Digitalisierung

Digitaler Aufbruch

Digitalisierung birgt enorme Chancen. Unter dem Motto Pack ma‘s digital unterstützt die IHK Firmen bei der Realisierung dieses Potenzials. Jetzt startet eine Partnerinitiative, bei der Mittelständler von renommierten Unternehmen lernen können. JOSEF STELZER

Die ersten Schritte im digitalen Wandel hat Stefan Steinecker bereits erfolgreich hinter sich gebracht: Der Geschäftsführer der Getränke Bauer OHG in Landsberg am Lech vernetzte 2015 die Unternehmenszentrale über ein virtuelles privates Netzwerk mit den Kassen der zehn Filialen. Jetzt klappt der Datenaustausch 20-mal schneller als zuvor. Mehr noch: Von der Zentrale aus kann der Getränkehändler jederzeit die Verkaufsumsätze seiner regionalen Niederlassungen erfassen und weiterverarbeiten. Die nächste Digitalisierungsphase hat Steinecker schon im Blick. Der 49-Jährige will in den Filialen den Kunden detaillierte Produkt- und Lieferinformationen der Getränkehersteller präsentieren: „Damit verbessern wir ab Herbst 2017 in unseren Verkaufsstellen den Service spürbar.“ Der digitale Wandel erfasst nicht nur den Handel, sondern nahezu alle Branchen. Für kleine und mittelständische Unternehmen ergeben sich enorme Chancen – etwa durch eine effizientere Warenwirtschaft, zusätzliche Vertriebsmöglichkeiten im
E-Commerce oder sogar neue Geschäftsmodelle.

Doch in vielen Unternehmen kommt die Digitalisierung bislang noch nicht so recht in Gang. Nur 29 Prozent der Firmen in Oberbayern sehen sich digital gut entwickelt, ermittelte das IHK-Unternehmensbarometer (s. Grafik oben). Vor diesem Hintergrund bündelt die IHK ihre digitalen Hilfestellungen unter dem Motto Pack ma‘s digital. Außerdem rief die IHK eine Partnerinitiative ins Leben, an der zum Start der Social-Media-Riese Facebook, der Münchner Technologiekonzern Giesecke & Devrient, das Karrierenetzwerk LinkedIn, die Elektronikmarktkette Media-Saturn sowie die Deutsche Telekom als Partner beteiligt sind.

Die Schirmherrschaft übernimmt das Bayerische Staatsministerium für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie. „Mit der Initiative wollen wir die Unternehmen nicht nur inspirieren und sie für die Chancen des digitalen Wandels sensibilisieren“, erläutert IHK-Referatsleiterin Franziska Neuberger. „Wir wollen das vorhandene Know-how der beteiligten Digitalunternehmen nutzen, um unseren Mitgliedsunternehmen möglichst konkrete Unterstützung zu bieten.“ Die Kampagne startet am 5. April und bietet zahlreiche Fachvorträge, Workshops und Webinare. Im Rahmen der Partnerinitiative können sich auch regionale IT-Unternehmen in einzelnen Workshopterminen mit ihrem Wissen einbringen. Dabei geht es um viel mehr als technische Lösungen. „Die Digitalisierung im Unternehmen sollte nicht nur als IT-Aufgabe verstanden werden“, betont Marc Steffen Wrage (45), Leiter der Geschäftskundenstrategie der Telekom. Getrieben werde sie vor allem durch die Geschäftsprozesse und die Anforderungen aus Produktion, Marketing und Vertrieb. Die verschiedenen Bereiche sollten die Neuerungen gemeinsam planen und realisieren. Einen festen Bauplan für die Umsetzung gebe es nicht. Wrage betont: „Es gilt, Digitalisierung einfach umzusetzen.“ Wie das funktionieren kann, weiß Martin Wild, Chief Digital Officer der Ingolstädter Media-Saturn-Holding GmbH: „Wir sehen die Digitalisierung als große Chance und nutzen sie konsequent, sowohl in puncto Kundenerlebnis als auch für unsere internen Abläufe sowie für neue Geschäftsmodelle.“ Media-Saturn setzt neben dem reinen Onlinehandel auf flexiblere Einkaufsmöglichkeiten wie beispielsweise Click & Collect – ein System, das Kunden ermöglicht, online bestellte Artikel in einem Media-Saturn-Markt abzuholen. „Begleitet wird all dies durch die Nutzung digitaler Infrastruktur“, so der 38-Jährige.

