Celonis

Einhorn aus München

Nur sieben Jahre nach seiner Gründung wird Celonis bereits mit einer Milliarde US-Dollar bewertet. Dabei will das Big-Data-Unternehmen erst jetzt so richtig loslegen mit der Expansion. SABINE HÖLPER

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Celonis-Gründer Martin Klenk, Bastian Nominacher und Alexander Rinke (v.l.). Foto: Celonis

Natürlich haben sie gefeiert. Es gibt ja kaum einen besseren Grund, mit Champagner anzustoßen, als plötzlich zu jener seltenen Spezies der Einhörner zu gehören. Einhörner heißen jene Start-ups, die mit mindestens einer Milliarde US-Dollar bewertet werden. Nur einer Handvoll deutscher Unternehmen wie etwa dem Berliner Onlinehändler Zalando ist dies bislang gelungen. Und das Softwareunternehmen Celonis SE gehört seit Ende Juni nun auch dazu. Die Münchner haben im Rahmen einer Finanzierungsrunde 50 Millionen US-Dollar Kapital erhalten – und gleichzeitig die Bewertung von einer Milliarde US-Dollar.

Eine Software, die Schwachstellen aufdeckt

Das ist eine große Auszeichnung – und natürlich ist sie verdient. Das 2011 von Alexander Rinke, Martin Klenk und Bastian Nominacher gegründete Unternehmen ist Marktführer im Bereich Process Mining. Das ist eine Big-Data-Technologie, die Abläufe im Unternehmen analysiert und visualisiert. Sie soll Schwachstellen aufdecken und es ermöglichen, Prozesse schneller und kostengünstiger zu gestalten.

Celonis ist in 30 Ländern auf allen Kontinenten aktiv, die Kundenliste liest sich wie das Who’s who der internationalen Wirtschaft. Viele der weltweit größten Unternehmen setzen auf die Technologie der Münchner, wie etwa der IT-Konzern Cisco, der Fahrtenvermittler Uber, der Ölriese ExxonMobil, der Pharmakonzern Merck oder das Telekommunikationsunternehmen Vodafone.

Soeben hat Celonis in München ein neues, größeres Büro bezogen und beschäftigt dort 270 Mitarbeiter. Weitere 130 Angestellte verteilen sich auf die Niederlassungen in Großbritannien, in den Niederlanden und in den USA. Rinke ist fast ausschließlich im 2016 eröffneten New Yorker Büro anzutreffen. Die USA sind der mit Abstand größte Markt für das Unternehmen. Ende dieses Jahres werde der US-Umsatzanteil 50 Prozent betragen, sagt Nominacher. Das Wachstum ist beeindruckend.

Auf rund 60 Millionen Euro belief sich der Umsatz im vergangenen Jahr. Für 2018 peilt Celonis 120 Millionen Euro an. „Wir haben unseren Umsatz bislang jedes Jahr verdoppelt“, sagt Nominacher. „Das wird uns in diesem Jahr erneut gelingen.“ Ebenso will Celonis seine Belegschaft deutlich vergrößern. Mitte nächsten Jahres, so prophezeit der Gründer, werde man 600 Mitarbeiter beschäftigen.

Dass das Unternehmen aus Bayern durch die Decke gehen wird, ist schon seit geraumer Zeit abzusehen. Bereits wenige Jahre nach der Gründung zählten Dax-Konzerne wie Bayer, Siemens und RWE zu seinen Kunden. Und das Start-up sammelte eine Menge Ehrungen ein. 2015 zeichnete die Unternehmensberatung Deloitte Celonis mit dem „Technology Fast 50 Award“ als das am schnellsten wachsende Technologieunternehmen Deutschlands aus. Gründer Rinke wurde außerdem auf die europäische Forbes-Liste der „30 under 30“ aufgenommen. Sie benennt herausragende Persönlichkeiten, die durch ihre Verdienste und Erfolge maßgeblichen Einfluss in ihren jeweiligen Bereichen ausüben und zukunftsweisende Impulse liefern.

