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Das bieten, was Amazon ‎nicht hat‎

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Ihr Geschäft gilt als oberbayerischer „Begegnungsort für Buchkultur“: Kunstminister Bernd Sibler (CSU) hat Barbaras Bücherstube in Moosburg zu „Bayerns Buchhandlung des Jahres 2019“ gekürt. Im Interview spricht Inhaberin Gaby Kellner über ihr preisgekröntes Konzept, Online-Konkurrenz, Probleme der Innenstädte und sich wandelnde Kundenwünsche.

Sie sind Bayerns Buchhändlerin des Jahres. Haben Sie darauf Reaktionen bekommen?

Ja, natürlich. Wir haben 2015 schon den deutschen Buchhandelspreis bekommen. Das hat aber hier in der Region fast keine Aufmerksamkeit erzeugt. Jetzt ging das durch die regionale Presse. Das war im Radio, im Münchner Merkur. Der Bayerische Rundfunk hat ein Interview mit mir gemacht. Der Sender BR-Heimat hat auch über mich berichtet.

Haben Ihre Kunden Sie auch auf die Auszeichnung angesprochen?

Ja, das hat uns wirklich gefreut. Viele kamen vorbei, haben uns gratuliert und gesagt: „Das habt Ihr Euch verdient.“ Es kommen tatsächlich auch neue Kunden. Ob uns die bleiben, muss man sehen.

Verständnisfrage: Den Preis gab es für Barbaras Bücherstube, aber Sie heißen Gaby Kellner …

Der Name des Ladens geht zurück auf die Gründerin Barbara Breimesser. Im vergangenen Jahr hat unsere Bücherstube ihr 40-jähriges Jubiläum gefeiert. Ich bin seit 1990 im Laden und seit 2011 Inhaberin.

Was hat sich in diesen gut 40 Jahren für Ihr Geschäft geändert?

Die Gewinnspannen im Buchhandel waren immer bescheiden. Die haben sich kaum verändert. Mit dem, was mir bleibt, muss ich alle Kosten bestreiten: Die sind gestiegen für Gewerbesteuer, Strom, Personal. Früher ist der Umsatz gewachsen, die Kunden kamen einfach. Ein, zwei Lesungen im Jahr haben gereicht. Heute muss ich einen viel größeren Aufwand betreiben, damit die Menschen in den Laden kommen.

Sind das die Folgen des Online-Handels?

Das ist leider so, aber auch die Leerstände in der Stadt tragen dazu bei, dass die Kundenfrequenz abnimmt.

Aber die Staatsregierung setzt sich doch für lebendige Innenstädte ein.

Ich finde es toll, dass die Staatsregierung diese Auszeichnung vergibt und uns damit unterstützt. Das macht Leute auf uns aufmerksam, die sonst alles bei Amazon kaufen. Aber jede Branche des Einzelhandels bräuchte so einen Preis. Für die Innenstädte ist es heute schlimm. Je mehr leer steht, desto schwieriger wird es für uns.

Das ist bekannt. Wieso reagiert die Politik darauf nicht?

Man sieht das Problem schon und redet darüber – tut aber wenig dagegen.

Welches Problem sprechen Sie an?

Losgegangen ist die Misere mit Einkaufscentern und Industriebetrieben auf der grünen Wiese. Das haben wir hier auch. Wenn Sie über die Isarbrücke Richtung Landshut fahren, kommen Sie zum Gewerbepark Degernpoint. Da gibt es Supermärkte. Zuerst sind die Drogeriemärkte und Lebensmittelläden dorthin gezogen – jetzt gibt es dort und Richtung Landshut einfach alles: Schuhe, Bekleidung, Sportartikel, Möbel, Gartencenter.

Eine E-Commerce-Initiative soll Bayerns Einzelhandel retten. Spüren Sie schon Rückenwind?

Nein. Wir haben das auch nicht verschlafen. Wir haben einen Online-Shop, der sorgt für 6 bis 8 Prozent des Umsatzes. Laut Aussagen meiner Großhändler eine gute Zahl. Wir sind mit der Zeit gegangen. Dazu kommen Probleme mit dem Internet, speziell in der Innenstadt sind die Leitungen … (schüttelt den Kopf, lacht)

Also kein Highspeed-Internet?

Nein, ganz bestimmt nicht. Wir hatten vor zwei Jahren gerade vor Weihnachten ein massives Problem, da ging überhaupt nichts mehr. Dann können wir kaum noch arbeiten. Wir nutzen digitale Bibliografien - die liegen auf auswärtigen Servern, über die gehen auch die Bestellungen raus.

Was haben Sie gemacht?

