommer. Man müsse erklären, dass zwar manches automatisiert werde, dies den Mitarbeitern aber mehr Zeit gebe für die Bearbeitung anderer Themen und dass der Arbeitsplatz somit nicht zur Disposition stehe.

Der TechDivision-Chef lädt einmal im Monat die knapp 100 Mitarbeiter zum gemeinsamen Mittagessen, um strategische Themen wie etwa die Digitalisierung zu besprechen. Ein weiterer wichtiger Baustein sind Schulungen und Weiterbildung. Dazu gehört auch der Besuch von Kongressen. Erst kürzlich war Willkommer mit einem Team in Barcelona, zuvor in den USA. Zudem kommen zwei sogenannte Agile Coaches in die Firma und schulen die Mitarbeiter. Weiterbildung nach dem Gießkannenprinzip ist jedoch wenig sinnvoll. Deshalb sollte ein Unternehmen zunächst definieren, welches Wissen für welches Vorhaben genau benötigt wird. Danach geht es an das Aufspüren verborgenen Know-hows: Oft sind entscheidende Kompetenzen bereits im Betrieb vorhanden. Die Abteilungs- oder Geschäftsleiter kennen sie nur nicht, da sie im beruflichen Kontext bisher nicht gefragt waren.

Offener Dialog

David Meinhard, Experte beim Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA) am Institut der deutschen Wirtschaft Köln, rät: »Starten Sie einen offenen Dialog mit Ihren Mitarbeitern und erfahren Sie, welche verdeckten Kompetenzen in Ihrem Team schlummern.« Firmen mit einer eher jungen Belegschaft sind hier im Vorteil. »Berufsanfänger sind in sozialen Netzwerken aktiv oder haben in ihrer Ausbildung Softwareprogramme kennengelernt«, sagt Meinhard. Einige brächten eventuell sogar Erfahrung in der Web-entwicklung mit. So wie bei OHB Systems in Oberpfaffenhofen. Der Altersschnitt ist niedrig und die jungen Mitarbeiter gingen »natürlicher mit dem Thema um«, findet OHB-Vorstand Bertling. Oft seien sie sogar Treiber der Digitalisierung. »Sie bringen Ideen ein, wie man die Digitalisierung vorantreiben kann.« Im Unternehmen macht man sich dies zunutze, um am Ende alle Mitarbeiter ins Boot zu holen und weiterzubilden.

Konkret heißt das: Die Mitarbeiter mit den größten Kompetenzen werden zu Digitalexperten ernannt. Für das Gebiet, auf dem sie besonders viel Wissen besitzen, fungieren sie als eine Art Trendscouts, die fortwährend fahnden, wo weitere Potenziale liegen. In einem nächsten Schritt geht es dann darum, die übrigen Mitarbeiter von den anstehenden Neuerungen zu überzeugen und entsprechend zu trainieren.

Mitarbeiter früh einbinden

Vor allem das Überzeugen sei entscheidend, betont Bertling. Überzeugen könne man die Menschen nur dann, wenn sie den Nutzen sehen. »Die Mitarbeiter müssen erfahren, was die Änderung konkret für ihre Arbeit bringt«, so der OHB-Vorstand. Daher reiche es nicht, Neuerungen bloß zu kommunizieren. »Man muss die Mitarbeiter sehr früh einbinden und ihnen zeigen, wie die neue Technologie eingepasst in ihrer Arbeitsumgebung wirkt.« Mehr lesen