Kreislaufwirtschaft

Alles zirkuliert

Eine ambitionierte Kreislaufwirtschaft schont nicht nur die Umwelt, sondern eröffnet auch neue Geschäftsmodelle und Einkommensquellen. Dazu braucht es aber einen Perspektivenwechsel in den Unternehmen. GABRIELE LÜKE

Green circular economy concept. Hand showing arrow infinity symbol with grass texture and two globes of different colors.
© ©TSUNG-LIN WU - stock.adobe.com Kreislaufwirtschaft schont die Ressourcen

Der Erdüberlastungstag fiel in diesem Jahr auf den 2. August. Im vergangenen Jahr war es der 8. August, vor 30 Jahren erst der 19. Dezember. An diesem Tag haben die Menschen bereits so viele natürliche Ressourcen verbraucht, wie die Erde in einem ganzen Jahr erneuern kann. Im Klartext: Ab dem Erdüberlastungstag leben wir auf Pump.

Vor allem die entwickelten Länder und ihr Ressourcenhunger sind dafür verantwortlich, dass die Rohstoffe Jahr für Jahr schneller aufgebraucht werden. „Der immer frühere Erdüberlastungstag mahnt uns, dass wir nachhaltiger wirtschaften, uns schleunigst zu einer Circular Economy – Kreislaufwirtschaft – entwickeln müssen“, betont Henning Wilts (39), Leiter des Geschäftsfelds Kreislaufwirtschaft am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Es werde immer wichtiger, Produkte und Stoffe so lange und häufig wie möglich zu verwenden, sie in gleichen oder neuen Zusammensetzungen und Funktionen immer wieder zu nutzen und am Ende der Lebenszeit die Wertstoffe umfassend zurückzugewinnen und diese dann erneut in den Kreislauf einzubringen.

Geld sparen durch Kreisläufe

Solche Kreisläufe bringen auch ökonomische Vorteile. „Der Rohstoffeinsatz macht in der Industrie 40 Prozent der Kosten aus. Rohstoffe wiederzugewinnen kann also auch Geld sparen“, erläutert Wilts. Viele Rohstoffe, die die moderne Industrie dringend braucht, stammen zudem aus kritischen Lieferländern wie etwa China. Solche Staaten könnten Exportstopps verhängen, die Rohstoffe verteuern. „Circular Economy ermöglicht somit mehr Rohstoffsicherheit und trägt daher zu Unabhängigkeit und Risikovorsorge bei“, betont der Experte. Auch Gertrud Oswald, Leiterin der Abteilung Leitungsstab, BIHK, CSR der IHK für München und Oberbayern, ist von den Vorteilen der Circular Economy überzeugt: „Eine ambitionierte Kreislaufwirtschaft kann außerdem innovative Neugründungen, Geschäftsmodelle und Produktideen und damit zusätzliche Einkommensquellen eröffnen. Sie wird sich für Betriebe wie für die Volkswirtschaft rechnen.“

Diverse Gesetze und politische Maßnahmenpläne auf UN-, EU- und nationaler Ebene unterstützen die Kreislaufwirtschaft. Wirtschaft und Gesellschaft gelten als grundsätzlich offen für den neuen Ansatz. Auch Trends wie die auf das Teilen ausgerichtete Shareconomy kommen der Circular Economy entgegen. „In der Praxis haben wir uns in Deutschland bislang jedoch sehr einseitig auf die Abfallseite konzentriert, wir sind Weltmeister im Recycling“, beobachtet Falko Leukhardt (33), wissenschaftlicher Referent beim Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) in Berlin. „Wir müssen nun einen Schritt weiter gehen und die mittlerweile entstandenen, viel versprechenden Ansätze in Richtung einer umfassenden Kreislaufwirtschaft zusammenführen und ausbauen.“

Ein sehr anspruchsvolles Beispiel für einen Kreislaufansatz ist das Cradle-to-Cradle-Prinzip – von der Wiege bis zur Wiege. Dahinter verbirgt sich die Vision einer potenziell unendlichen und damit abfallfreien Zirkulation von Roh- und Nährstoffen. Das Taufkirchener Startup Leaf Republic GmbH befindet sich auf gutem Weg dorthin. Es stellt Lebensmittelverpackungen aus Laubblättern und wasserfestem Laubpapier her. Nach Benutzung kommen die Verpackungen in den Biomüll und werden dort innerhalb von nur vier Wochen abgebaut. So gehen sie in die Natur zurück und tragen zum Wachstum neuer Pflanzen bei, deren Laub wieder in die Produktion neuer Verpackungen fließt. „Der Verpackungsmarkt und -müll wächst über alle Maßen – mit unserem Kreislaufansatz zeigen wir, dass Verpackung auch nachhaltig sein kann“, so Pedram Zolgadri (38), CEO von Leaf Republic.

Weiterverabeitung zu höherwertigen Produkten

Upcycling wird als weiterer erfolgversprechender Kreislaufansatz diskutiert: Abfall- und Reststoffe bekommen einen zweiten Lebenszyklus, indem sie zu neuen, höherwertigen Produkten weiterverarbeitet – upgecycelt – werden. Eines der bekanntesten Beispiele dafür ist die Herstellung von Sportfunktionskleidung aus Plastikgetränkeflaschen. Die Bioerdgas Hallertau GmbH in Wolnzach betreibt seit 2012 Upcycling im Energiesektor. Sie vergärt Reststoffe aus dem Hopfenanbau mit Mais und Gras zu Bioerdgas. Das Gas wird dann ins Erdgasnetz eingespeist. Geschäftsführer Hermann Deupmann (56) erklärt: „Vergoren sind die Reststoffe wertvoller, als wenn sie nur verbrannt oder kompostiert werden. Denn das Gas kann vielfältig, zum Kochen, Heizen oder für Industrieprozesse, verwendet werden.“

Ein dritter Ansatz ist die intelligente Zweitnutzung vorhandener Produkte. Philipp Buddemeier (41), Senior Manager bei der Unternehmensberatung Accenture in Kronberg im Taunus, hat einen Vorschlag für die Automobilindustrie entwickelt: „Nach ihrer Einsatzzeit im Fahrzeug ist die Kapazität von E-Auto-Batterien noch längst nicht erschöpft. Sie könnten im Anschluss beispielsweise für das Speichern von lokal gewonnener regenerativer Energie in Privathaushalten oder Firmengebäuden genutzt werden.“ IHK-Recyclingbörse