Brexit

Für den Worst Case planen

Sechs Monate vor dem formellen Austritt Großbritanniens aus der EU gibt es noch immer kein finales Abkommen für den Brexit. Unternehmen müssen sich deshalb auf mehrere mögliche Szenarien vorbereiten. MECHTHILDE GRUBER

Chess pieces and flags on an European map focused black UK king. Brexit negociations and strategy concept between European Union and United Kingdom.
© ©tanaonte - stock.adobe.com Übergangsphase oder harter Brexit - was müssen Unternehmen jetzt tun?

Der Countdown läuft: Ab 30. März 2019 wird das Vereinigte Königreich kein Mitglied der Europäischen Union mehr sein. Nach wie vor ist offen, ob sich daran eine Übergangsphase bis Ende 2020 anschließt, in der weiterhin EU-Recht gilt und Großbritannien sich im Gegenzug übergangsweise den Zugang zum EU-Binnenmarkt und zur Zollunion bewahrt. Dies wird nur dann der Fall sein, wenn bis zum Austritt Großbritanniens ein Abkommen geschlossen und dieses bis zum 29. März 2019 auch ratifiziert wird.

Die Alternative ist der „harte Brexit“ – ein ungeordneter Austritt Großbritanniens. Die Folge: der Handel würde nur mehr nach WTO-Regeln ablaufen – so wie mit anderen Drittstaaten ohne Abkommen wie zum Beispiel mit China oder den USA. „Unternehmen sollten daher schnellstmöglich prüfen, inwieweit sie betroffen sind“, sagt Frank Dollendorf, Bereichsleiter Außenwirtschaft der IHK für München und Oberbayern. „Wichtig ist, Notfallpläne für alle möglichen Szenarien zu erarbeiten.“

Freihandelszone nur für Waren?

Mitte Oktober 2018 findet das Gipfeltreffen der EU-Staats- und Regierungschefs statt, bei dem ein finales Austrittsabkommen zum Brexit präsentiert werden soll. Diese Frist ist jedoch schwer zu halten, die Rede ist inzwischen bereits von November. Recht viel später dürfte es aber nicht werden, wenn das Abkommen noch rechtzeitig ratifiziert werden soll. Die britische Regierung hat mit ihrem Weißbuch ihre Vorstellungen über ein Freihandelsabkommen mit der EU vorgelegt: eine Freihandelszone nur für Waren, aber nicht für Dienstleistungen. Auch die Freizügigkeit für EU-Bürger im bisherigen Rahmen soll es nicht mehr geben.

Bei der EU-Kommission stoßen diese Vorschläge auf Skepsis. Regierung und Parlament in London sind sich auch nach wie vor nicht einig über eine gemeinsame Zielrichtung beim Brexit. Das Meinungsspektrum reicht von engen Beziehungen zur EU bis zur kompromisslosen Trennung. Noch immer ungelöst ist zudem der Streit um die Frage, wie sich strenge Personen- und Warenkontrollen zwischen Nordirland und dem EU-Mitglied Irland vermeiden lassen. Doch gleichgültig, ob es zu einem harten Brexit kommt oder es noch rechtzeitig gelingt, ein Abkommen zu ratifizieren: „Wer mit Großbritannien in Zukunft Geschäfte machen will, muss sich auf spürbare Veränderungen einstellen“, sagt IHK-Referentin Kristina Mader, zuständig für das Thema Brexit. „Denn eine volle Integration Großbritanniens in Zollunion und Binnenmarkt wird es selbst mit einem Freihandelsabkommen in Zukunft nicht mehr geben.“

Neue Komplexität im Handel

Großunternehmen wie Airbus, Siemens oder BMW bereiten sich seit Monaten intensiv auf alle Eventualitäten vor. Geprüft wird eine Auslagerung der Produktion in andere europäische Länder, Lagerkapazitäten werden ausgebaut und Mitarbeiter auf neue administrative Herausforderungen bei Zoll und Logistik vorbereitet. „Ebenso müssen jetzt auch kleinere und mittelständische Unternehmen Maßnahmen treffen, selbst wenn es zu einer Übergangszeit kommt“, betont IHK-Expertin Mader. Besonders Firmen, die bisher keine Erfahrung mit Drittländern haben, müssen sich auf die neue Komplexität des Handels mit Großbritannien einstellen und dafür Export- und Importwissen aufbauen. „Für sie bedeutet das unter anderem, sich auf Zollanmeldungen vorzubereiten, Mehrkosten einzuplanen und die Mitarbeiter zu schulen“, sagt Mader.

Viele Prozesse haben eine lange Vorlaufzeit, deshalb sind jetzt die ersten Schritte notwendig. Die IHK-Organisation hat hierzu eine Checkliste erstellt (www.ihk.de/brexitcheck). Wer in Zukunft Handel mit Großbritannien treiben will, muss sich vor allem auf die Rückkehr zu Zollanmeldungen vorbereiten. Das heißt: rechtzeitig eine EORI-Nummer (Nummer zur Registrierung und Identifizierung von Wirtschaftsbeteiligten gegenüber der Zollverwaltung) beantragen, sich mit Ausfuhrgenehmigungen auseinandersetzen und die IT-Systeme anpassen. „Kleinere Unternehmen, die dafür die Expertise nicht selbst aufbauen können, sollten sich frühzeitig zum Beispiel nach Zolldienstleistern umsehen“, rät Mader. „Aber hierbei rufen wir zur Vorsicht auf: Die Verantwortung bleibt beim Unternehmen und kann nicht ausgelagert werden!“

Zusätzlich müssen bestehende Verträge mit britischen Geschäftspartnern an die neuen Rahmenbedingungen angepasst werden. Wichtig ist auch, die Lieferketten zu überprüfen. Entscheidend werden die Veränderungen bei der Entsendung von Mitarbeitern sein. Die britische Regierung will dies laut ihrem Weißbuch in Zukunft restriktiv handhaben. Aber selbst bei einer pragmatischen Lösung kommen viele Formalitäten und Zusatzkosten auf die Unternehmen zu.

„Die IHK München berät und unterstützt ihre Mitgliedsunternehmen gern bei der Vorbereitung auf den Brexit“, betont IHK-Bereichsleiter Außenwirtschaft Frank Dollendorf. Gelegenheit, sich ausführlich über notwendige Maßnahmen bei einem Brexit mit oder ohne Übergangsphase zu informieren, bietet eine IHK-Informationsveranstaltung am 14. November. Außerdem ist in den Geschäftsstellen der IHK in Oberbayern Anfang 2019 eine Brexit-Roadshow geplant.