IHK Magazin

Chiemgau: Alles andere als abgehoben

Der Tourismusdirektor im Chiemgau, Stephan Semmelmayr, schätzt den Blick von oben: Er ist als Privatpilot über seinem »Arbeitsplatz« unterwegs. ULRICH PFAFFENBERGER

Chiemsee Chiemgau, Tourismusverband, Deutschland, 20190331, ©www.wildbild.at
Tourismusdirektor Semmelmayr kennt sein Arbeitsgebiet auch von oben. Chiemgau Tourismus e.V./wildbild

Drei Buchstaben, die den Blick auf die Welt verändern: PPL, das ist das Kürzel für die Privatpilotenlizenz. Stephan Semmelmayr, Geschäftsführer von Chiemgau Tourismus e.V. (CT), hat sie seit 1990 in der Tasche, versehen mit dem Zusatz »A« für »Aeroplane«, also Flugzeuge, im Unterschied zu »H« für »Helicopter«. Es war ein lang gehegter Wunsch, sich die Welt von oben anzusehen, die Freiheit über den Wolken zu suchen und zu finden, wie sie Reinhard Mey besingt. Berufspilot stand allerdings nicht auf dem Programm. Dazu ist der 51-Jährige zu bodenständig – eine wichtige Eigenschaft, wenn man eine alpine Region wie den Chiemgau und den Chiemsee als Reiseziel vermarkten will.

N 48° 02,87' E 12° 30,03' – das sind die Koordinaten von Semmelmayrs bevorzugtem Start- und Landepunkt, dem Flugplatz Schönberg, 13 Kilometer nördlich des Chiemsees gelegen. Dort befindet sich der Stützpunkt der Fliegergruppe Traunstein für Motor- und Ultraleicht-Maschinen. Eine Cessna vom Typ 182 gehört dem Verein. Mitglieder nutzen sie für Rundflüge über den See und das Voralpenland. Bis zu drei Passagiere können sie dabei mitnehmen. Für einen, der die Gegend beruflich intensiv im Blick hat, ist das eine ideale Situation – auch wenn Semmelmayr betont, das sei »reines Privatvergnügen«.

Der fliegende Touristiker gerät sofort ins Schwärmen über das, was sich bei seinen Flügen unter ihm ausbreitet. »Es ist nirgendwo sonst so schön zu fliegen wie in Bayern, besonders im Chiemgau«, sagt er. Wenn er Passagiere an Bord hat, um ihnen seine Heimat zu zeigen, dann freut er sich über deren Reaktionen, die von »Wow, das sieht ja noch viel schöner aus, als ich es vom Boden aus kenne« bis zur staunenden Sprachlosigkeit reichen. »Es ist aber auch ungewöhnlich, wenn man innerhalb einer Minute den Schnee oben am Gipfel und die Badegäste unten am See in den Blick bekommt«, sagt der Pilot. »Das beeindruckt mich selbst auch immer wieder: dieser Perspektivwechsel, der sich aus der Landschaftsvielfalt und den unterschiedlichen Höhenlagen ergibt.«

"Arbeit nach Checkliste"

Der See, das Schloss, die Almen, die Berge – ist es eine zusätzliche Motivation, wenn einem der eigene Arbeitsplatz im Westentaschenformat zu Füßen liegt, gerade für einen Touristiker? Semmelmayr lacht: »Dazu brauche ich das Flugzeug nicht, das ist mir schon vom Boden aus bewusst.« Auch bleibe ihm beim Fliegen wenig Zeit, sich solchen Gedanken hinzugeben, räumt er ein. Denn »das ist höchste Konzentration, ein sehr strukturierter Vorgang, nicht umsonst mit Arbeit nach Checkliste«. Aber er verstehe natürlich die Begeisterung anderer Luftsport-Fans, die es hier in den Chiemgau zieht und die Unterwössen mit seiner Deutschen Alpensegelflugschule zu einem Mekka für die Freunde des lautlosen Gleitens gemacht hat.

Partnerschaftliche Strategien betrachtet Semmelmayr als Fundament einer zukunftsorientierten Freizeitwirtschaft und fördert sie in seinem Geschäftsgebiet nach Kräften. »Ja, da spielt die Denkweise aus der Fliegerei mit hinein, wo keiner allein unterwegs ist, sondern immer das Miteinander der Kräfte und Möglichkeiten eine Rolle spielt«, sagt er. »Man muss ja nicht gleich an die mächtigen Airline-Allianzen denken, die das in großem Stil vormachen. Das Prinzip ›Einer ist für den anderen da‹ gehört seit jeher zu den Grundlagen aller Fliegerei.«

Im Chiemgau gibt es seit knapp einem Jahr eine Zusammenarbeit zwischen dem Tourismusverband und dem Traditionsschuhhersteller Lukas Meindl GmbH & Co. KG in Kirchanschöring, aus der eine Wanderkarte (»Wandern, wo Meindl dahoam is«) entstanden ist, die 20000 Schuhkartons beiliegt. Die Touristiker kooperieren auch mit dem Senfhersteller Hans Baumann GmbH aus Kirchweidach, der seine Produkte bundesweit vertreibt. So prangt das Chiemgau-Logo auch auf Senfgläsern, die in den Regalen des bekannten Kaufhauses KaDeWe in Berlin stehen. Die Zahl der Wirtschaftsbetriebe vom Mineralwasserabfüller über die Brauerei bis zur Bergbahn, mit denen Chiemgau Tourismus enge Beziehungen pflegt, ist inzwischen auf 50 angewachsen. »Wichtigstes Merkmal aller Kooperationen ist, dass diese guten Beziehungen beiden Seiten nutzen,« sagt Semmelmayr, »nicht zuletzt im Sinne von Imagetransfer«.

Kräfte bündeln

Auch nach innen setzt der CT-Geschäftsführer auf Formations- statt auf Einzelflug: So hat unlängst die Marketinggemeinschaft »6 am Chiemsee« ihre Internetinhalte in die Website von Chiemgau Tourismus integriert. Dabei ging es den Orten Seeon, Seebruck, Chieming, Grabenstätt, Übersee und Grassau zunächst um Wirtschaftlichkeit. Die bisherige Seite war nach Angaben ihres Sprechers Christian Fitzner technisch und optisch veraltet, weshalb eine neue Seite fällig gewesen wäre. »Von Chiemgau Tourismus kam das Angebot, unsere Inhalte in deren Auftritt zu integrieren. Das haben wir nach sehr kurzer Bedenkzeit angenommen«, berichtet Fitzner. Semmelmayr begrüßt die gemeinsame Flugrichtung: »Wir sind immer daran interessiert, Kräfte zu bündeln und Nutzen zu stiften.

So kann jeder vom anderen profitieren. Wenn wir mit unseren Angeboten dazu beitragen können, dass Kosten gespart werden, dann ist das perfekt.« Am Schreibtisch-Cockpit des Tourismusdirektors spiegelt sich der eingeschlagene Kurs in Zahlen zu Bettenbelegung und Aufenthaltsdauer. Von Januar bis November 2018 kamen 9,1 Prozent mehr Urlauber in die Region. Der oberbayerische Durchschnitt beträgt 6,6 Prozent. Sie blieben im Schnitt 3,9 Tage – damit ist der Chiemgau sogar bayernweit auf Platz drei gelandet. Und Pilot Semmelmayr kann bei der nächsten Flugrunde über seinem Revier noch mehr Wanderer und Badegäste ausmachen als bisher.