IHK Magazin

Ausbildung: Attraktiv für Azubis

Unternehmen, die selbst ausbilden, sichern sich Fachkräfte, die genau in ihren Betrieb passen. Es lohnt sich, dabei neue Ausbildungsberufe und aktuelle Recruitingtrends im Blick zu behalten. SABINE HÖLPER

Regulare Trade Gmbh, E-Commerce, Oz Güven
© Wolf Heider-Sawall Regular Trade Geschäftsführer Oz Güven (rechts) und Mentor Rasso Reng (links) mit Azubi Tim Obermeier‎

Manchmal kommt es anders als geplant. Im Idealfall ist das ein großes Glück. Oz Güven jedenfalls sieht es so. Der Chef der Regular Trade GmbH in München wollte eigentlich eine Marketing-Fachkraft einstellen. Er hatte die Stelle schon ausgeschrieben. Dann aber flatterte die Bewerbung von Tim Obermeier auf seinen Schreibtisch. Der heute 19-Jährige fragte nach einem Ausbildungsplatz zum E-Commerce-Kaufmann. Von seinem Vater hatte er von diesem neuen Beruf erfahren. Güven, der seit der Gründung des Unternehmens vor neun Jahren nur eine junge Frau zur Fachkraft für Büromanagement ausgebildet hatte, war unsicher, ob das machbar ist. Er erkundigte sich bei der IHK für München und Oberbayern – das Ergebnis war positiv.

Warum sich Ausbilden lohnt

Im vergangenen Herbst hat Obermeier seine Ausbildung angefangen. Güven ist nach diesen wenigen Monaten schon überzeugt, dass der Schritt richtig war: »Der Ausbildungsberuf E-Commerce-Kaufmann ist zukunftsträchtig, weil der Internethandel stetig wächst.« Für sein Unternehmen, das vor allem die Onlineplattform Riders Deal betreibt, sei die Ausbildung eine Win-win-Situation. »Wir können Obermeier nach der Lehre sicher sofort als qualifizierte Fachkraft einsetzen«, sagt Güven.

Die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens hängt zum Großteil davon ab, ob es qualifizierte Fachkräfte beschäftigt. Die Ausbildung ist ein bewährtes Mittel, um sich diese zu sichern. Erfreulicherweise sehen das immer mehr Firmen so. Laut der aktuellen Ausbildungsstatistik ist die Zahl der ausbildenden Betriebe in Oberbayern im dritten Jahr in Folge gestiegen. Auch die Zahl der Ausbildungsberufe wächst. Das ist unter anderem notwendig, um der zunehmenden Digitalisierung Rechnung zu tragen. E-Commerce-Kaufmann/-frau ist solch ein neuer Beruf. Er schließt eine Lücke, die es bisher in der Internetbranche gab, und ist interessant für Onlinehändler und Multi-Channel-Anbieter, aber auch für Tourismusbetriebe, Hotel und Gastronomie, Banken, Versicherungen, Chemie- und Metallunternehmen sowie Verlage. Wenn Firmen sich für solche neuen Berufe öffnen, bilden sie damit nicht nur maßgeschneidert für die Bedürfnisse im Betrieb aus. Sie steigern auch ihre Chancen, die digitalaffinen jungen Leute als Azubis zu gewinnen.

Beim Recruiting ansetzen

Attraktiv für potenzielle Bewerber zu sein heißt aber nicht nur, eine interessante Ausbildung anzubieten. Die Unternehmen können schon vorher ansetzen – beim Recruiting. Das simple Sprichwort »Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit« stimme nun einmal, sagt Thomas Jany. Der Ausbildungsleiter bei der Mondi Inncoat GmbH in Raubling ist 62 Jahre alt. Aber er weiß, dass »die Digitalisierung ein großes Thema ist«, dass man »neue Wege gehen muss«, um junge Leute anzusprechen. Das Verpackungs- und Papierunternehmen hat sich deshalb entschieden, ein 3-D-Video produzieren zu lassen.

Der Berliner Dienstleister Studio2B GmbH macht solche Virtual-Reality-Videos. Sie heißen »Dein erster Tag«, dauern einige wenige Minuten und stellen verschiedene Berufe anschaulich dar – immer am konkreten Beispiel eines Unternehmens. Die bei Mondi Inncoat gedrehte 360-Grad-Betriebsbesichtigung bringt den Zuschauern den Beruf des Verfahrensmechanikers näher. Jany ist mehr als zufrieden mit dem Resultat. »Von unseren 200 Mitarbeitern am Standort haben 160 den Film gesehen, davon waren 161 begeistert«, sagt er schmunzelnd.

Das Unternehmen stellt das Video den Schulen im Umkreis zur Verfügung – samt den dafür erforderlichen Brillen. Außerdem zeigt Jany den Clip bei Bewerbungsgesprächen. »Das Feedback war bisher ausschließlich positiv«, sagt er. »Wir konnten die Kandidaten begeistern.« Ein dreidimensionaler Eindruck sei eben doch ein »himmelweiter Unterschied« zu einer Darstellung in 2-D. Der Film soll ebenso auf Ausbildungsmessen zu sehen sein, demnächst auf der IHKjobfit! in Rosenheim. Dort zeigt die IHK für München und Oberbayern außerdem ein Virtual-Reality-Video, das die duale Ausbildung generell erklärt und Karrierechancen darstellt.

Die virtuelle Realität ermöglicht es den Unternehmen, ein realistisches Bild ihres Betriebs und der Berufe abzubilden. Die echte Realität ist deshalb aber noch lange nicht obsolet. Im Gegenteil, Firmen können den Schülern ihren Betrieb auch direkt nahebringen.

Das gelingt besonders gut, wenn Unternehmen dorthin gehen, wo die Jugendlichen ohnehin sind: in die Schulen. Renata DePauli, Vorstandsvorsitzende der DePauli
AG in Garching, die den Onlinemodehandel herrenausstatter.de betreibt, schloss daher im vergangenen Jahr eine Bildungspartnerschaft mit der Mittelschule Garching. Das Prinzip: Ein Unternehmen kooperiert mit einer Schule in der Region auf vielfältige Weise. Es veranstaltet etwa Betriebsbesichtigungen für Lehrer und Schüler, bietet Schnupperpraktika an oder geht in die Schulen, um dort Bewerbertrainings abzuhalten.

DePauli hat bislang keine Probleme, Azubis zu finden. Die Branche ziehe viele junge Leute an. Aber die 51-Jährige ist bestrebt, junge Menschen zu unterstützen. Seit sie vor 20 Jahren den ersten Auszubildenden einstellte, hat sie sich vorgenommen, »Schülern zu helfen, auch solchen mit Schwächen«. Außerdem weiß auch DePauli, dass Unternehmen nicht stehen bleiben dürfen, wollen sie auch in Zukunft genug Nachwuchs rekrutieren. Sie plant daher, künftig eher noch mehr junge Leute auszubilden. Derzeit beschäftigt das Unternehmen mit 160 Mitarbeitern neun Lehrlinge. »Es ist nie schlecht, wenn der eine oder andere Schüler uns kennenlernt«, sagt DePauli. Er könnte ein potenzieller Azubi sein. Und die Unternehmerin weiß um den Wert der selbst ausgebildeten Leute, sie sind die optimalen Facharbeiter der Zukunft. DePauli: »Drei unserer Teamleiter haben in unserem Haus gelernt.«