Drom

Das Parfüm des Erfolgs

Der Dufthersteller Drom in Baierbrunn bewegt sich wendig in einem umkämpften, aber wachsenden Markt. Hier wird chemische Industrie wie ein Kunsthandwerk betrieben. CORNELIA KNUST

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© © Bettina Theisinger Doppelspitze - Ferdinand und Andreas Storp (v.l.)

Die Schwierigkeiten entstehen meist in der „Vettern-Generation“, sagt Andreas Storp (48) und meint damit die Geschlechterfolge nach ihm und seinem Bruder Ferdinand (51), den beiden „Presidents“, wie sich die Storps auf ihren Visitenkarten bezeichnen. Dabei sind sie ziemlich bodenständige 50-Prozent-Gesellschafter u

nd Geschäftsführer eines bayerischen Familienunternehmens in dritter Generation. Den Dufthersteller Drom GmbH & Co. KG in Baierbrunn bei München mit geteilten Rollen zu führen dürfte den Nachfolgern einmal deutlich schwerer fallen. „Die Shares werden kleiner, die Fliehkräfte größer“, sagt Andreas Storp beim Rundgang durch das schlichte Firmengebäude aus den 1970er-Jahren. „Ein Beiratsmodell, fremdes Management und ein straffer Gesellschaftervertrag sind da wahrscheinlich die beste Option.“

So beschreibt Storp die Zukunft, wenn nicht mehr eng vertraute Geschwister, sondern Cousins und Cousinen sehr unterschiedlichen Alters über die Geschicke der Firma mit weltweit 500 Mitarbeitern und 150 Millionen Dollar Umsatz bestimmen. Dass die dynamischen Storp-Brüder sich jetzt schon mit diesen Gedanken beschäftigen, liegt zum Teil daran, dass sie in einer „Unternehmersuppe“ schwimmen, wie Storp selbst formuliert, und zwar väter- wie mütterlicherseits. Da ist die westfälische Stahlkocher-Sippe, aus der der Großvater und Drom-Gründer Bruno Storp stammt; er siedelte sich 1911 als Apotheker in München an. Daneben gibt es noch die künstlerisch orientierte Frauenlinie, die heute die drei Schwestern des Unternehmerduos fortführen (Sammlung Bäuml).

Unter den Top 10 in einem schwierigen Markt

Doch auch der Zuschnitt der Branche und das eigene Geschäftsmodell verlangen Weitsicht. Drom kreiert, mischt und liefert aus zugekauften Rohstoffen Düfte für Konsumgüterkonzerne, Handelsketten oder Modehersteller von Brasilien bis Indonesien. Die Kunden sind machtvoll, fragen immer nur Einzelaufträge an, geben knallharte Briefings und lassen die Wettbewerber in Pitches mit ihren Duftkonzepten gegeneinander antreten. Vor allem aber sind die Wettbewerber ziemlich groß. IFF aus New York oder Symrise aus Holzminden sind börsennotierte Konzerne mit Milliardenumsätzen und Traumrenditen. In der Schweiz sitzen der Marktführer Givaudan und sein Gegenspieler Firmenich. Der Konsolidierungsprozess ist in vollem Gange: Erst im Mai dieses Jahres übernahm IFF die israelische Frutarom. So ist die vergleichsweise kleine Drom nach eigenen Angaben schon auf Platz sieben bis acht der Weltrangliste aufgerückt.

Die Nachfrage nach feinen Düften steigt

Die gute Nachricht: Der Markt wächst. „Wir sind jetzt acht Milliarden Menschen auf dem Planeten. Das erste Grundbedürfnis ist Nahrung, das zweite Körperpflege und Sauberkeit“, erklärt Andreas Storp. Wer die wachsende Dichte von Drogeriemärkten und Discountern in Stadt und Land beobachtet und die wachsende Zahl von Kosmetik-Eigenmarken diverser Handelsketten, dürfte dies für Deutschland bestätigen.

In jungen und bevölkerungsreichen Volkswirtschaften scheint der Bedarf in Sachen Duft noch größer – vom Weichspüler bis zum Toilettenreiniger, vom Duschgel bis zum Eau de Parfum. Andreas Storp weiß, wovon er spricht. Ruhig und mit leiser Selbstironie beschreibt er seine persönliche Eroberung des chinesischen Markts von 2003 bis 2010. Weil er Politik und Wirtschaft studierte (in München, Washington DC und als Doktorand in Boston), bezeichnet er sich gern als „Staatswissenschaftler“.