Ein Beispiel ist die flächendeckende Ausstattung mit digitalen Preisschildern. Dadurch kann das Unternehmen jederzeit Preise direkt aus dem Warenwirtschaftssystem in allen Märkten ändern. Media-Saturn nutzt Impulse von außen und entwickelt viele Ideen gemeinsam mit Startups: „Wir investieren in spannende junge Unternehmen und geben den Gründern die Möglichkeit, ihre Produkte und Dienstleistungen weiterzuentwickeln“, erklärt Wild. Hierzu startete der Elektronikhändler das Programm Spacelab. Zudem engagiert sich das Partnerunternehmen der IHK-Initiative beim Digitalen Gründerzentrum für die Region Ingolstadt. Die IHK-Partnerinitiative Pack ma’s digital will Unternehmen auch an die breiten Einsatzmöglichkeiten von Social Media heranführen. „Wir zeigen ihnen, wie sie eine digitale Präsenz aufbauen, um mit ihren Kunden in Kontakt zu treten“, sagt Christopher von den Hoff, bei der Facebook Germany GmbH in Hamburg für Mittelstandskunden zuständig. „Dafür braucht es kein teures Equipment oder zusätzliches Personal“, ergänzt der 28-Jährige. In vielen Fällen seien Smartphones und „ein paar Stunden pro Woche“ ausreichend, um kosteneffizient digitales Marketing zu betreiben. Wie das genau funktioniert, erklären Facebook-Experten anhand von Unternehmensbeispielen und Erfolgsgeschichten aus verschiedenen Branchen im Rahmen von Pack ma‘s digital. Gerade für kleine Unternehmen können soziale Medien ein erster Schritt zu einer eigenen digitalen Strategie sein. „Mit einer kostenlosen Facebook-Seite sind sie sofort mobil aufzufinden“, betont von den Hoff. Kein Wunder, dass allein in Deutschland bereits mehr als 1,2 Millionen Unternehmen eine Facebook-Seite als mobile Visitenkarte einsetzen.

Eine Studie der Beratungsgesellschaft Deloitte belegt den Nutzen. Demnach erwirtschafteten die Unternehmen in Deutschland via Facebook im Jahr 2014 rund 5,9 Milliarden Euro. Der Untersuchung zufolge sind dadurch mehr als 84 000 Arbeitsplätze entstanden. Von den Hoff ist überzeugt, dass sich durch den Einsatz digitaler Medien für Betriebe attraktive Wachstumsmöglichkeiten ergeben: „So kann aus einem lokalen ein nationales und vielleicht sogar ein globales Unternehmen werden.“ Hilfreich ist Social Media nicht zuletzt bei der Rekrutierung von Fachkräften mit Digitalkompetenz. „Um den neuen datengetriebenen Alltag meistern zu können, braucht es auch im Mittelstand ganz andere Fertigkeiten als noch vor einigen Jahren“, betont Barbara Wittmann, Mitglied der Geschäftsleitung der LinkedIn Deutschland GmbH in München. Die Digitalisierung wälzt den Arbeitsalltag von Grund auf um, Jobprofile wandeln sich, Arbeitsprozesse werden automatisiert und ganze Netzwerkstrukturen in die Cloud verlagert. „Immer mehr Unternehmen setzen daher auf die gezielte Suche in Online-Netzwerken, um geeignete Kandidaten auch im Ausland zu finden – Tendenz steigend“, so Wittmann. Bei Pack ma‘s digital erfahren Unternehmen, worauf es dabei ankommt. Die LinkedIn-Experten erläutern, wie Mittelständler das Business-Netzwerk mit weltweit 467 Millionen Mitgliedern nutzen können, um Mitarbeiter zu finden und erfolgreich anzuwerben.