Elly Seidl

Alles frisch

Die 100 Jahre alte Schokoladenmanufaktur Elly Seidl bleibt alten Werten treu, aber nicht jeder Tradition. Von der Gründung im Ersten Weltkrieg bis zum modernen Onlineshop. CORNELIA KNUST

Elly Seidl, die beiden Brüder Maximilian und Oliver Rambold - Pralinen-Produktion in Gräfelfing.
© Wolf Heider-Sawall Elly-Seidl-Chefs Maximilian und Oliver Rambold (v.l.). Foto: Wolf Heider-Sawall

Die neue Filiale im Tal nahe dem Münchner Marienplatz gibt sich schlicht. Das Naschwerk ist modern in Szene gesetzt. Kronleuchter, Blumen, Perserteppich und Nippes waren gestern. Die Stammkunden der Elly Seidl GmbH werden vor Weihnachten in den sechs Filialen in und um München wohl wieder Schlange stehen, unter 120 verschiedenen Pralinensorten wählen und beim Bezahlen erfreut den Schokoladentaler zum 100-jährigen Bestehen entgegennehmen.

Dass der 50-Mann-Betrieb mit Sitz in München-Gräfelfing auch nach einem Jahrhundert so frisch daherkommt, liegt an zwei Brüdern: Oliver (46) und Maximilian Rambold (40). Es liegt ebenso an deren Eltern, die vier Jahrzehnte lang mit harter Arbeit schufen, worauf jetzt alles aufbaut. Im Grunde aber ist es einer mutigen Kellnerin aus Altötting namens Barbara Seidl zu verdanken, die 1918 ein achtjähriges uneheliches Kind namens Elly hatte und noch vor Ende des Ersten Weltkriegs auf eigene Faust ein Unternehmen gründete: ein Feinkostgeschäft in der Maximilianstraße, aus dem sich der Süßwarenhersteller entwickelte.

Neue Firmenzentrale

Die Rambolds waren lange Zeit nur Pächter von Produktion und Läden sowie Lizenznehmer des Namens Elly Seidl. Erst bei Elly selbst, die 1999 starb, dann bei ihrer Tochter, die seit diesem Sommer nicht mehr lebt. Im Jahr 2000 aber kauften sie das Unternehmen, packten alles in eine GmbH und bauten im Gewerbegebiet in Gräfelfing die Firmenzentrale neu.

Fünf Millionen Pralinen verlassen jedes Jahr den Produktionsbetrieb, in dem 15 Mitarbeiter plus Azubis das meiste noch von Hand fertigen – aus bester Kuvertüre und hochwertigen Zutaten. Auch der Rest des Sortiments ist selbstgemacht: Gebäck, Konfitüre, Torten, Schokofrüchte.

Vater Helmut Rambold, ganz Konditormeister im weißen Kittel, begegnet man im Lager oder auf dem Flur, weil der 78-Jährige sich immer noch gerne in der Firma nützlich macht. Der „Souffleur“, die „Stimme aus dem Off“, so nennt ihn die Familie, die seinen wachsamen Blick schätzt, auch wenn es zwischen den Generationen manchmal knirscht. Helmuts Frau Beatrice (70), früher in Verkauf und Buchhaltung, kümmert sich mittlerweile lieber um die Enkel. Die neuen Chefs und überwiegenden Eigentümer sind seit 2014 die Söhne. Die beiden Rambold-Brüder haben Konditor (Oliver) und Kaufmann (Maximilian) gelernt.

„Wir sind eine Manufaktur, keine Fabrik“, stellt Maximilian Rambold klar. „Maschinen bedingen eine andere Rezeptur, und dann schmeckt es nicht mehr.“ Bruder Oliver, der im Café Richter in Planegg gelernt und in weiteren befreundeten Betrieben Erfahrungen gesammelt hat, scheint da als Chef der Produktion ziemlich kompromisslos zu sein, besonders, was die Güte der Zutaten und ihre Herkunft angeht.

