Einzelhandel

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Die Umsätze im E-Commerce steigen – zu Lasten des stationären Einzelhandels. Als Gegenstrategie können Händler ihre Präsenz im Internet ausbauen. Sie sollten aber auch die Chancen der Digitalisierung im Ladengeschäft nutzen. EVA ELISABETH ERNST

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© ©metamorworks - stock.adobe.com Wunschprodukt per Smartphone

Nicht nur Jugendliche, auch immer mehr Erwachsene scheinen nahezu mit ihrem Smartphone zu verwachsen und zücken es fast schon im Minutentakt. Das hat Auswirkungen auf das Einkaufsverhalten: Laut HDE-Online Monitor 2018 erzielt der Onlinehandel rund 30 Prozent seiner Umsätze durch Mobile Commerce – wie Experten Käufe per Smartphone und Tablet bezeichnen. Doch die Kunden nutzen ihre Smartphones auch vor und während des Einkaufs in klassischen Ladengeschäften – mit messbarem Einfluss auf den Umsatz: So geht laut ECC Köln bei rund elf Prozent der Käufe im stationären Einzelhandel eine Online-Informationssuche mit dem Smartphone voraus. Bei den intensiven Smartphone-Nutzern liegt diese Quote sogar bei über 23 Prozent. Daher sollten sich stationäre Händler auch weniger Sorgen wegen des sogenannten Beratungsklaus machen.

Natürlich passiert es, dass sich Kunden im Geschäft beraten lassen und dann online günstiger einkaufen. „Dennoch kommt das längst nicht so häufig vor, wie gemeinhin angenommen wird“, sagt E-Commerce-Experte Peter Höschl (51). „Smartphones sind für stationäre Händler weniger Fluch, sondern eher ein Segen – in erster Linie, wenn Konsumenten herausfinden können, wo es ein Produkt in einem Laden in ihrer Nähe zu kaufen gibt.“

Das Smartphone leitet den Kunden in den Laden

Der Preis sei bei den meisten Sortimenten ohnehin nicht das allein ausschlaggebende Kaufargument. „Es geht vielen Menschen doch vor allem um Bequemlichkeit und Zeitersparnis“, so Höschl. Händler, die das zu nutzen wissen, so der E-Commerce-Experte, werden auch vom Trend zum Smartphone profitieren. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass ein Händler online gefunden wird, weil er über eine eigene, idealerweise mobil optimierte Website, über eine Facebook Page oder zumindest über einen Eintrag bei Google My Business verfügt.

Es gibt aber darüber hinaus Lösungen, die Kunden mit Hilfe des Smartphones in den Laden führen. So bietet die Nemms GmbH aus Konstanz eine App, über die Konsumenten Suchanfragen stellen können, die an passende Einzelhändler weitergeleitet werden. Kooperierende Schuhhändler können zum Beispiel auf eine Anfrage nach „weißen Turnschuhen der Marke XY in Größe 39“ reagieren oder bei der Suche nach einem „passenden Geschenk für die neunjährige Nichte“ behilflich sein. Nach dem Chat mit dem Händler kauft der Kunde ganz normal im Laden. Anfang Juni 2018 ging Nemms in Konstanz mit 55 stationären Händlern an den Start, mittlerweile sind 78 mit von der Partie, und die Firmengründer überlegen, ob sie ihr Angebot auf München ausweiten.

In eine ähnliche Richtung geht das Angebot Suchdadada, das wie eine lokale Suchmaschine arbeitet. Hier können Einzelhändler Daten zu ihren kompletten Beständen aus ihrem Warenwirtschaftssystem auf die Plattform laden. Tippen Interessenten ihr gewünschtes Produkt ein, zeigt die Plattform die Läden an, in denen die Ware vorrätig ist. „Damit kann der Kunde gezielt in das entsprechende Geschäft gehen, um das Produkt vor Ort auszuprobieren und zu kaufen“, erklärt Robert Kwiecien.

Der 36-Jährige ist Inhaber des Start-ups Full Tier UG und hat Suchdadada.de konzipiert und entwickelt. Mit seiner Idee zählt er zu den Finalisten des Wettbewerbs „Handel im Wandel“, bei dem innovative Geschäftskonzepte zur Stärkung des stationären Handels gesucht und ausgezeichnet werden. Viele der dort eingereichten Konzepte zielen darauf ab, das Einkaufen in klassischen Einzelhandelsgeschäften mit Hilfe digitaler Technologien attraktiver zu gestalten.Vor einem Jahr war der Schuhkonfigurator von Schuhtingstar aus Starnberg unter den Finalisten: Das Gerät wird im Laden aufgestellt, und die Kunden können dort ihr Wunschmodell zusammenstellen, das anschließend in einer Manufaktur produziert wird.

Digitale Angebote für den klassischen Laden

Unter den Preisträgern des Wettbewerbs war 2017 Rapitag. Dabei handelt es sich um ein Etikett, das weit mehr ist als eine simple Warensicherung. Wenn der Kunde sein Smartphone an ein Rapitag hält, erkennt es via Bluetooth die Ware und zeigt unter anderem deren Preis an. Drückt der Kunde den „Kaufen-Button“, wird der Betrag von seinem Konto abgebucht, die Sicherung öffnet sich, und er kann die Ware mitnehmen. Der Gang zur Kasse entfällt. „Der gesamte Bezahlprozess im stationären Einzelhandel wird sich künftig komplett verändern“, sagt Frank Danzinger (40), stellvertretender Geschäftsführer der Fraunhofer-Arbeitsgruppe für Supply Chain Services.

Weitere Felder der Digitalisierung im Ladengeschäft sind für ihn Digital Signage, also elektronisch steuerbare Werbewände und Etiketten, aber auch digitale Vermessungstechnik und Robotik. „Das muss nicht heißen, dass Roboter künftig Verkäufer ersetzen werden“, präzisiert Danzinger. „Aber sie können einen Teil der Aufgaben übernehmen und ergänzen, zum Beispiel Kunden Erstinformationen geben und sie dann zu dem Mitarbeiter führen, der sich mit diesem Thema besonders gut auskennt.“

Erste Anwendungen der Vermessungstechnik haben längst Einzug in die Läden gehalten, zum Beispiel Geräte zur Fußvermessung oder für Laufanalysen, um Schuhe mit bester Passform zu finden. Danzinger kann sich aber auch vorstellen, dass klassische Größenangaben bei Bekleidung künftig an Bedeutung verlieren, weil Kunden im Laden automatisch vermessen werden. „Der Einzelhandel muss stärker ins Experimentieren kommen, um Kunden neue Einkaufserlebnisse, Inspirationen und Services bieten zu können und sie dadurch in die Innenstädte und die Geschäfte zu holen“, betont Fraunhofer-Experte Danzinger.

Anregungen dafür gibt es bei den regionalen Zukunftsforen Handel der IHK für München und Oberbayern. Dort präsentieren Experten und gestandene Einzelhändler nicht nur interessante Konzepte für den Onlineverkauf, sondern auch neue Ansätze und Ideen zur Stärkung des stationären Geschäfts. „Bislang zählte der Einzelhandel zu den Branchen mit traditionell eher geringer Innovationsneigung“, so Danzingers Fazit. „Doch wie Banken und Versicherungen wird sich auch der klassische Handel künftig drastisch und in hohem Tempo verändern müssen, um im Wettbewerb bestehen zu können.“