Das tun Rinke und seine Co-Geschäftsführer mit Celonis zweifelsohne. Als sie sich vor acht Jahren erstmals mit Process Mining auseinandersetzten, war das „nur ein Forschungsthema“, wie Rinke vor gut zwei Jahren im Interview mit dem IHK-Magazin (wirtschaft 04/2016) sagte. Die drei Studenten der TU München brachten es in die Wirtschaft.

Im Rahmen einer Semesterarbeit versuchten sie, den Service des IT-Helpdesks des Bayerischen Rundfunks (BR) zu optimieren. Da ihnen dafür die richtige Technologie fehlte, recherchierten sie – und kamen zu dem Schluss, dass nur Process Mining die Lösung sein könne. Kurzerhand entwickelten sie die entsprechende Software und setzten sie beim BR ein. Die Rundfunkanstalt war der erste Auftraggeber des neu gegründeten Start-ups. Mittlerweile zählt Celonis mehr als 350 namhafte Kunden.

Prozesse werden bis ins kleinste Detail sichtbar

Ein Grund für das rasante Wachstum liegt darin, dass die Münchner mit ihrer Big-Data-Technologie Unternehmen gewaltige Kosteneinsparungen bescheren. Die Software ermöglicht es, Abläufe aus Daten heraus zu analysieren und abzubilden. Durch die Visualisierung in Echtzeit wird die tatsächliche Prozesskette bis in die kleinste Detailebene sichtbar. Damit erhalten die Kunden umfassende Einblicke in ihre Geschäftsprozesse – und können diese optimieren. „Unsere Software ist die Grundlage für Effizienzsteigerungen in den Abläufen der Unternehmen“, betont Nominacher.

Die Software kann in fast allen Branchen eingesetzt werden und ist für rund 220 Anwendungsfälle geeignet. Einer davon sind automatisierte Bestellungen, von denen in der Regel 30 bis 40 Prozent manuell nachbearbeitet werden müssen. Dadurch verlieren Unternehmen viel Geld (und Zeit). Der Einsatz von Process Mining verhindert das. „Wir unterstützen die Unternehmen dabei, Einsparungen in Millionenhöhe zu realisieren“, so Nominacher. Gleichzeitig könnten die Firmen ihren Kunden einen verbesserten Service anbieten.

Kein Wunder, dass Rinke, Nominacher und Klenk das Potenzial für ihre Technologie noch lange nicht ausgeschöpft sehen. Im Gegenteil: „Unsere Technologie ist für Unternehmen jeder Größe und Branche von hoher Relevanz“, sagt Nominacher. Und selbstverständlich für Unternehmen auf der ganzen Welt. Da ist es nur logisch, dass der 33-Jährige als eines der Hauptziele für die Zukunft die weitere Expansion im Ausland ausgibt. So sind etwa zusätzliche Standorte im Mittleren Westen und an der Westküste der USA geplant.

Zur schnelleren Abdeckung will das Unternehmen außerdem mehr Vertriebsmitarbeiter einstellen sowie die Zusammenarbeit mit Partnern wie Kronos, Capgemini oder Accenture ausbauen. Außerdem stecken die Münchner viel Zeit in die Forschung, um die Technologie weiter zu verbessern. Um diese Pläne schnell vorantreiben zu können, könnte Celonis die 50 Millionen US-Dollar der beiden Investoren Accel und 83North aus der aktuellen Finanzierungsrunde verwenden. Dabei ist nicht einmal klar, ob Celonis das Geld wirklich ausgeben wird. „Wir könnten auch aus eigenen Mitteln heraus expandieren“, sagt Nominacher. „Wir sind ja profitabel.“ Aber es sei immer gut, über eine Kriegskasse zu verfügen. Dann könne man, wenn die Gelegenheit günstig ist, innerhalb weniger Wochen investieren.