Bergader

Die Käsefabrik

Bergader gilt als deutsche Nummer eins für Blauschimmelkäse. Hoch technisiert und mit neuer Markenstrategie behauptet sich das Unternehmen, das die Enkelin des Gründers führt. CORNELIA KNUST

bergader_31
© THORSTEN JOCHIM Bergader-Chefin Beatrice Kress

Erfolg ist ein süßes Gift.« Beatrice Kress (67) hat auf einem Hocker an der Milchbar Platz genommen, als sie diesen Satz ausspricht. Die Theke hat das Design der 1950er-Jahre. Sie ist Teil der Bergader-Edelpilz-Historienschau hinter den Schaufenstern der kleinen Geschäftsstraße von Waging am See. In der Sporthalle desselben Chiemgauer Örtchens hatte die Chefin der Käserei Bergader vor gut zwei Jahren ein Erweckungserlebnis.

Alle 660 Mitarbeiter waren in die nagelneue, von Bergader mitfinanzierte Waginger Arena geladen, um die »Kernfragen guter Zusammenarbeit« zu klären: an runden Tischen bunt gesetzt und ins Gespräch gebracht. Kress hat dabei begriffen: »Wir können so nicht weitermachen. Immer nur das Volumen steigern geht auf Kosten unser aller Gesundheit. Und es ist auch für das Unternehmen nicht nachhaltig.« Man habe keinen Unternehmensberater gebraucht, um sich ein neues Wir-Gefühl zu verordnen und die Leute künftig mehr Entscheidungen selber treffen zu lassen, sagt Kress stolz.

Seit diesem entscheidenden Treffen hat die geschäftsführende Gesellschafterin des 1902 gegründeten Käseherstellers nicht nur einen Teil der Führung ausgetauscht und die Organisation verändert. Sie hat sich selbst auch zur obersten Kultur- und Wellbeing-Beauftragten gekürt. Gerade eröffnete sie den neuen Kindergarten auf dem Werksgelände. Außerdem gibt es Vibrations-Pilates gleich am Arbeitsplatz. Die Unternehmerin signalisiert, dass sie sich kümmert, schreibt Glückwunschkarten an die Mitarbeiter selbst und von Hand.

Derweil arbeitet der neue Mitgeschäftsführer Frank Forstmann (53, vorher beim Deutschen Milchkontor) an der Positionierung der Marke Bergader. Unter dem Hauptslogan »Entdecke Deine Bergader« sollen die bisher recht isoliert laufenden Produkte des Hauses (Bavaria Blu, Almkäse, Bergbauernkäse) im Kühlregal des Lebensmitteleinzelhandels zusammen glänzen. Schließlich haben die blauen Adern des Watzmanns den Edelpilzprodukten des Hauses schon unter Großvater Basil Weixler den Namen gegeben.

Dieser Gründerunternehmer aus dem Allgäu scheint ein früher Markenartikler gewesen zu sein. »Eigenständig, unabhängig«, so beschreibt ihn seine Enkelin. Mit 20 Jahren zog der Bauernjunge nach Südostbayern, um sich an der Salzach den Traum einer eigenen Käserei zu erfüllen – zunächst für den Rotschmierkäse Romadur.

Prozess als Produktwerbung

1906 pachtete Weixler eine Molkerei in Traunstein und begann, Weichkäse und Butter deutschlandweit zu verkaufen. 1935 schließlich erwarb er den »Postbräu« in Waging samt Keller und Stallungen. Seinen Gebirgs-Roquefort aus Kuhmilch mit der Watzmann-Silhouette auf der Verpackung hatte er da schon längst erfunden. Allerdings hatte er Klagen französischer Hersteller am Hals, die ihre Marke schützen wollten. Der Prozess bis hinauf zum Berliner Reichsgericht erwies sich als glänzende Werbung für das Produkt, das fortan »Bergader Edelpilzkäse« hieß. Die 1925 geborene Tochter Charlotte wäre gern Sportlehrerin geworden, musste aber nach dem Krieg die Käserei mit 40 Mitarbeitern übernehmen, als Basil Weixler 1946 plötzlich verstarb.

