Ausbildung

Viel hilft mehr

Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt ist schwierig. Um Nachwuchs zu gewinnen, setzen Mittelständler auf ein ganzes Bündel an Aktionen – vom Austausch bis zum Azubiprojekt auf der Alm. SABINE HÖLPER

Cork, Ireland
© wavebreakmedia.Ltd / thinkstock Die Zahl der potenziellen Azubis sinkt

Der „Azubifilm“ ist eher ein Filmchen. Er dauert genau zwei Minuten und 41 Sekunden. Doch in diesen 161 Sekunden liegt die ganze Philosophie der Eder GmbH. Das Landtechnik-unternehmen mit 600 Mitarbeitern beschäftigt rund 100 Auszubildende, jedes Jahr stellt es 40 bis 45 neue Azubis ein. Und Ausbilderin Angi Eder tut alles, damit die jungen Menschen eine erstklassige Ausbildung erhalten und sich im Betrieb wohlfühlen. In dem Film stellen sich Azubis verschiedener Berufe vor und erzählen, warum sie begeistert bei der Sache sind. Die jungen Leute haben das Video in Eigenregie gedreht – eines der zahlreichen Projekte, die Eder ihren Schützlingen überträgt.

Die 47-Jährige ist eine Frau, die die Ärmel hochkrempeln kann. Sie tut, was getan werden muss – egal, wie viel Zeit es kostet. Azubis rekrutieren ist ein Job, der ziemlich viele Ressourcen frisst. Schließlich gehen die Bewerberzahlen zurück, für manche Filialen finden sich kaum noch genügend Azubis. „In München ist es besonders schwer“, sagt Eder. „Da gehen die jungen Leute lieber zu Siemens als zum Eder.“ Aber es bringt nichts, den Kopf in den Sand zu stecken, das würde Eder auch nie tun. Stattdessen hat sie sich entschieden, alle Möglichkeiten der Azubi-Akquise auszuschöpfen. Auf die Frage, wie viel Aufwand das bedeutet, antwortet die Frau des Geschäftsführers pragmatisch: „Wir nehmen uns die Zeit, die wir brauchen.“

Der Mittelständler Eder in Tuntenhausen kämpft bei der Besetzung freier Ausbildungsstellen mit Schwierigkeiten, die alle Firmen kennen: Die Zahl der potenziellen Azubis sinkt wegen des demografischen Wandels. Gleichzeitig gibt es einen Trend zur Akademisierung. Der Landmaschinenhersteller reagiert darauf mit besonderem Engagement: Azubimarketing steht weit oben auf der Agenda. Und genau deshalb kann die Firma ihre Stellen am Ende dann doch immer besetzen.

„Es reicht nicht mehr aus, ein ,Lehrling-gesucht‘-Schildchen ins Schaufenster zu stellen“, sagt Florian Kaiser, Leiter der Bildungsberatung der IHK für München und Oberbayern. „Heute muss ein Unternehmen wissen, was es auszeichnet, und dies sichtbar machen.“ Wer Azubis gewinnen will, müsse interessant für die Jugendlichen sein und auf zeitgemäßes Azubimarketing setzen. „Man sollte den jungen Leuten früh Verantwortung übertragen“, rät Kaiser. Zudem stünden Nachhaltigkeit und Auslandsaufenthalte bei Azubis hoch im Kurs.

Ein Auslandseinsatz lässt sich über Austauschprogramme mit anderen Firmen realisieren. Eine solche Kooperation ist die Georg Fritzmeier GmbH & Co. KG mit Sitz in Großhelfendorf eingegangen. Jedes Jahr arbeiten drei Azubis für mindestens eine Woche beim Beleuchtungshersteller Hella in Österreich. Im Gegenzug beschäftigt Fritzmeier drei Azubis des Geschäftspartners. „Österreich ist ja nicht so wirklich Ausland“, scherzt Ausbildungskoordinatorin Inge Schicktanz (37). Aber natürlich sei das ein Projekt, das die Ausbildung aufwerte und von den Jugendlichen gern angenommen werde.

Es spricht sich herum, wer gut ausbildet

Azubi-Akquise fängt immer im eigenen Haus an. Ist die Ausbildung gut, sprechen die Azubis positiv über die Firma. Und Mundpropaganda ist, gerade auf dem Land, sehr viel wert. Deshalb lädt Fritzmeier seine Azubis auch jedes Jahr für einen Tag auf die Gindelalm ein. Bei Weißwurst und Apfelschorle stellen sich die Neuen vor und bearbeiten gemeinsam ein Projekt. Beim letzten Ausflug bauten sie ein Modell eines Baggers für die Messe bauma.

Eder setzt auf das Gemeinschaftsgefühl unter den Lehrlingen. Bei jedem Projekt, das die jungen Leute eigenverantwortlich umsetzen dürfen, arbeiten besonders herausragende mit schwächeren Azubis zusammen. „Die Guten ziehen die, die sich schwertun, mit“, sagt Eder. „Und irgendwann macht es dann sogar bei den Schwachen klick.“ Am Ende zeigen alle – auch dank der regelmäßigen Nachhilfestunden im Betrieb – beachtliche Leistungen. „Wir hatten seit 20 Jahren keinen Azubi ohne Abschluss“, sagt Eder. Abbrecher seien äußerst selten.

Eine qualitativ hochwertige Ausbildung führt nicht nur dazu, dass ein Unternehmen mehr Bewerbungen erhält. Sie ist auch ein Garant dafür, dass dem Unternehmen später gute Fachkräfte zur Verfügung stehen. Allerdings reicht das Engagement im eigenen Betrieb meist nicht aus, um die Azubi-Lücke komplett zu schließen. Mittelständler müssen sich auch dort präsentieren, wo die angehenden Azubis sind – in den Schulen. Firmen können an Infoveranstaltungen teilnehmen oder Bewerbungstrainings anbieten. Oder sie engagieren sich beim Projekt AusbildungsScouts. Dabei schicken sie ihre Auszubildenden in Vorabgangsklassen, die den Schülern dort aus ihrem Arbeitsalltag berichten.

Wer enger mit einer Schule in der Umgebung kooperieren möchte, kann eine Bildungspartnerschaft eingehen. Dabei bauen die Firmen Kontakte zu potenziellen Azubis auf, während die Schüler bei Praktika und Betriebsbesichtigungen einen direkten Einblick in die Arbeitswelt erhalten. „Die Bildungspartnerschaften fördern die Ausbildungsreife und erleichtern den Übergang von der Schule in den Beruf“, so IHK-Experte Kaiser. Deshalb wird dieses Programm künftig weiter ausgebaut.

Bereits erweitert wurden die IHK jobfit!-Messen in Ingolstadt und Rosenheim. Sie finden jetzt jährlich statt. Auch Eder präsentiert sich dort. „Die Teilnahme war ein voller Erfolg“, sagt Ausbilderin Eder. „Jetzt kommen die Bewerbungen.“ ihk-muenchen.de/jobfit