IHK Magazin

Förderung: Hilfe beim Wiedereinstieg

Das Teilhabechancengesetz bietet neue Fördermöglichkeiten für Langzeitarbeitslose. Unternehmen erhalten dadurch die Chance, sich neues Fachkräftepotenzial zu erschließen. MELANIE RÜBARTSCH

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© ©industrieblick - stock.adobe.com Von der neuen Regelung können Unternehmen und Langzeitarbeitslose profitieren

In einen geregelten Arbeitsablauf musste sie sich erst wieder gewöhnen. Nach der Elternpause Anfang der 2000er-Jahre hatte die studierte Kommunikationswissenschaftlerin nicht mehr in den Arbeitsmarkt zurückgefunden. Seit März arbeitet die 57-jährige Münchnerin nun in Teilzeit als Büroassistentin für den Hausmeisterservice Gebäudemanagement Ender. Peu à peu lernt sie die Aufgaben der Büroorganisation kennen, erschließt sich die Abläufe im Betrieb und findet sich in das kollegiale Umfeld ein. Ihre Lohnkosten trägt aktuell zu 100 Prozent das Jobcenter.

Als eine der Ersten in München profitiert sie damit vom Teilhabechancengesetz, das Anfang des Jahres in Kraft getreten ist. Das Regelwerk hat zwei neue Möglichkeiten zur Förderung von Langzeitarbeitslosen geschaffen. Die Einzelheiten hängen von der Dauer der Arbeitslosigkeit ab. Im Fall der Münchnerin greift die sogenannte Teilhabe am Arbeitsmarkt. Danach erhalten Arbeitgeber für maximal fünf Jahre einen Lohnkostenzuschuss, wenn sie Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigen, die in den zurückliegenden sieben Jahren mindestens sechs Jahre lang Arbeitslosengeld II bezogen haben und über 25 Jahre alt sind.

Nachholen fehlender Kenntnisse

Bei tarifgebundenen Unternehmen ist der Tariflohn die Basis, bei anderen Betrieben das tatsächlich ausgehandelte Entgelt. Arbeitgeber können zusätzlich 3000 Euro für Qualifizierungen der neuen Kräfte beantragen – vom Führerschein über Sprachkurse bis zum IT-Lehrgang ist alles möglich. Die bei Ender für Personal zuständige Mary Ender (61) hat für ihre neue Bürokraft einen Kurs in Büroorganisation an der Volkshochschule beantragt. An einem Abend pro Woche lernt die Mitarbeiterin nun die Grundlagen von Word, Excel und Powerpoint, Ablage und Zeitmanagement. »In den vergangenen Jahren hat sich technisch einfach unglaublich viel getan. Das muss sie erst einmal aufholen«, sagt Ender.

Sie hatte Anfang des Jahres über eine Infoveranstaltung des Jobcenters von den neuen Förderungen erfahren: »Von der Idee war ich sofort angetan.« Doch Ender macht sich keine Illusionen. Das Modell brauche Geduld auf beiden Seiten. »Letztlich betreuen wir die neue Kollegin gerade zu zweit und sehr intensiv. Es ist im Grunde wie eine Ausbildung.« Mit den aktuellen Computerprogrammen oder Arbeitsmitteln umzugehen sei das eine. Sich nach langer Zeit wieder in Arbeitsabläufe einzufinden, Aufgaben zu priorisieren und auch den Druck auszuhalten, etwas erledigen zu müssen, das andere.

Fördermöglichkeit genutzt

Ein bisschen einfacher hat es da ein zweiter Kollege, den das Unternehmen über das neue Förderinstrument als Hilfskraft im Außendienst eingestellt hat. Der 62-Jährige war nie so ganz raus aus dem Arbeitsleben. Immer wieder hatte er 1-Euro-Jobs, bei denen er sich in fremden Strukturen zurechtfinden musste. Bevor Ender die neuen Kollegen einstellte, informierte sie die anderen Mitarbeiter. »Sie sollten von vornherein verstehen, warum wir uns vielleicht intensiver um die beiden kümmern und dass sie auf keinen Fall bestehende Jobs gefährden«, erklärt die Chefin.

Wie sich die Arbeitsverhältnisse entwickeln, kann sie noch nicht sagen. »Aber beide Mitarbeiter sind sehr bemüht und wollen lernen. Das ist schon einmal viel wert.« Das Jobcenter arbeitet mit Hochdruck daran, das neue Modell zu etablieren. »Wir konnten bereits über 100 neue Arbeitsverhältnisse über diesen Weg vermitteln«, berichtet die Geschäftsführerin des Jobcenters München, Anette Farrenkopf. »Uns ist natürlich bewusst, dass die Arbeitgeber gerade zu Beginn viel Arbeitskraft investieren müssen, um die Vermittelten einzuarbeiten. Auf der anderen Seite nehmen wir ihnen aber auch komplett das Risiko.« Damit meint sie nicht nur die Übernahme der Lohnkosten.

Um die Beschäftigung zu festigen und zu stabilisieren, werden Arbeitnehmer und -geber bei Fragen und Problemen durch begleitendes Coaching unterstützt und betreut, wenn nötig auch während der gesamten Förderung. Die Parteien können das Arbeitsverhältnis im Rahmen der Förderung auf eine Dauer von bis zu fünf Jahren befristen. Und wenn die Zusammenarbeit partout nicht gelingt, kann das Jobcenter die Mitarbeiter auch vorher wieder abberufen.

Farrenkopf betont die Chancen für die Arbeitgeber: »Sie können potenzielle Fachkräfte für das eigene Unternehmen entdecken und gezielt mit Blick auf die Erfordernisse ihres Betriebs entwickeln.« Vorausgesetzt, die Arbeitgeber seien bereit, Potenzial zu suchen und zu heben. »Die neuen Kollegen können die bestehende Belegschaft außerdem entlasten, weil sie oft gerade solche Hilfstätigkeiten übernehmen, die vielleicht über Rationalisierungen weggefallen und dabei an den anderen Mitarbeitern hängen geblieben sind«, ergänzt sie. Der Sitzungsdienst oder Empfang seien solche Beispiele.

Auch aus Sicht von Elfriede Kerschl, Referatsleiterin für Wirtschaftspolitik und Fachkräfte bei der IHK München und Oberbayern, gibt das neue Gesetz grundsätzlich ein positives Signal. »Der Staat ist bereit, Geld in die Hand zu nehmen, um Fachkräftepotenzial zu erschließen.« Ob und wie sich das für die Unternehmen rechnet, müsse jeweils der Einzelfall zeigen.