IHK Magazin

BBS Automation: Dynamischer Senkrechtstarter

Binnen sechs Jahren entwickelte sich die BBS Automation GmbH aus Garching zu einem weltweit aktiven Anlagen- und Maschinenbauer mit rund 800 Mitarbeitern. Eine globale Akquisitionsstrategie ermöglichte das rasante Wachstum. EVA ELISABETH ERNST

BBS Automation GmbH, Behr Systems GmbH und der ixmation Gruppe. CEO, Josef Wildgruber
© Wolf Heider-Sawall Josef Wildgruber, Gründer und Geschäftsführer der BBS Automation

Unternehmensgründung 2013, kurz darauf die Fusion mit einem bayerischen Anlagenbauer, ein Jahr später die Übernahme eines ungleich größeren Mitbewerbers aus den USA, 2018 die Akquisition einer polnischen Softwareschmiede und im Mai 2019 der Kauf eines italienischen Wickelautomatenherstellers: Man braucht kein BWL-Studium, um zu erkennen, dass Josef Wildgruber, Gründer und geschäftsführender Gesellschafter der BBS Automation GmbH, München, seinen Wachstumskurs durch internationale Akquisitionen realisiert.

Die BBS Unternehmensgruppe – das Kürzel steht für »Best Business Solutions« – spezialisiert sich auf maßgeschneiderte halb- und vollautomatische Fertigungs- und Prüfsysteme, in denen Maschinen und Roboter komplette Produkte zusammenbauen oder testen. Im Falle eines Smartphones kann sich die Montagelinie über 50 Meter erstrecken. Für die Produktion von Elektromotoren, wie sie in Pkw-Scheibenwischern zum Einsatz kommen, sind die Anlagen knapp 30 Meter lang.

Die Kunden stammen aus den Branchen Automotive, Konsumgüter und Medizintechnik, auf die jeweils dreißig Prozent des Umsatzes entfallen. Den Rest erwirtschaftet BBS mit Automatisierungslösungen für die optische Industrie, für Elektronik- und Luftfahrtunternehmen sowie im Bereich erneuerbare Energien. »Meine Zielsetzung war es bereits bei der Gründung von BBS Automation, ein internationales Unternehmen aufzubauen«, sagt Josef Wildgruber. »Denn unsere Kunden produzieren heute rund um den Globus und erwarten von uns, dass wir für sie nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt Montage- und Prüfanlagen bauen können.« Der 58-Jährige, der seit über 40 Jahren in der Branche tätig ist, setzt auf den Kauf etablierter Unternehmen. »Sie müssen ins Mosaik der BBS passen – entweder in technologischer Hinsicht oder weil ihre Standorte zu unserer Globalisierungsstrategie passen.«

Nach der Ausbildung zum Werkzeugmacher studierte Josef Wildgruber Maschinenbau und war danach bei einem japanischen Konzern tätig, in dem er schnell zum Werksleiter aufstieg. 1988 gründete er sein erstes Maschinenbau-Unternehmen in München und baute Standorte in Thailand und China auf. Zur Erschließung des nordamerikanischen Markts fusionierte er mit einem kanadischen Mitbewerber. Nach einem Managementwechsel beschloss Wildgruber 2012, auszusteigen und seine Anteile zu verkaufen.

Ein Neuanfang

Damals war er 52 Jahre alt, wollte sich aber keinesfalls zur Ruhe setzen. Also gründete er die BBS Automation GmbH. »Seither bin ich täglich rund 16 Stunden, sieben Tage die Woche im Einsatz«, sagt Wildgruber. »Das Arbeiten macht mir einfach Spaß.« Dass er einige seiner ehemaligen Mitarbeiter für die BBS Automation gewinnen konnte, erleichterte den Start. »Durch meine internationale Vernetzung standen uns zudem weltweit genügend Fertigungskapazitäten für die ersten Aufträge zur Verfügung«, so Wildgruber.

