CSR

Ein Gewissen für Algorithmen

Sie entscheiden über Kredite, stellen Diagnosen oder steuern den Verkehr – Algorithmen bestimmen zunehmend unser Leben. Doch welches Wertesystem steht hinter ihrem Einsatz? Der Diskurs darüber hat begonnen. GABRIELE LÜKE

Programming code abstract technology background of software developer and Computer script
© monsitj Algorithmen - immer das Produkt von Menschen und deren Werten

In seinem Roman „Qualityland“ entwirft der Berliner Kabarettist und Autor Marc-Uwe Kling eine Welt, die komplett digital optimiert ist. Ob Arbeit, Freizeit oder Beziehungen – Computeralgorithmen nehmen den Menschen alles ab. Sie errechnen automatisch deren Wünsche und liefern ungefragt alles vom Produkt bis zum Lebenspartner. Die Algorithmen fordern dafür permanent Zustimmung und positives Feedback. In „Qualityland“ lautet die Antwort auf alle Fragen O.K. – die Option „Nein“ ist abhandengekommen. Selbstbestimmung und lebendiger Widerspruch, die zu den wichtigsten Kategorien unseres westlichen Wertesystems gehören, sind auf der Strecke geblieben.

Qualityland“ ist nur eine Fiktion. Die Befürchtung, dass die wachsende Bedeutung von Algorithmen unsere Wertewelt negativ beeinflusst, ist jedoch real – und die Diskussion darüber hat bereits begonnen. Algorithmen sind nichts anderes als formelhafte Anweisungen, mit denen Computer komplexe Aufgaben lösen. Sie stehen hinter Suchmaschinen genauso wie hinter Künstlicher Intelligenz. Ihre Bedeutung – das scheint klar – wird weiter zunehmen. Die Folgen ihrer massiven Verbreitung jedoch sind ambivalent.

Effizient und schnell

Unbestritten ist, dass Algorithmen in vielen Bereichen Menschen um Längen schlagen. So können sie Unmengen an Daten viel schneller, effizienter und aussagekräftiger analysieren. Schon deshalb sind sie in immer mehr Lebensbereichen präsent – und sinnvoll: Sie erkennen Krebs auch da, wo selbst erfahrene Ärzte noch keine Anzeichen sehen; sie handeln erfolgreicher an der Börse als beschlagene Broker; sie steuern den Verkehrsfluss zuverlässiger als herkömmliche Ampelanlagen.

Sie stecken in E-Government-Systemen, ermöglichen das intelligent vernetzte Smart Home und sind das Rückgrat von Social-Media- und E-Commerce-Anwendungen. „Algorithmen bieten riesige Potenziale für die Gesellschaft, aber auch für jeden Einzelnen. Sie ermöglichen enorme Effizienzgewinne, neue Geschäftsmodelle, verbesserte politische Partizipationsmöglichkeiten und vieles mehr“, erklärt Tobias Knobloch (42), Projektleiter „Algorithmen fürs Gemeinwohl“ bei der Stiftung Neue Verantwortung (SNV) in Berlin. „Auch um die Megaherausforderungen der Gegenwart wie Klimawandel oder Armut zu meistern, brauchen wir Datenanalysen durch Algorithmen.“

Allerdings kann der Einsatz der formelhaften Anweisungen ebenso zu fragwürdigen Ergebnissen führen: Algorithmen verwehren zum Beispiel Kredite, wenn Antragsteller in Stadtteilen mit ungünstigem sozialem Prestige wohnen, für die eine schlechte Rückzahlungsmoral gespeichert ist. „Es beunruhigt auch, dass Algorithmen in der Rechtspraxis an Bedeutung gewinnen, dass ihnen überlassen werden kann, Verträge abzuwickeln, über Bewährungsstrafen mitzuentscheiden, die Einreise zu erlauben – oder dass sie in nicht rechtsstaatlichen Systemen mithelfen, die Bevölkerung zu überwachen“, sagt Tatjana Neuwald, Rechtsexpertin der IHK für München und Oberbayern. „Letztendlich entscheiden so nicht mehr Menschen, sondern Algorithmen über Recht und Unrecht.“

Künstliche Intelligenz

Besonders deutlich wird die Ambivalenz in der Arbeitswelt. „Künstliche Intelligenz erleichtert Arbeit, wertet eine Reihe bestehender Berufe auf und bedingt neue Berufe“, sagt Philippe Lorenz (33), Projektmanager „Arbeitsmarkt 4.0“ der Stiftung Neue Verantwortung. Sie werde manch einen Beruf aber langfristig wohl überflüssig machen. Dabei übernimmt Künstliche Intelligenz mittlerweile auch anspruchsvolle Tätigkeiten wie das Übersetzen von Texten. „Sicher ist“, so Lorenz, „dass durch Künstliche Intelligenz in Zukunft die gleiche Menge an Arbeit von weniger Menschen als heute erledigt werden kann.“ Dabei darf nicht vergessen werden: Algorithmen sind immer Produkte von Menschen. Sie arbeiten auf Basis der Formeln und Informationen, die Programmierer und Nutzer ihnen vorgeben. „So bringen die Menschen selbst Vorurteile und negativ diskriminierende Stereotype in die Programme“, sagt Lorenz Matzat (42), Datenjournalist und Mitgründer der Initiative Algorithm Watch in Berlin. „Algorithmen und Künstliche Intelligenz sind immer auch ein Spiegel unserer selbst – auch unserer Unvollkommenheit“, bestätigt Oliver Zöllner (49), Professor an der Hochschule der Medien in Stuttgart und Mitgründer des Instituts für Digitale Ethik (IDE).

„All diese Widersprüche und Ambivalenzen zeigen, wie wichtig es ist, Algorithmen und Künstliche Intelligenz intensiv im Hinblick auf Werte und Werteverlust zu diskutieren“, betont Gerti Oswald, Leiterin der Abteilung Leitungsstab, BIHK, CSR der IHK für München und Oberbayern. Es gehe weder darum, Algorithmen zu verdammen, noch darum, sie zu glorifizieren. Politik und Wirtschaft dürfen ihre Entwicklung aber auch nicht einfach laufen lassen. „Das Wertefundament von Algorithmen ist programmierbar und kontrollierbar. Wir müssen bei denen, die Algorithmen in die Welt bringen, aber auch bei denen, die sie nutzen, die entsprechende ethische Verantwortung anmahnen und einfordern.“

Mehr und mehr Kunden legten zudem Wert auf ethische Produktion und Unternehmensführung. „Wer belegen kann, dass er auch die Entwicklung, den Einsatz und die Folgen von Algorithmen ethisch durchdacht hat, generiert langfristig Vorteile“, ist Oswald überzeugt. Algorithm-Watch-Mitinitiator Matzat verlangt eine kritische Wertediskussion vor allem dann, wenn Algorithmen auf die Gesellschaft, das Zusammenleben und -arbeiten, auf Chancen und Partizipation oder Firmeninteressen Einfluss nehmen, ihr Einsatz also über reine Produktionsprozesse oder Kaufabwicklung hinausgeht.