Während sein älterer Bruder Ferdinand, ein promovierter Wirtschaftspsychologe, die Positionierung von Drom in den Kreativzentren der Welt vorantrieb, nahm Andreas es mit dem chinesischen Staatskapitalismus auf. Mit Hilfe einer welterfahrenen chinesischen Managerin baute er in Guangzhou im Perlflussdelta Produktion und Produktentwicklung auf, wo vorher nur ein Bananenfeld war. Er ließ französische Parfümeure einfliegen, um chinesische Parfümeure auszubilden. Und er erforschte die Vorlieben dieses Volkes mit seiner uralten, aber so ganz anderen Duftkultur: „Chinesen lieben Cremes und kosmetische Produkte, aber bei alkoholischen Düften wie Eau de Toilette befindet sich der Markt noch in der Entwicklung.“ Storp bewertet seine sieben Jahre in der Fremde als Erfolg. Heute seien die chinesischen Kosmetikhersteller Südchinas feste Kunden bei Drom, und China mache 30 Prozent des Unternehmensumsatzes aus.

Bald nach dem Tod des Vaters 2009 kehrte Andreas Storp nach München zurück, nahm die Chefposition neben dem Bruder ein und gründete eine Familie. „Nun bräuchten wir eigentlich noch einen dritten Bruder, der sich um das US-Geschäft kümmert“, sagt er. Denn Storp selbst sieht seinen Platz jetzt in Deutschland, seine Bereiche sind Produktion, Organisation, Finanzen. Der Leutnant der Reserve bezeichnet sich mit feinem Lächeln als Leiter der Defensive, während sein „eher visionär“ veranlagter Bruder Ferdinand die Offensive verkörpere und das Marketing unter sich hat.

Die Spezialistinnen kommen aus Versailles

Mit Stolz führt Andreas Storp durch die Büros seiner überwiegend weiblichen Belegschaft. Die „Fragrance Development Manager“ und Parfümeure, die Storp freundlich vorstellt, sprechen mit französischem Akzent, denn die Kaderschmiede der Duftnasen sitzt in Versailles bei Paris. Überdies haben die Spezialistinnen ein Chemiestudium absolviert und einschlägige Branchenerfahrung. Aus rund 2 000 natürlichen und synthetischen Rohstoffen, bezogen von winzigen Familienbetrieben in Südfrankreich oder riesigen Chemiekonzernen in den USA, wählen und mischen sie komplexe Aromen.

Warum ein Weichspüler in Spanien ganz anders riechen muss als in Deutschland, haben sie quasi in den Genen. Höhepunkt ist, wenn ein Modeschöpfer ein neues Parfüm als Lizenzprodukt bestellt. Doch einen jahrzehntelang begehrten Klassiker zu kreieren gelingt kaum noch. „Gab es in den achtziger Jahren pro Jahr 20 neue Düfte auf dem Markt, sind es jetzt tausend“, stellt Storp fest. Das Unternehmen wachse schneller als der Markt und sei profitabel – so viel sagt er zu den Zahlen. Ein alter, wohl von einer Auslandstochter stammender Verlustvortrag in den Büchern scheint ihn nicht weiter zu beunruhigen. Investitionen sind angesagt, etwa eine neue Logistikhalle in Baierbrunn für drei bis vier Millionen Euro. Auch das Netz von 40 Niederlassungen und fünf Kreativzentren weltweit ist ausbaufähig. Die Banken seien derzeit ja überaus freundlich, besonders zu konservativen deutschen Familienunternehmen, die ihre Gewinne thesaurieren, meint Storp lächelnd. Und Investoren? „Unser Vater hat den Private-Equity-Häusern nie die Tür geöffnet, und auch wir sehen uns nicht als Kandidaten für den Kapitalmarkt“, sagt der Unternehmer.

Sie wollen den familiären Spirit erhalten

Die Storp-Brüder zelebrieren auf ihrer Internetseite das Start-up-Feeling des Hauses, die künstlerische und handwerkliche Seite des Berufs. In den Fluren der Firma finden sich nicht nur Vitrinen voller Shampooflaschen, Cremetöpfe und Glaszylinder; es sind auch die Werke berühmter Vorfahren ausgestellt: Gemälde, Drucke, Architekturskizzen, Porzellanskulpturen. „Die Einschläge kommen näher“, räumt Andreas Storp am Schluss des Gesprächs ein – mit Blick auf die Zukaufswut der Wettbewerber. „Wir müssen uns noch schneller bewegen und noch größere Schritte machen.“

Doch er sieht es auch als seine Aufgabe, den „familiären Spirit“ bei Drom zu erhalten, seine Mitarbeiter weiter persönlich zu kennen und zu fördern. Im geschwungenen Treppenhaus bleibt er vor dem alten Apothekerschrank des Großvaters stehen. Der stellte 1921 Dr. O. Martens ein, benannte die Firma nach dessen Initialen und setzte bald ganz auf das Parfümgeschäft. Storp meint voll ruhigen Selbstvertrauens: „Was wir in der Hand haben, müssen wir zukunftsfähig machen.“