Bereits wenige Monate später kam es zum Zusammenschluss mit der Behr Systems GmbH in Blaichach, an der Wildgruber seit ihrer Gründung im Jahr 2000 beteiligt war. Eine Herausforderung bildete die Übernahme der ixmation-Gruppe ein Jahr später: Das Unternehmen produziert am Stammsitz in Chicago sowie in Malaysia und China – und schrieb tiefrote Zahlen. Während das Team von BBS und Behr Automation damals 90 Mitarbeiter umfasste, beschäftigte ixmation 500 Mitarbeiter. Dennoch gelangen Integration und Turnaround binnen eines Jahres. »Wir haben von
A bis Z aufgeräumt und die Strukturen vom Vertrieb über die Herstellung der Maschinen bis zu den After-Sales-Prozessen komplett umgekrempelt«, so Wildgruber. »Dabei konnte ich mich auf unsere erfahrenen Mitarbeiter verlassen, die nicht nur die Branche kennen, sondern auch wissen, worauf es ankommt, wenn man erfolgreich Hightech-Maschinen bauen will.«

Passendes Know-how

Zum Kauf des polnischen Systemhauses ANT Solutions 2018 entschied sich BBS Automation nach einer Analyse der eigenen Stärken und Schwächen: »Beim Thema Mechanik sind wir sehr stark. Uns fehlte jedoch die Softwareseite, die in Zeiten der Digitalisierung immer wichtiger wird«, sagt Wildgruber.

Das Know-how der Neuakquisition schließt diese Lücke. ANT Solutions spezialisiert sich auf Softwarelösungen rund um die Überwachung und Optimierung von Produktions-, Wartungs- und Logistikprozessen. Die jüngste, aber laut Wildgruber keinesfalls letzte Akquisition wurde im Mai 2019 abgeschlossen: BBS erwarb den italienischen Wickel- automatenhersteller Team Automation.

Für 2019 rechnet Wildgruber damit, dass die über 800 Mitarbeiter der BBS-Automation-Gruppe einen Umsatz von rund 200 Millionen Euro erwirtschaften, der Auslandsanteil liegt bei 70 Prozent. »BBS agiert wie eine Familie – und zwar wie eine gut funktionierende«, betont Wildgruber. »Jeder unterstützt jeden, wobei die Zentrale in Garching quasi als Familienoberhaupt fungiert.« Hier befinden sich die Verwaltung und das Engineering Center.

Dass in Garching nicht produziert wird, sieht Wildgruber als großen Vorteil: »Dadurch sind unsere Kapazitäten nicht durch das Tagesgeschäft gebunden und wir kön- nen unsere Werke besser unterstützen.« Ein Team aus der Zentrale sieht sich jedes Projekt an, bevor Angebote abgegeben werden. Dabei kommt meist das Prinzip des »simultaneous engineering« zum Tragen: Bereits während der Kunde sein Produkt entwickelt, planen die Experten bei BBS Automation die Anlagen, die für dessen Herstellung erforderlich sind. »Anfang der 1990er-Jahre vergingen zwischen der Auftragserteilung für eine Anlage und deren Auslieferung und Inbetriebnahme rund 18 Monate«, so Wildgruber. »Heute dauert es zwischen sechs und zwölf Monaten, bis unsere Kunden mit unseren Anlagen produzieren können.«

Führungsnachwuchs

Derzeit arbeitet Wildgruber intensiv daran, eine junge Führungsebene aufzubauen, die das Unternehmen in die Zukunft leiten wird. Dabei kann er auf die Unterstützung seiner Tochter Carina (30) zählen, die nach einem Luftverkehrsmanagement-Studium und ersten beruflichen Erfahrungen in einem anderen Unternehmen bei BBS einstieg. Anschließend absolvierte sie ein Finance- und ein Maschinenbau-Studium – berufsbegleitend. Offensichtlich haben sich das große persönliche Engagement und die Begeisterung für den globalen Maschinen- und Anlagenbau vom Vater auf die Tochter übertragen.