Dr. Schnell

Mehr als nur sauber

Der Reinigungsmittelspezialist Dr. Schnell im Münchner Norden rührt Putzmittel in großen Kesseln an. Doch vor allem übt sich das Familienunternehmen im Dienst am Kunden. CORNELIA KNUST

Dr. Thomas Schnell, DR.SCHNELL GmbH & Co. KGaA
© Wolf Heider-Sawall Produktion des Sanitärreinigers Milifee

Kann man mit einer knallroten 1-Liter-Plastikflasche voll Sanitärreiniger ein Jubiläum begehen? Noch dazu mit dem etwas gefährlich klingenden Produktnamen »Milizid«? Wolfgang und Thomas Schnell, Vater Chemiker, Sohn Jurist, machen das, ohne mit der Wimper zu zucken. Nicht 1642, das Gründungsjahr des Vorgängerunternehmens Münchner Seifenfabrik, feiern sie.

Die Losung lautet: »40 Jahre Milizid«. Das Mittel wurde entwickelt für die Putzkolonnen der damals noch jungen Olympia-Schwimmhalle. Diese waren dem Kalk aus dem Münchner Wasser vorher noch mit zischenden Säuren zu Leibe gerückt, was die Armaturen zerstörte. Heute ist Milizid zwar nur eine Produktlinie von vielen bei der Dr. Schnell GmbH & Co. KG mit Sitz nahe dem Frankfurter Ring in München.

Am Jubilar lässt sich das Selbstverständnis des Familienunternehmens gut erzählen. »Wir verkaufen mehr als nur die Flasche mit dem Mittel«, sagt Thomas Schnell (44), der das väterliche Unternehmen 2013 komplett übernommen hat. »Bei einem großen Hotelkunden zum Beispiel schauen wir uns die Anwendung und die verbauten Materialien von A bis Z an. Wir entwickeln maßgeschneiderte Reinigungsprodukte samt Dosiersystemen, schulen das Reinigungspersonal, organisieren die Dokumentation, kontrollieren die Sauberkeit bei unangekündigten Besuchen. Ich behaupte: In diesem Umfang und mit dieser Präzision macht das keiner so wie wir.« 65 Millionen Euro Umsatz, 330 Mitarbeiter, davon 120 im Vertrieb – das sind die Eckdaten des Unternehmens. 2004, als Schnell Junior in die Firma eintrat, lag der Umsatz noch bei 25 Millionen Euro.

Das deutliche Wachstum hätten sie zu zweit gestemmt, sagt Thomas Schnell. Der Vater betreute die Stammkunden (Gebäudereiniger, Catering-Unternehmen). Der Sohn kümmerte sich um neue Kunden, vor allem im Gesundheitswesen. Key-Account-Management hätten sie eingeführt, die Schulungstochter Allegria gegründet, in Apps und E-Learning investiert. Vom Vater, der als junger Mann einen spektakulären Auftrag der Deutschen Bahn gewann, spricht Thomas Schnell mit Respekt: »Miteinander zu denken, das ist das Wichtigste.«

Im Zweischichtbetrieb

Die ersten vier Jahre seines Lebens hat Thomas Schnell auf dem Werksgelände gelebt. Im Bungalow, den er mit den Eltern und zwei Geschwistern bewohnte, sitzt heute die Buchhaltung. Reste des Hausgartens sind noch sichtbar. Doch nun rollen hier überall die Baumaschinen; es wird um- und angebaut. Das Lager ist nach Feldkirchen gezogen. Die Produktion läuft seit Januar im Zweischichtbetrieb, drei Schichten wären prinzipiell möglich. Neben dem Werksgelände errichtet der Bruder (30), der die Immobilien der Familie verwaltet, ein neues Gewerbeobjekt. Die Schwester (46), eine Schriftstellerin, geht andere Wege. »Er hat nie gesagt, du musst in die Firma«, berichtet Thomas Schnell über seinen Vater (75).

Der musste schon als ganz junger Mann ran und durfte sein Chemiestudium nur neben dem Job beenden. Schnell junior hatte die Freiheit zu gehen – nach drei Monaten als Trainee im Unternehmen. Er studierte Jura in Regensburg und München, begann bei einer Personalberatung, machte Wagnisfinanzierung für die Metro in der Schweiz, heuerte bei der Unternehmensberatung Roland Berger an.

Zehn Prozent Marktanteil

Erst da wurde der Vater langsam unruhig. Die Promotion ging noch durch – der im
19. Jahrhundert gewählte Firmenname »Dr. Schnell« ist schließlich Programm. Dann wurde aus dem Berater doch noch ein Familienunternehmer, der heute Wettbewerber auf eigene Rechnung übernimmt, »wenn sie zu uns passen«, und weiter sieben bis neun Prozent Wachstum im Jahr anpeilt.

»Die Tradition ist es nicht, die mich hier hält«, versichert er, »nur der Spaß.« Er will voran, aber schön langsam, aus dem Cashflow finanziert, ohne Abhängigkeiten zu erzeugen. Zehn Prozent Exportanteil, gut zehn Prozent Marktanteil, weniger als zehn Prozent vom Umsatz mit den drei größten Kunden – das findet er ganz gesund. Vor dem Marktführer Ecolab aus den USA mit 48000 Mitarbeitern weltweit und Börsenlistung in New York habe er keine Angst. Ärgerlich findet er es dagegen, wenn gerade Krankenhäuser an der Hygiene sparen; wenn die Ausschreibungen der öffentlichen Hand den Billigsten belohnen, nicht den Besten; wenn immer mehr Betreuungseinrichtungen von großen Ketten oder Finanzinvestoren aufgekauft werden.

Marketing mit Rezepten

Das Unternehmen agiert durchaus unkonventionell. So ließ es einen Starfotografen mehrere Sterneköche und Kantinenchefs porträtieren. Fotos und Rezepte der Kochkünstler veröffentlichte Dr. Schnell unter dem Titel »Der Geheimtipp« als Buch. Die Botschaft: Köche sollen kochen, wir kümmern uns um den Rest. Vom Hygienekonzept laut EU-Richtlinie bis zu Umweltfragen und Recycling, von der farblichen Kennzeichnung der Gebinde gegen Verwechslungen bei der Anwendung bis zur fehlervermeidenden Dosiertechnik, von schonender Desinfektion bis zu schützender Hautpflege.

Auch der Senior kann es nicht lassen, neue Ideen zu haben. Er scheint im Büro sehr oft präsent zu sein. Zack, plötzlich steht er vor einem und bewirbt wortreich die selbst entwickelte Kosmetiklinie, die online zu bestellen ist. Man wolle als Unternehmer ja schließlich nicht einrosten. Sein Sohn, der längst selbst Familie hat, denkt noch nicht an Nachfolgefragen: »Ich habe gelernt, dass man ein eigenes Interesse mitbringen muss, um sich für eine solche Aufgabe zu entscheiden. Meine Eltern haben mir die Zeit dafür gegeben. Genauso will ich es mit meinen Kindern machen.