Breitsamer

Eine Familiensache

Seit achtzig Jahren verkaufen die Breitsamers Honig. Aus den Anfängen im Milchladen entwickelte sich ein bundesweit bekannter Anbieter – und eine ungewöhnliche Kooperation mit einem einstigen Mitbewerber. EVA ELISABETH ERNST

11_03_02_breitsamer_040
Honigabfüllung bei Breitsamer + Ulrich. Foto: Breitsamer + Ulrich.

Eine ruhige Straße im Münchner Stadtteil Ramersdorf, auf dem Grundstück stehen große alte Bäume. Die breite Einfahrt führt zu einem Gebäude, das auch als Wohnhaus durchgehen könnte. Nur das Summen und Brummen aus den Bienenstöcken ringsum gibt einen hörbaren Hinweis, dass hier einer der größten Honigabfüller Deutschlands seinen
Firmensitz hat, die Breitsamer + Ulrich GmbH & Co. KG. Ansonsten geht es auf dem Gelände eher leise zu. Das liegt nicht zuletzt an den Nachbarn.

Die waren vor knapp 60 Jahren vom geschäftlichen Erfolg des Familienunternehmens wenig begeistert: Je mehr Honig die Breitsamers abfüllten und verkauften, desto größer wurden Verkehrs- und Lärmbelastung. Die Beschwerden der Anwohner führten damals jedoch nicht zu einer Verlagerung des Firmensitzes, sondern zu einer eher ungewöhnlichen Kooperation mit einem Mitbewerber. Die Breitsamers schlossen sich 1969 mit der Familie Ulrich zusammen, die damals einen Honigbetrieb in Fürth hatte.

Ein ertragreicher Zusammenschluss

In der so entstandenen Breitsamer + Ulrich GmbH & Co. KG übernimmt die Familie Ulrich Produktion und Logistik. Der Münchner Teil des Unternehmens ist verantwortlich für Einkauf, Verkauf und Marketing. „Die Zusammenarbeit funktioniert seit zwei Generationen hervorragend – trotz oder vielleicht sogar wegen der beiden Standorte und gewisser Mentalitätsunterschiede zwischen Oberbayern und Franken“, sagt Robert Breitsamer mit einem Lächeln. Der 51-Jährige führt zusammen mit seinem jüngeren Bruder Christian (48) und Thomas Ulrich (56) die Geschäfte.

Familie Ulrich füllt das Naturprodukt seit rund 70 Jahren ab und kann damit auf eine fast so lange Tradition zurückblicken wie die Breitsamers. Firmengründer Johann Breitsamer verkaufte bereits 1935 in seinem Milchgeschäft in München-Haidhausen den Honig seines Schwagers, der in Mühldorf mehrere Bienenvölker hielt. Als das Unternehmen 1952 nach Ramersdorf zog, konzentrierte sich der Familienbetrieb ausschließlich auf Honig und bezog ihn längst auch von anderen Imkern der Region.

„In Deutschland hat jeder Imker im Schnitt etwa sieben Bienenvölker, die einzelnen Chargen sind daher klein“, erklärt Robert Breitsamer. Jede Lieferung wird strengen sensorischen und physikalisch-chemischen Qualitätskontrollen unterzogen. „Wir verfügen über die Sortenkompetenz, die erforderlich ist, um aus den Chargen einzelner Imker einen gleichbleibend guten Honig zusammenzustellen“, so der Unternehmer.

10 000 Tonnen Honig vermarkten Breitsamer + Ulrich jährlich. Heute kommt nur noch ein Fünftel davon aus Deutschland, weil viele Sorten hierzulande nicht verfügbar sind. Einen Großteil des süßen Stoffs bezieht das Unternehmen aus anderen EU-Staaten.

Ein kleinerer Teil stammt aus Übersee. Dabei handelt es sich überwiegend um fair gehandelten Honig, der unter Breitsamer Imkergold Fairtrade vermarktet wird. Kleinbauern in Lateinamerika erwirtschaften so einen Teil ihres Lebensunterhalts mit ihren Bienenvölkern. „Mit der Honigproduktion kann man ohne Landbesitz und ohne große Investitionen eine Familie ernähren“, sagt Breitsamer. Die Vermarktung über Kooperativen und die Fairtrade-Organisation sorgen dafür, dass die Erzeuger auskömmliche Preise – unabhängig vom Marktniveau – erzielen.