Wir haben reklamiert, gefragt, was mit den Leitungen ist. Man sagte uns: Ihr habt leider alte Kupferleitungen in der Innenstadt. Das ist bitter. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht - und dann behindert uns das. In dem Dorf, in dem ich wohne, habe ich viel schnelleres Internet als hier in der Stadt. Da wurde viel versäumt. Da müsste von der Politik ganz oben etwas passieren.

Darüber freut sich Amazon.

Letztlich ist das so. Der Kunde wird immer anspruchsvoller bei der Lieferzeit. Früher war das nie Thema. Heute werde ich häufig gefragt: Kriege ich das noch am Nachmittag, wenn ich das am Vormittag bestelle?

Wie haben Sie darauf reagiert?

Wir hatten den Bestellprozess schon lange optimiert. Sie können bei mir abends um Fünf ein Buch bestellen, dann ist es am nächsten Morgen da. Wenn gewünscht, schicken wir Ihnen das Buch auch zu. Das machen wir nicht generell, weil ich natürlich will, dass der Kunde auch kommt. Wir haben die Öffnungszeiten angepasst. Sie können Ihr Buch bis 18:30 Uhr abholen, samstags bis 16 Uhr.

Wird dieser Service von den Kunden auch geschätzt?

Die, die häufiger kommen, schätzen das natürlich. Aber die meisten Leute kennen nur noch Amazon. In Degernpoint baut Amazon ein Auslieferungslager. Das soll bis Weihnachten fertig werden. Wenn die es schaffen, noch am Tag der Bestellung auszuliefern, könnten wir das zu spüren kriegen.

Sie gelten als Begegnungsort für Buchkultur. Wie haben Sie das geschafft?

Wir machen heute viel mehr Veranstaltungen als vor 10 oder 20 Jahren. Wir machen viele Lesungen. Mein Schwerpunkt liegt auf der Leseförderung für Kinder und Jugendliche. Ich kooperiere mit den Schulen und stelle dort Bücher vor und rege die Schüler zum Lesen an – natürlich ohne Verkauf.

Spüren Sie da Interesse?

Ja, doch. Und so bekomme ich mehr Menschen in meinen Laden. Im Rahmen des Welttages des Buches hatte ich insgesamt 350 Schüler hier. Seit sechs Jahren habe ich eine Kooperation mit der Förderstätte der Lebenshilfe in Moosburg. Wir haben die die Initiative „Gemeinsam leben, gemeinsam lesen“ ins Leben gerufen.

Das ist dann auch so eine Art Inklusionsprojekt …

Irgendwie schon. Wir treffen uns hier einmal im Jahr, die Bewohner der Förderstätte und unsere Kunden. Wir zeigen uns gegenseitig etwas, lesen uns etwas vor, machen gemeinsam Musik. An solchen Tagen wird unser Buchladen tatsächlich zu einer Begegnungsstätte.

Gibt es einen Run auf die Bücher von Peter Handke, nachdem er den Literatur-Nobelpreis bekommen hat?

Ein bisschen, aber nicht mehr so viel wie früher. Wenn damals Marcel Reich-Ranicki ein Buch empfohlen hat, standen am nächsten Tag bei mir zehn Leute im Laden, die es haben wollten. Heute verlassen sich die Kunden sehr auf unsere Empfehlungen.

Veröffentlichen Sie Buchkritiken?

Nein, aber ich mache zweimal im Jahr Buchvorstellungen, im Rahmen des vhs-Programms. Die Nachfrage ist so groß, dass ich die Teilnehmerzahl auf 60 Personen begrenzen muss. Die Leute melden sich jetzt schon wieder für das Frühjahr an. Wenn ich da eines meiner Lieblingsbücher vorstelle, zieht das mehr, als wenn irgendwo ein Preis vergeben wird.

Hat sich im Verlauf der Jahre auch Ihr Sortiment verändert?

Der Laden war früher etwas literarischer ausgerichtet, da wurde auch mehr literarisch gelesen als heute. Wir wollten diese Hemmschwelle abbauen. Jeder Leser soll sich bei uns wohlfühlen, egal, ob der „Shades of Grey“ liest oder auf den neuesten Krimi von Rita Falk steht. Aber natürlich bieten wir auch literarisch anspruchsvolle Belletristik.

Was macht Ihre Buchhandlung so besonders?

Wir führen auch Titel der kleinen Verlage. Das hat Staatsminister Sibler ausdrücklich gelobt. Es gibt auch da eine Entwicklung, die mir Sorgen macht. Große Ketten wie Thalia und Osiander kaufen immer mehr Kleine auf. Diese Marktmacht ist beunruhigend, weil diese Ketten viel mehr Einfluss haben als ich mit meinem kleinen Buchladen.

