Bayerns Gesundheitsministerin im Gespräch

Interview mit Melanie Huml: "Das tut Bayern gut"

Melanie Huml, Bayerns Gesundheitsministerin
© www.melanie-huml.de

Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) war zu Gast im IHK-Arbeitskreis Gesundheitswirtschaft. Im Interview berichtet sie über die Bedeutung der Gesundheitsbranche im Freistaat – und die Chancen, die sie in der Digitalisierung sieht.

Selbst in München gibt es nur wenige Interview-Locations, die so exklusiv sind: Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) war am 20. März beim IHK-Arbeitskreis Gesundheitswirtschaft, der im Münchner Vorzeigeunternehmen Brainlab stattfand.

Frau Huml, Sie waren heute Gast des IHK-Arbeitskreises Gesundheitswirtschaft. Wie wichtig ist der Dialog mit der Wirtschaft für Ihre Arbeit?

Für mich ist der Austausch mit den Praktikern, Verbänden und der IHK sehr wichtig. Deshalb bin ich heute hier. Wir brauchen das Feedback der Wirtschaft - mir bringen diese Gespräche immer wieder neue Ideen.

Gab es heute die Ideen, die Sie mitnehmen für Ihre Arbeit?

Gut fand ich den Vorschlag, Digitalisierung für intelligente Schichtmodelle zu nutzen. Das würde die Arbeit in Kliniken oder Pflegeeinrichtungen attraktiver machen. Wichtig für mich war auch zu erfahren, dass die Wirtschaft ebenso wie wir eine Imagekampagne für die Pflege plant. Vielleicht können wir da zusammenarbeiten.

Haben Sie heute von einem Problem gehört, das man dringend lösen müsste?

Dass in Laboren immer noch so viel manuell erfasst wird, ist unglaublich. Das kann man sich im Smartphone-Zeitalter kaum vorstellen. Häufig wird eine Krebsdiagnose nach wie vor in Papierform an das Krebsregister geschickt. Hier würde ich mir wünschen, dass künftig viele Ärztinnen und Ärzte von der elektronischen Meldemöglichkeit Gebrauch machen.

Weiß die Öffentlichkeit, wie wichtig die Gesundheitswirtschaft für die Entwicklung Bayerns ist?

Daran denken die meisten spontan sicher nicht. Erst wenn man krank ist oder eine Erkrankung verhindern will, schätzt man, dass es im persönlichen Umfeld so eine gute Versorgung gibt. Ich halte das Gesundheitssystem Bayerns für einen wichtigen Standortfaktor, von dem viele andere Branchen profitieren.

Sollte man diesen Vorteil nicht stärker herausstellen, um etwa mehr Fachkräfte zu gewinnen?

Ich habe den Eindruck, dass das einige Firmen schon sehr gut machen: Bewerbern klar machen, dass es für sie und ihre Familien am Firmenstandort eine tolle medizinische und pflegerische Versorgung gibt. Das tut natürlich Bayerns Image gut. Wir haben Kliniken von Weltruf, die viele Patienten aus dem Ausland haben. Das schafft Kontakte, die unseren Tourismus und unseren Handel fördern.

Medizintechnik gehört auch zu den Bayerischen Exportschlagern.

Ja, das haben wir heute hier bei BrainLab erlebt. Es ist toll, was hier entstanden ist. Mich fasziniert, wie diese Technik aus Bayern zur Standardausstattung internationaler Krankenhäuser und Uni-Kliniken in allen Teilen der Welt geworden ist.

Wie schaffen Sie den Spagat zwischen Kosteneffizienz und steigenden Ansprüchen der Patienten an die medizinische Versorgung?

Klar, alles muss bezahlbar bleiben. Es geht um Versichertengelder und Leistungen, die Kassen übernehmen. Ich finde aber auch wichtig, dass wir angemessen bezahlen. Gerade bei Therapieberufen und in der Pflege.

Wir haben nur eine Gesundheit. Die Menschen sind durchaus bereit, dafür zu investieren und Geld auszugeben.

Melanie Huml, Bayerische Gesundheitsministerin

Was halten Sie von dem Vorwurf, die vielen Krankenkassen machten das System zu teuer?

Ich halte nichts von einer Bürgerversicherung. Mich freut es, dass wir mit dem System aus gesetzlichen und privaten Krankenkassen ein so gutes Angebot haben. Anders als in den USA bekommen in Bayern auch Patienten mit wenig Geld eine tolle medizinische Versorgung. Oder denken Sie an Großbritannien, wo ab einem gewissen Alter niemand mehr an den Hüften oder den Knien operiert wird.

Es gibt Vorbehalte gegen Telemedizin und die Digitalisierung der Gesundheitsbranche. Wie kann man den Menschen die Sorgen nehmen?