Ihr späterer Mann, eigentlich Bankkaufmann, machte eine Molkereilehre. Das Paar brachte den Waginger Käse ganz groß raus, vor allem im Export, der bald mehr als die Hälfte des Geschäfts ausmachte. Der bedeutendste Coup war 1972 die Neuentwicklung »Bavaria Blu«, bei der sich zwei Schimmelsorten ergänzten (außen weiß, innen blau). »Da hatten wir zehn Jahre eine Alleinstellung«, schwärmt Beatrice Kress. Sie und ihre Schwester besuchten die
Realschule im Klosterinternat; mehr wurde von den Mädchen nicht erwartet, während die beschäftigten Eltern um die Welt jetteten.

Große Investitionen

Beatrice erkämpfte sich das Abitur sowie ein BWL-Studium in München, trat ins Unternehmen ein, arbeitete in der Buchhaltung und im Personalbereich. 1981 starb der Vater, und die Tochter wurde erst Mitglied der Geschäftsführung, dann Beiratsmitglied. Dort hielt sie neben Mutter Charlotte (heute 93) die Stellung mit und gegen externe Geschäftsführer. Warum es nicht selber versuchen? So lautete wohl ihr Credo, als sich Kress nach Scheidung und Babypause entschloss, ins Unternehmen zurückzukehren. Das war vor 20 Jahren.

Es waren Jahre großer Investitionen in ein hoch automatisiertes und standardisiertes Käsewerk in Waging – der letzte Bauabschnitt 2010 allein verschlang 60 Millionen Euro. Jahre der schwierigen Integration eines Schnittkäseherstellers im 70 Kilometer entfernten Bad Aibling, den Kress 2001 zugekauft hatte. Inzwischen sind die eigenen Kinder an der Seite der Unternehmerin. Sohn Felix (31), Wirtschaftsinformatiker, macht sich bereit für die Betriebsnachfolge, »für die es einen Zeitplan gibt«, wie Kress zurückhaltend formuliert: »Das operative Geschäft möchte ich nach und nach übergeben.« Supply Chain Management und Controlling sind derzeit die Aufgaben des Sohnes.

Die zwei Jahre ältere Tochter hat nach dem Studium der Anglistik die interne Kommunikation bei Bergader betreut, sammelt jetzt aber Erfahrungen außerhalb der Firma. Bergader ist mit 340 Millionen Kilogramm verarbeiteter Milch pro Jahr eine Größe auf dem stetig wachsenden Käsemarkt. Im vergangenen Jahr erzielte die GmbH nach eigenen Angaben 265 Millionen Euro Umsatz, davon ein Drittel im Export in 43 Länder, wobei Italien mit Abstand der größte Abnehmer ist.

Als Absatzkanal für die überschüssige Milch kommt Italien allerdings kaum noch in Frage. Ein Problem für Bergader, da die Käserei mit Vertragsbauern im Voralpenland arbeitet und ihnen die Milch immer abnehmen muss (ein Fünftel davon Bergbauernmilch). Dabei braucht die Käserei nur die fettreichen Qualitäten und benötigt die größten Mengen gerade nicht in der warmen Jahreszeit, wenn die Kühe die meiste Milch geben. »Auf dem Spotmarkt sind für Magermilch derzeit nur niedrige Preise zu erzielen, weshalb wir gerade nach neuen Verwertungsmöglichkeiten suchen«, sagt Kress. Auch die Molke als Kuppelprodukt muss weiterverkauft werden.

16 000 Tonnen Käse

Dass die verarbeitete Milch seit 2017 komplett gentechnikfrei sei, betont Kress noch: »Die Kunden wollten das. Viele unserer Landwirte begrüßen das.« Die Kunden sind die großen, mächtigen Lebensmitteleinzelhändler und die Discounter. Der hochmoderne Teil der Käserei, der diese Klientel mit streng standardisierter und kontrollierter Ware bedient, ist Sperrgebiet für Besucher. Und auch für die meisten der rund 400 Mitarbeiter am Standort, einschließlich der 30 Azubis. Stellen im alten Werksteil aus den 1970er-Jahren 40 Personen im Jahr 5500 Tonnen Käse her, schaffen im neuen Teil 60 Personen 16000 Tonnen.

Trotz der malerischen Umgebung und der schönen Historie wird da eines klar: Dies ist keine Manufaktur, dies ist eine Fabrik.