Exponat Oktober 2020

Geschichte der Süddeutschen Zeitung: Beginn der demokratischen Presse in Bayern 1945

Auf schmaler Plattform mit geringen Mitteln: So startete die Süddeutsche Zeitung am 6. Oktober 1945 in München. Der Umfang: 8 Seiten. Die Auflage: 357.000 am ersten Erscheinungstag. Das Bayerische Wirtschaftsarchiv zeichnet den Beginn der demokratischen Presse in Bayern 1945 nach.

Der Wiederbeginn der demokratischen Presse in Bayern 1945‎

Nur acht Seiten hatte die Süddeutsche Zeitung an ihrem ersten Erscheinungstag am 6. Oktober 1945. In einer Feierstunde im Neuen Rathaus überreichte der Chef der Nachrichtenkontrollstelle in Bayern der amerikanischen Militärregierung, Oberst Bernard B. McMahon, die erste Lizenz für eine demokratische Presse in Bayern. Die Empfänger waren Edmund Goldschagg, Franz Josef Schöningh und August Schwingenstein.

Anschließend ging es im Autokorso durch die zerstörte Innenstadt zum Verlagshaus der ehemaligen Münchner Neuesten Nachrichten am Färbergraben. Hektisch hatte die Verlagsleitung zur Dekoration nach weißblauen Fahnen „jeder Art“ suchen lassen, um den „altbayerischen Charakter des Unternehmens“ wieder in Erscheinung zu bringen. Die Schauspielerin Adele Hoffmann vom Volkstheater überreichte als Münchner Kindl dem amerikanischen Oberst feierlich einen Maßkrug mit Bier und sprach dazu einen Festgruß aus der Feder des bekannten Münchner Dichters Hermann Roth.

Für den Druck der ersten Ausgabe der Süddeutschen Zeitung wurde der Originalsatz von Hitlers „Mein Kampf“ und die letzten Platten des „Völkischen Beobachters“ eingeschmolzen. Die Rotationsmaschinen spuckten eine Auflage von 357.000 Exemplaren aus. Aus Papiermangel erschien das Blatt zunächst nur zweimal, später dreimal wöchentlich, und zwar zu einem Preis von 20 Pfennig. Der Name der neuen Zeitung ging auf den Journalisten Wilhelm Hausenstein zurück, der aus Altersgründen auf eine Mitwirkung als Herausgeber verzichtet hatte. Am 2. August 1946 kam der Lokalredakteur Werner Friedmann als vierter „Newspaper publisher“ dazu.

Mit dem Nachlass der Verlegerfamilie Schwingenstein verwahrt das Bayerische Wirtschaftsarchiv einen überaus seltenen und wertvollen Archivbestand zur bayerischen Pressegeschichte. Aber auch die Mittelbayerische Zeitung in Regensburg, für die der Sozialdemokrat Karl Friedrich Esser gute zwei Wochen später die Lizenz der Amerikaner erhielt, ist im BWA umfassend dokumentiert.

Harald Müller M.A., Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bayerischen Wirtschaftsarchivs