Kundenzufriedenheit

Aber auch Maximilian weiß, was er will: langsames, gesundes Wachstum, zufriedene, gern jüngere Kunden, intelligenten Umgang mit Verpackungsmaterialien, kundiges Verkaufspersonal, eine gute Atmosphäre im Betrieb. Expansion ja, aber mit Augenmaß. Das neueste Experiment: die Belieferung einer Chocolaterie in Baden-Württemberg mit Pralinen aus eigener Herstellung.

„Mein Bruder ist für die Qualität und die Emotionen zuständig, ich betrachte die Zahlen und die Bürokratie“, beschreibt Maximilian Rambold die Arbeitsteilung der Brüder. „Die Bürokratie ist mittlerweile die größte Hürde“, stöhnt er. Kennzeichnungspflichten, Verpackungsregister und Datenschutz-Grundverordnung brächten gerade kleinere Betriebe an ihre Grenzen – oder darüber hinaus.

Freude am Gestalten

Maximilian Rambold war noch bei der Bundeswehr, als sich die Eltern zur Jahrtausendwende anschickten, richtige Unternehmer zu werden, und die Söhne fragten, ob sie dabei sind. Das Lernen in der Schule mochte Maximilian nicht so sehr, aber das Organisieren und Managen im Betrieb später schon. Die Freude am Gestalten leuchtet förmlich aus ihm heraus.

Natürlich gibt es Wettbewerber in München und im Landkreis, größere wie Dallmayr oder Käfer, aber auch ganz kleine, exklusive Chocolaterien, die den Nerv der Kundschaft treffen. Und es gibt heiße Sommer wie den vergangenen, als den wenigsten der Sinn nach Schokolade stand und das Liefern oder Versenden fast unmöglich war. Dazu kamen Sonderaufwendungen für das Jubiläum, das mit Buch, Prominenz und Pressekonferenz ordentlich begangen wurde.

„2018 war nicht so erfolgreich“, räumt Rambold ein. Aber das Weihnachtsgeschäft, das ein Drittel des Jahresumsatzes ausmacht, könne das noch herausreißen. Auch Firmenkunden stehen da Schlange und geben Pralinen in Auftrag, die mit Unternehmenslogos bedruckt sind. Privatkunden verschenken nicht nur Süßes, sondern manchmal auch die Teilnahme an Pralinenworkshops in der Elly-Seidl-Manufaktur.

Ein Traum von Schokolade

Die Manufaktur ist ein Paradies für Süßmäuler. Dort strömt die auf 31 Grad erwärmte Schokolade aus der Gießmaschine und füllt die Kunststoffformen für die dünnwandigen Pralinenkörper, die erst sanft gerüttelt, dann zum Trocknen gestapelt werden. Zugekaufte Hohlkugeln liegen palettenweise bereit, um nach dem Füllen mit einem Schokoladenknopf verschlossen zu werden. Die Bottiche mit der Ganache warten, also der Butter-Sahne-Mischung plus Aroma und Geschmack für das Innenleben der Pralinen, und die Schüsseln mit dunkler, heller oder weißer Kuvertüre zum Überziehen und Verzieren.

Im Grunde ist der Prozess nicht viel anders als einst bei Vater Helmut in der Au am Mariahilfplatz, als der in den 1960er-Jahren in gemieteten Räumen eines ehemaligen Waisenhauses Pralinen für Münchner Feinkostgeschäfte produzierte. Oder noch vorher bei Konditormeister Herbert Tzschentke, der Elly Seidl 1933 freite, mit ihr in Pasing wohnte und Süßes für den Laden in der Maximilianstraße produzierte. Oder bei deren Tochter Eleonore, ebenfalls gelernte Konditorin und Industriemeisterin für die Süßwarenherstellung.

Sie führte den Betrieb nur vier Jahre weiter, bevor sie nach Liechtenstein heiratete. Die Ehe scheiterte später. Die Rambolds aber, die als Pächter für Eleonore eingesprungen waren, machten so ihr Glück. Sie agieren, als wären sie die leibhaftigen Erben der couragierten Gründerin von 1918. Wie es war, umgeben von Schokolade aufzuwachsen, wird Oliver Rambold im Jubiläumsbüchlein der Firma gefragt. „Großartig“, antwortet der heutige Produktionschef der Manufaktur. „Elly Seidl war einfach schon immer ein Teil meines Lebens.“