IHK Magazin

Ehrenamt: Prüfer werden

Berufserfahrung, Wissen und pädagogisches Geschick sind gefragt – die IHK sucht für Aus- und Fortbildung ehrenamtliche Kräfte, die Prüfungen abnehmen. STEFAN BOTTLER

klein_45_ihk_pruefer_tettke
Logistikunternehmer und Prüfer Uwe Tettke. Foto: IHK

Manche Entscheidung hat Uwe Tettke (64) niemals bereut. Den Beschluss, als ehrenamtlicher Prüfer für die IHK für München und Oberbayern tätig zu werden, zählt der Geschäftsführer der GTS Tettke Spedition GmbH in Geisenfeld (Kreis Pfaffenhofen an der Ilm) ausdrücklich dazu. Seit rund 25 Jahren fährt er mindestens einmal im Monat donnerstags nach München und nimmt angehenden Güterkraftverkehrsunternehmern die gesetzlich vorgeschriebene Fachkundeprüfung ab. Vormittags absolvieren bis zu acht Bewerber zwei schriftliche Prüfungen, die Tettke und zwei weitere Prüfer anschließend korrigieren. Abhängig von den Ergebnissen, nehmen sie am Nachmittag dann mündliche Prüfungen ab. »Am Anfang wollte ich mich vor allem für mein Gewerbe einsetzen«, erklärt der Logistikunternehmer sein Engagement. »Im Laufe der Jahre habe ich dann die Erfahrung gemacht, dass auch mein Betrieb von den Fragestellungen vieler Prüfungsaufgaben sowie von meinem Austausch mit anderen Prüfern profitiert.« Als Ergebnis automatisierte Tettke zum Beispiel die Kontrollen der Fahrerkarten, die wichtige Fahr- und Arbeitsdaten speichern, und verschärfte die Anforderungen für Gefahrguttransporte.

Tettke ist einer von rund 10000 Prüfern, die ehrenamtlich für die IHK arbeiten. Jedes Jahr nehmen sie knapp 60 000 Prüfungen in rund 230 Ausbildungsberufen, 70 Fortbildungen und 20 Sachkunde- und Fachkundegebieten ab. Während der vergangenen Jahre stiegen die Teilnehmerzahlen immer stärker an. In einzelnen Prüfungen war ein Zuwachs von 85 Prozent zu verzeichnen. Jetzt schlägt die IHK Alarm.

Hier sind Prüfer gesucht

Für mindestens 50 Qualifikationen fehlen Prüfer. »Vor allem für die Ausbildungsprüfungen zum Groß- und Außenhandelskaufmann und zum technischen Produktdesigner sowie für die Fachkundeprüfungen zum Güterkraftverkehrsunternehmer und Taxi- und Mietwagenunternehmer suchen wir Interessenten«, sagt IHK-Expertin Nicole Reischl. »Auch für die Ausbildereignungsprüfung haben wir hohen Bedarf.« Damit Bewerber ihre Prüfungen absolvieren können, nehmen viele Prüfer bereits weit mehr Termine wahr als geplant.

Auch die Korrekturen beanspruchen etwas Zeit. »Für die Bewertung von Projektarbeiten benötige ich vier bis fünf Stunden«, sagt Florian Forster (43), Geschäftsführer der Blu Systems GmbH in Oberhaching. »Hinzu kommen Vorbesprechungen mit den Prüflingen.« Forster prüft IT-Fachkräfte, die sich zu Operativen Professionals weiterbilden, und schätzt sein Ehrenamt sehr: »Mit dieser Tätigkeit konnte ich mein berufliches Netzwerk erheblich ausbauen.«

IHK-Präsident Eberhard Sasse appelliert an Unternehmer, Mitarbeiter für ein Engagement als Prüfer zu motivieren oder selbst eine solche Tätigkeit aufzunehmen. »Ehrenamtliche Prüfer füllen das Stichwort ›Selbstverwaltung der Wirtschaft‹ mit Leben«, so Sasse. »Sie sorgen für praxisnahe Prüfungen, welche die Anforderungen der Unternehmen an Fachkräfte genau widerspiegeln.« Der wachsende Prüfermangel könne den bestehenden Fachkräftemangel in München und Oberbayern nochmals verschärfen. Wenn qualifizierte Mitarbeiter ihren Abschluss nicht oder nur mit Verspätung ablegen können, erwägen sie möglicherweise einen Umzug an andere Standorte.

Eine solche Konsequenz zog Johanna Märkl-Etzel (59) vor Jahren. Weil sie sich in ihrer Heimatstadt Regensburg nicht zur Floristikmeisterin weiterbilden konnte, wechselte sie nach Landshut. Heute bildet die Unternehmerin selbst aus und arbeitet als Prüferin für angehende Floristen. »Ich nehme mir fünf Tage im Jahr für Zwischen- und Abschlussprüfungen frei«, sagt die Inhaberin der Werkstätte für Floristik Märkl-Etzel GmbH in München. Als frühere Fachlehrerin bringt sie neben langjähriger unternehmerischer Erfahrung methodisches und pädagogisches Know-how mit. Solche Qualifikationen sucht die IHK. Wer Prüfer werden will, sollte überdies »bereit sein, sich über neue Entwicklungen in seiner Branche immer auf dem Laufenden zu halten«, erklärt IHK-Expertin Reischl.

Besonders motiviert

Vom ehrenamtlichen Engagement profitiert auch der Arbeitgeber. Wer Prüfer beschäftigt, darf sich über hochqualifizierte und besonders motivierte Mitarbeiter freuen, die in ihrer Branche bestens vernetzt sind. Diese Erfahrung hat der Landsberger Küchengerätehersteller Rational AG gemacht. »Als ich beim Bewerbungstermin 2011 von meiner Tätigkeit als IHK-Prüfer berichtete, reagierten meine Gesprächspartner sehr aufgeschlossen«, erinnert sich der Rational-Sicherheitsbeauftragte Michael Happach (50).

Einmal im Monat fährt der frühere Bundeswehroffizier nach München und nimmt angehenden Fachkräften für Bewachungstätigkeiten die mündliche IHK-Sachkundeprüfung ab. »Meine zwei Mitprüfer und ich sprechen mit bis zu 15 Kandidaten in Gruppen von zwei bis drei Personen«, erklärt Happach. »Wir sind ein eingespieltes Team und können uns in weniger als zehn Minuten auf die Note einigen.« In den vergangenen Jahren beobachtete der Sicherheitsexperte eine zeitweise stark wachsende Nachfrage nach Sicherheitsfachkräften. »Weil für jedes Flüchtlingsheim ein Security-Dienst engagiert wird, müssen die Bewerber mit interkultureller Kompetenz überzeugen«, beschreibt er die veränderten Prüfungsanforderungen.

GTS-Geschäftsführer Tettke erlebt ebenfalls eine enorme Nachfrage nach Fachkundeprüfungen für Güterkraftverkehrsunternehmer. Viele Landwirte und ihre Lohnunternehmer, die bislang von diesem Nachweis befreit waren, müssen aufgrund einer neuen rechtlichen Regelung die Schulbank drücken. Während des ersten Quartals 2019 fuhr der Spediteur deshalb zeitweise jeden Donnerstag nach München, um zu prüfen. Für Tettke kein Problem: »Meine rund 30 Mitarbeiter halten mir an diesen Tagen den Rücken frei und erledigen das Tagesgeschäft im Alleingang.«

Weitere Informationen zu Aufgaben und Anforderungen an Prüfer sowie zu Berufen mit besonders hohem Bedarf unter:Prüfer werden