AutobusOberbayern

Die Urenkel

Eine Geschäftspartnerschaft über vier Generationen zu erhalten, das ist ein Kunststück. Die beiden Chefs von AutobusOberbayern führen das Unternehmen überdies mit viel Persönlichkeit. CORNELIA KNUST

Nico Schoenecker und Alexander Holzmair
© alle Rechte vorbehalten - all rights reseved Ein Duo, das sich hervorragend ergänzt: Nico Schoenecker (l.) und Alexander Holzmair, Geschäftsführer der AutobusOberbayern GmbH - Foto: AutobusOberbayern GmbH

Wie stellt man sich einen Busunternehmer vor? Vielleicht etwas konservativ? Kompromisslos autoaffin, womöglich wenig aufgeschlossen für Kritik? Alles falsch. Die AutobusOberbayern GmbH hat an der Spitze das komplette Gegenteil – und das gleich zweimal.

Nico Schoenecker und Alexander Holzmair führen das Münchner Unternehmen gemeinsam in vierter Generation. Nicht weil sie verwandt wären, sondern weil ihre Urgroßväter im Jahr 1909 Geschäftspartner wurden. Sie sind vom Typ sehr verschieden. Der eine eloquent, selbstbewusst. Der andere analytisch, beobachtend. Was sie eint, ist ihre überraschende Nachdenklichkeit. Sie führen beherzt diese Firma, scheinen zu lieben, was sie tun. Aber sie stellen es auch in Frage: Ist das Unternehmen (76 Millionen Euro Umsatz, 800 Mitarbeiter) in dieser Größe zukunftsfähig? Kann es auf Dauer mittelständisch bleiben? Bringt die Digitalisierung die Schnittstelle zum Kunden in Gefahr? Wie entwickelt sich die Wertschöpfung im Verkehr, wenn die Politik bestimmte Anreize setzt? Welche Konsequenzen hat das autonome Fahren? Aber auch: Wird die Verkehrslenkung im Ballungsraum München auf Dauer funktionieren? Wo liegen die Grenzen des Wirtschaftswachstums, wenn die Schöpfung bewahrt werden soll?

Der spritzige Schoenecker, Jahrgang 1968, und der stille Holzmair, Jahrgang 1972, haben sich Mitarbeiter ins Haus geholt, die ihnen da nicht nach dem Mund reden. Und sie scheinen über solche Fragen auch mit ihren Kindern zu diskutieren, in der Mehrzahl Töchter, die die Firma vielleicht eines Tages weiterführen werden.

Mangel an Fahrern

Die Firma, das ist ein großer Parkplatz an der Heidemannstraße in München-Freimann. Ein rot gestrichenes Haus in Würfelform beherbergt die schlanke Verwaltung, daneben ein paar Werkstätten und jede Menge Busse – alles eigene Fahrzeuge. Die größte Knappheit herrscht bei den Fahrern, die immer schwerer zu bekommen sind. „Wenn das so weitergeht, müssen wir Aufträge absagen“, klagen die Chefs. Da die FC-Bayern-Spieler mit ihren Bussen fahren, können sie immerhin ab und zu Fußballtickets verteilen – als Anreiz für künftige Mitarbeiter. Mehr Platz bräuchte man eigentlich auch. „Aber wir sind mit unseren Bussen natürlich nicht der beliebteste Nachbar“, so Schoenecker. Die Vorfahren saßen noch in der Blutenburgstraße und hatten ein repräsentatives Verkaufsbüro am Lenbachplatz.

1890 hatte Matthias Holzmair mit seinem Pferdefuhrwerk begonnen, Ausflugsfahrten anzubieten. Ab 1907 versuchte Rudolf Schoenecker dasselbe mit einem Autobus. Weil das gegenseitige Überbieten bei den Provisionen an die Hotels zu nichts führte als zu Streit (sie sollen sogar mit dem Regenschirm aufeinander losgegangen sein), schlossen sie sich 1909 zu den Münchner Stadtrundfahrten zusammen.

In den 1920er-Jahren entstand die Dachmarke AutobusOberbayern, 1930 kam ein Reisebüro hinzu, das Ende der 1990er-Jahre wieder aufgegeben wurde. Die Großelterngeneration stemmte die Aufbaujahre nach dem Krieg, die Väter der jetzigen Chefs übernahmen in den 1970ern das Ruder. Auch weil 1972 Großvater, Mutter und Tante Schoenecker bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kamen – ein Drama, das die beiden Familien noch enger zusammenschweißte.