Der Großteil des Honigs wird unter dem Label Breitsamer vermarktet. In Deutschland ist das Unternehmen in der Gastronomie und bei Großverbrauchern Marktführer. Im Lebensmitteleinzelhandel zählt es zu den größten Anbietern. Mitbewerber sind hier Imker, die ihren Honig in Eigenregie auf Wochenmärkten, in Hofläden und auch im klassischen Lebensmitteleinzelhandel vermarkten.

Den anhaltenden Trend zu lokal produzierten Lebensmitteln bedient das Unternehmen mit regionalen Spezialitäten, verschiedenen Alpenhonig-Varianten und sortenreinem Honig aus klar abgegrenzten Herkunftsgebieten wie etwa Akazienhonig aus Ungarn oder Thymianhonig aus Kreta. „Damit positionieren wir uns seit etwa sechs Jahren im Premiumsegment“, betont Breitsamer.

Lizenzvertrag mit Käfer

Im Süden Deutschlands setzt die Firma am meisten Honig ab. Durch die Übernahme des ehemaligen volkseigenen Betriebs Bienenwirtschaft Meißen in den 1990er-Jahren verfügt Breitsamer + Ulrich ebenso über eine Marke, die im Osten Deutschlands nach wie vor sehr beliebt ist. Auch ein Bioprodukt findet sich im Sortiment. „Da der Honigverbrauch in Deutschland stagniert, haben wir uns zum Ziel gesetzt, neue Verwendungsanlässe für Honig zu entdecken“ erklärt Robert Breitsamer.

So schloss das Unternehmen 2010 einen Lizenzvertrag mit dem Münchner Feinkostunternehmen Käfer und bietet unter der Marke „Käfer Feinkost“ Honig mit Chili oder Ingwer an. Mit dem Haferflockenhersteller Kölln kooperiert das Unternehmen seit 2015. Ausgangspunkt war ein gemeinsamer Regalservice im Einzelhandel. Es folgten Marketingaktionen wie etwa eine Rezeptwebsite. Seit vergangenem Jahr findet sich Breitsamer-Honig auch in Tees der Bad Heilbrunner Naturheilmittel GmbH & Co. KG, die mit Honig gesüßt werden.

Um das zukünftige Wachstum zu sichern, setzt Breitsamer + Ulrich auch auf den Export: 15 Prozent des Jahresumsatzes von rund 60 Millionen Euro erzielt das Unternehmen im Ausland. Neben den europäischen Ländern bilden die USA den größten Exportmarkt. Einen geringen Umsatzanteil erwirtschaftet das Unternehmen bislang mit seinem Onlineshop. „Vom Bestellwert her sind vor allem die Großverbraucher interessant“, so Breitsamer. „Allerdings schätzen wir den direkten Kontakt zu den Privatkunden sehr, die bei uns im Shop Produkte bestellen können, die ihr lokaler Einzelhändler nicht gelistet hat.“

Gefahr durch Monokulturen

Auch wenn sich Honig lange hält und es selbst in schlechten Jahren nicht zu Versorgungsengpässen kommt, machen sich die beiden Honigfamilien doch ein wenig Sorgen um ihren Rohstoff. „Es sind viele Parameter, die den Honigertrag bestimmen“, sagt Breitsamer, der selbst Hobbyimker ist. Jährliche und saisonale Schwankungen gab es schon immer. Problematisch seien aktuell jedoch Pestizide und die Varroa-Milbe, die Bienenvölker schwächt und Viren auf sie überträgt. Auch die Industrialisierung der Landwirtschaft mache den Bienenvölkern das Leben schwer: „Monokulturen ohne blühende Pflanzen am Feldrand können dazu führen, dass Bienenvölker in ländlichen Regionen selbst mitten im Sommer verhungern“, so der Unternehmer. Stadtbienen hätten es da deutlich besser. Und wenn die Betriebsamkeit in den Bienenstöcken ein Indikator für das Wohlbefinden der Insekten ist, geht es ihnen auf dem Breitsamer-Firmengelände in Ramersdorf besonders gut.