Diese Skepsis haben nicht nur die Bürger. Es gibt Ärzte und Apotheker, die sehr offen für neue technische Möglichkeiten sind, aber eben auch viele Mediziner oder Pfleger, die an bestehenden Routinen nichts ändern wollen. Mit neuen Gesetzen wird man da wenig bewirken. Man muss mit dem Mehrwert, die eine Innovation für Behandelnde und Patienten schafft, überzeugen.

Wie soll das gehen?

Mit dem guten Beispiel. Ich habe vorhin auf der IHK-Veranstaltung erklärt, wie Digitalisierung die Notfallversorgung von Patienten mit Schlaganfällen dramatisch verbessern kann. Das hat sich auch in der Praxis gezeigt. Ein Oberarzt in Marktredwitz hat mir gesagt, er könne sich gar nicht mehr vorstellen, wie das früher rein analog funktioniert hat. Da hat man gespürt: Die Idee hat alle überzeugt.

Trotzdem gibt es diese Haltung: Lieber ein schlechter Chirurg als ein guter Roboter.

Ich finde es schade, dass es in pflegerischen und medizinischen Berufen solche Berührungsängste gibt. Das liegt vermutlich auch an der Vorstellung, Technik sei nur dazu da, Menschen zu ersetzen. Tatsächlich geht es darum, mit Technik die Ärzte und Therapeuten zu unterstützen. Es gibt in der Pflege körperlich anstrengende Tätigkeiten, die Roboter erledigen können. Die Pfleger hätten dann mehr Zeit, um sich persönlich mit den Menschen zu beschäftigen.

Wie wollen Sie dieses Umdenken zustande bringen?

Wir müssen da noch viel Aufklärungsarbeit leisten. Ich sehe es auch als Aufgabe der IHK an, auf die Chancen der Digitalisierung hinzuweisen. Wir müssen den Menschen im Land ein realistisches Bild der Zukunft vermitteln.

Wie sieht diese neue Realität aus?

Das Arzt-Patienten-Verhältnis soll der Goldstandard bleiben – das sehe ich genauso wie die Landesärztekammer.

Es ist doch absurd zu glauben, künftig würden die Menschen nur noch im Rahmen von Video-Konferenzen behandelt. Irgendwann muss der Mensch ins Spiel kommen, um etwa dem Patienten den Bauch abzutasten.

Melanie Huml, Bayerische Gesundheitsministerin

Es gibt auch neue Risiken. Der aufgeklärte Patient, sucht ständig im Internet nach Therapien und Medikamenten. Nicht alles, was er online findet, hilft. Er sollte besser auch mal den Arzt aufsuchen oder zur Apotheke gehen.

Was die Medien immer wieder diskutieren, ist die medizinische Versorgung in der Fläche.

Auch da kann Digitalisierung helfen. Warum muss der Arzt jeden routinemäßigen Hausbesuch einmal pro Woche selbst machen? Es reicht auch einmal im Monat, wenn zwischenzeitlich die Arzthelferin kommt und ihre Eindrücke dem Arzt etwa über eine Videokonferenz vermittelt.

Bei Ihren Beispielen geht es durchweg um die Übertragung hochsensibler Daten. Hat die Staatsregierung den Datenschutz wirklich auf dem Schirm?

Klar ist: Wir brauchen sinnvolle Lösungen. Wir bewegen uns im Datenschutz zwischen Extremen. Einerseits geben viele unserer Bürger auf Plattformen alle Daten preis. Da wird niemand gefragt: Willst Du das wirklich posten? Andererseits muss der User heute ausdrücklich einwilligen, wenn er bestimmte Dienstleistungen oder Services nutzen will. Das ist in der Praxis nicht immer sinnvoll.

Das Risiko liegt doch aber darin, dass Daten für kommerzielle Zwecke missbraucht werden.

Daten zu nutzen – das ist ja an sich nicht schlecht. Auch wir wollen das tun, um die personalisierte Medizin zu entwickeln. Wir starten dafür ein großes Projekt unter anderem mit dem deutschen Herzzentrum, der Helmholtz-Gesellschaft, der TU und der LMU.

Können Sie uns erklären, was das den Bürgern bringt?

Durch das Zusammenführen unterschiedlicher Daten und deren Auswertung im Sinne einer Big Data Analyse erhoffen wir uns neue Erkenntnisse darüber, welche Menschen ein ernsthaftes Risiko von Schlaganfall und Herzinfarkt haben. So besteht die Chance, die Anzahl von schicksalhaften und dramatischen Verläufen für Betroffene und ihre Angehörige zu senken – in Bayern, in Deutschland und weltweit.

Die Konjunktur trübt sich ein, die Steuereinnahmen sinken. Werden wir in zehn Jahren in Bayern noch diese gute medizinische Versorgung haben?

Davon gehe ich aus. Wir sind heute dabei, die richtigen Weichen zu stellen. Wir schauen uns die Dinge sehr genau an. Wenn wir etwas entdecken, was wir besser machen können, tun wir das auch.