Krise nach dem Umzug

Und doch musste Nico Schoenecker erst einmal den Moderator spielen, als er 1994 ins Unternehmen eintrat. Eigentlich hatte der gelernte Reiseverkehrskaufmann und BWL-Student einen Auslandsaufenthalt in den USA geplant, doch man brauchte ihn in München. Der Umzug des Flughafens von Riem ins Erdinger Moos hatte das Familienunternehmen in die Krise gestürzt, weil es sich die Vorfeld- und Zubringerverkehre nicht hatte sichern können. Eine Beratungsfirma war schon im Haus, doch die Seniorchefs redeten nicht richtig miteinander, verzögerten Entscheidungen.

„Das waren sieben schwere Jahre“, seufzt Schoenecker, der stolz darauf ist, die Familien befriedet zu haben. Im Jahr 2000 ging sein Vater in den Ruhestand, zwei Jahre später starb Vater Holzmair. Sein Sohn, der heutige Co-Chef Alexander Holzmair, übernahm. In einer Holding teilen sich die beiden Familien die Kapitalanteile je zur Hälfte, Tanten und Schwestern inklusive. Gewinne werden reinvestiert. Die beiden Chefs sind zur Einigung verdammt, was stets gute Argumente erforderlich macht, wie die beiden lächelnd sagen. Nico macht den Außenminister (Operations und Vertrieb), Alex gibt den Analytiker (Personal, IT, Finanzen).

Das Feiern und Trinken, das Politisieren und Netzwerken, was die Vätergeneration ausgezeichnet hatte, haben die beiden zurückgefahren. Sie stellen sich dem Wettbewerb, der härter wird und die Rendite drückt, und wollen die Firma durch Zukäufe ergänzen. So haben sie 2016 Frankfurt Sightseeing übernommen, die Stadtrundfahrten der Main-Metropole. Auch das Münchner Start-up Flixbus, inzwischen gefeiert und hoch bewertet, hat man sich genau angesehen, hätte sogar in einer frühen Phase einsteigen können. Doch stattdessen wurde die Route München–Prag an Flixbus verkauft und gleichzeitig im Unterauftrag weiter bedient.

Die Geschäftsbereiche

Die Firma zählt drei Bereiche. Da ist zunächst der Linienverkehr in der Stadt und auf dem Land sowie der Service auf dem Rollfeld des Münchner Flughafens. Er macht rund 60 Prozent des Geschäfts aus, ist sehr stabil, bringt aber nur geringe Renditen. Das zweite Standbein ist der Charterverkehr für Firmen, Vereine, Messen, Veranstaltungen oder besondere Ereignisse wie die Fußball-WM. Hier punktet AutobusOberbayern mit seiner starken Marke, langjährigen Geschäftsbeziehungen und gutem Service. Allerdings werden mit der Digitalisierung die Preise immer transparenter, und die Kunden wünschen einfache Kalkulations- und Buchungssysteme im Internet. „Gerade für lokale Anbieter wie uns ist das eine Herausforderung“, sagt Schoenecker.

Der dritte Bereich firmiert als F.I.T. (Free Individual Traveller), bedient den einzelnen Fahrgast, sei es mit dem Airport Express zum Flughafen, mit dem Skibus in die Berge oder mit dem Sightseeing-Doppeldecker durch die Stadt. Hier schließt sich der Kreis zu den Urgroßvätern: Wieder müssen Provisionen an Plattformen gezahlt werden, damit sich der Kunde möglichst für AutobusOberbayern entscheidet. „Die Unternehmensgruppe läuft so gut wie lange nicht mehr“, sagt Schoenecker. Aber die Geschäftsführer wissen, dass sich das sehr schnell ändern kann: „Wir wollen nicht die sein, die das Unternehmen liquidieren.“

Die Bewahrung des über 100-jährigen Erbes ist ihnen wichtig. Und sie haben wohl auch Lust am Gestalten. „So ein Unternehmen bildet die sozialen Zustände in der Gesellschaft wie ein Mikrokosmos ab“, sagt Holzmair. „Da kann man viel lernen und im Kleinen einiges verändern.“ Schoenecker sieht das ähnlich, gerade im Vergleich zwischen Unternehmer und angestelltem Manager: „Dass ich etwas bewegen, gewisse Dinge anders tun und manches nicht mitmachen kann, das erfüllt mich mit Stolz.“