Was befürchten Sie?

Die Großen wählen die Titel aus, die gut gehen. Der Rest fällt hinten runter. So entsteht ein Einheitsbrei – also genau das, was wir Fachhändler nicht wollen.

Wer ist denn Ihr klassischer Kunde?

Den gibt es nicht. Das ist sehr breit gefächert. Wir haben die Schüler, das geht von der Grundschule bis zur achten Klasse. Dann bricht das weg, weil sie so viele andere Interessen entwickeln in dem Alter. Wir haben aber auch viel Zuzug aus München, vor allem Familien. Die Mütter kaufen für ihre Kinder erste Lesebücher …

Läuft die Krimi-Welle immer noch?

Krimi geht nach wie vor. Ich bin nicht so der Fan, aber zum Glück kennt sich eine Mitarbeiterin von mir damit bestens aus. Wir hören oft: Ich bin im Job so gestresst, dass ich im Urlaub nur einen „g'scheiten Krimi“ lesen will.

Gibt es Sparten, die nicht mehr gehen?

Mit dem Internet sind Lexika ausgestorben. Große Bildbände will auch keiner mehr, weil jeder mit seinem Smartphone selbst viele Bilder macht. Auch technische und handwerkliche Themen gehen kaum noch, weil es auf YouTube dazu hunderte Erklärvideos gibt.

Wird heute weniger gelesen als früher?

Ist leider so. Vor 20 Jahren gab es kein Tablet und keine Streams. Man hat Sport gemacht und danach ein Buch gelesen. Fertig. Heute sind die Leute gestresster, sie haben weniger Zeit. Man kann so viel verpassen. Es gibt YouTube, Computerspiele, Netflix-Serien, Facebook. Da bleibt für das Lesen weniger Zeit.

Wollen Ihre Kunden noch Beratung?

Die Leute, die kommen, erwarten das. Das gilt für die Mutter, die ein Buch sucht, das ihren Sohn zum Lesen bringt. Das gilt für den Chef, der etwas zum Abschalten braucht. Wir helfen, wenn ein Schüler ein Buch für sein Referat braucht. Meistens kenne ich die Lehrer und weiß, was gut ankommt.

Setzen Sie auf Kundenbindung?

Anders geht es nicht. Man muss ein Konzept haben und das bieten, was Amazon nicht hat. Persönliche Ansprache gehört dazu. Ich komme mir manchmal vor wie eine Beraterin. Ich muss fragen: Wie war der Urlaub? Wie geht´s dem Kind? Aber das gehört genauso dazu wie eine schöne Veranstaltung, bei der man ein Glas Wein trinkt.

Ist der Beruf Buchhändler noch zu retten?

Ich glaube nicht, dass der Beruf ausstirbt, aber es ist schwierig. Kleine Buchhandlungen machen zu, die großen bilden noch aus, übernehmen aber oft keine Azubis. Wenn ich einen Schülerpraktikanten habe, sage ich dem deutlich: Wenn Du als Selbstständiger davon leben willst, vergiss es. Auch das Modell Angestellter in München funktioniert nicht, weil Du Dir die Stadt nicht leisten kannst.

Welches Buch liegt bei Ihnen auf dem Nachttisch neben dem Bett?

(Lacht) Da liegt gar nichts. Da schlafe ich. Auf meinem Esstisch ist es dagegen so, dass ich erst die Bücher wegschieben muss, wenn ich Platz für den Teller brauche.

Und welcher Titel hat Sie da beeindruckt?

Ich habe viel Pflichtlektüre, zum Beispiel aktuell ein Buch von einem Autor, der heute auf einer Veranstaltung der Pfarrgemeinde liest. Danach war Jan Weiler mit dem Titel „Kühn hat Hunger“ dran, weil der bei uns zur Lesung da ist. Mein Liebling ist auch der Liebling aller Buchhändler: Der Gesang der Flusskrebse von Delia Owens. Gut finde ich auch „Ich bin Circe“ von Madeline Miller.

Haben Sie einen Tipp für Unternehmer, die für Geschäftsfreunde etwas zu Weihnachten suchen?

Rolf Dobelli vom Diogenes Verlag ist da ganz gut. Ein nettes Präsent, günstiger Preis, null Compliance-Risiko. Dobelli greift gut aktuelle Themen auf. In seinem neuesten Buch empfiehlt er, man solle sich eine Pause gönnen von Internet, Social Media und Nachrichten. Tenor: Man verpasst nichts. Die ganze Info-Flut macht einen nur narrisch, wie man auf Bayerisch sagt.